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Kultur Autorin Nora Bossong im Gespräch
Nachrichten Kultur Autorin Nora Bossong im Gespräch
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09:30 08.11.2010
Von Martina Sulner
Im HAZ-Interview spricht Nora Bossong über die Nazi-Verstrickungen deutscher Diplomaten und die Recherche im Auswärtigen Amt.
Im HAZ-Interview spricht Nora Bossong über die Nazi-Verstrickungen deutscher Diplomaten und die Recherche im Auswärtigen Amt. Quelle: Handout
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Frau Bossong, der Bericht der Historiker-Kommission zu den Nazi-Verstrickungen des Auswärtigen Amtes hat Wellen geschlagen. Mit „Webers Protokoll“ haben Sie einen Roman über einen deutschen Diplomaten in der NS-Zeit geschrieben. Wie sind Sie auf das Thema gekommen?

Der diplomatische Dienst ist ein faszinierendes Milieu: Diplomaten und Mitarbeiter des Auswärtigen Amtes, des AA, bilden eine relativ homogene, nach außen abgeschottete Gemeinschaft; das ist fast eine Parallelwelt. Außerdem – mein Buch spielt ja in den vierziger und auch in den fünfziger Jahren – interessieren mich die NS- und die Adenauer-Zeit. Und die Frage, wie es ein Ministerium schaffen konnte, über ein halbes Jahrhundert eine weiße Weste zu behalten.

Sie schreiben über einen deutschen Diplomaten in Mailand, der Juden gegen Bezahlung neue Pässe verschafft. Immerhin hat er damit Menschen das Leben gerettet ...

... aber aus den falschen Motiven. Weber ist in eine brenzlige Situation geraten, und um seinen eigenen Kopf aus der Schlinge zu ziehen, hilft er Verfolgten bei der Flucht. Er hätte sie möglicherweise ebenso ausgeliefert, wenn ihm das geholfen hätte. Sein Karrierismus macht ihn zudem blind für Menschenschicksale.

Gab es für Ihre Romanfigur ein Vorbild?

Weber setzt sich zusammen aus mehreren, durchaus authentischen Personen und auch aus meiner Phantasie.

Wie haben Sie recherchiert?

Ich habe mit Mitarbeitern und Ehemaligen des Auswärtingen Amtes gesprochen, Hans-Jürgen Döschers Buch „Das Auswärtige Amt im Dritten Reich“ und nachfolgende Studien gelesen. Außerdem habe ich im Archiv des Auswärtingen Amtes verschiedene Akten eingesehen.

Die Historiker-Kommission klagt darüber, dass das Archiv die Recherche behindert hat. Wie sind Ihre Erfahrungen?

Sehr gut. Ich habe an das Archiv geschrieben. Bereits am nächsten Tag bekam ich einen Anruf von einem sehr netten Archivar, der fragte, wann ich kommen wolle. Eine Frau von Mitte 20 – das wirkt ja auch nicht so bedrohlich wie eine Kommission von bekannten Historikern.

Was hat Sie an den Akten am meisten überrascht?

Am stärksten ist mir aufgefallen, wie sehr die Mitarbeiter das Leben außerhalb ihres Amts ignorierten. Ein harmloses Beispiel: In einer Akte habe ich einen Brief eines Mitarbeiters gefunden, in dem er um Gehaltserhöhung bittet, weil er schließlich eine dritte Fremdsprache, Niederländisch, beherrsche. Ich finde das unglaublich: Draußen bricht die Welt zusammen, und der Mann schachert um ein paar Reichsmark.

Gab es noch andere Beispiele?

Zahlreiche, am schlimmsten fand ich einen Notizzettel, auf dem jemand notiert hatte, wann er sich mit einem Kollegen zum Frühstück treffen wollte. Die Notiz war auf der Rückseite einer amtlichen Mitteilung geschrieben, in der es um die sogenannte Judenfrage ging. Sich darauf die Uhrzeit einer Verabredung zu notieren, ist pervers und zeigt eine grausame Gleichgültigkeit.

Die Studie der Historiker-Kommission hat Sie also nicht überrascht?

Nein, mich überrascht eher die breite öffentliche Wirkung und immer noch die Tatsache, dass und wie es das Auswärtige Amt geschafft hat, sich so lange nicht mit seiner Vergangenheit beschäftigen zu müssen. Die meisten Fakten waren längst bekannt, die Untersuchung von Döscher zum Beispiel wurde 1987 veröffentlicht.

Bundesaußenminister Guido Westerwelle hat jetzt die Schuld des Auswärtigen Amtes eingestanden. Empfinden Sie da eine gewisse Genugtuung?

Ich sehe das zwiespältig. Indem er sich jetzt für die Vergangenheit entschuldigt, wäscht Westerwelle zugleich das gegenwärtige Amt rein. Ich habe den Eindruck, dass er in gewisser Weise die Studie nutzt, um sich und seine Behörde von den Vorgängern abzugrenzen. Dennoch ist es natürlich wichtig, dass endlich von offizieller Seite dazu Stellung bezogen wird.

Haben Sie auf Ihren Roman Reaktionen aus dem Auswärtigen Amt bekommen?

Bei Lesereisen im Ausland komme ich mit deutschen Botschaftsangehörigen ins Gespräch. Die meisten freuen sich darüber, dass sie ihre Arbeit in einem Roman wiederfinden. Die Ambivalenz der Figur Weber blenden die meisten aus – die einen sehen ihn eindeutig als bösen, die anderen als guten Charakter. Den Diplomaten war er meist recht sympathisch.

Sie lassen ihn nicht so leicht entwischen. Er schafft es in Ihrem Roman nicht, nach Kriegsende problemlos zurück in den diplomatischen Dienst zu gelangen.

Wer einmal im Auswärtigen Amt nicht hundertprozentig funktioniert hatte, den wollte man Anfang der fünfziger Jahre nicht unbedingt zurückhaben. Die Studie der Historiker-Kommission zeigt ja auch, wie schwer es gerade jene hatten, die auf Distanz zum NS-Regime gegangen sind.

Ronald Meyer-Arlt 08.11.2010
08.11.2010