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Kultur Autorin überrascht mit neuer Härte
Nachrichten Kultur Autorin überrascht mit neuer Härte
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20:37 27.02.2017
Von Jutta Rinas
Virtuose Erzählerin: Silke Scheuermann.
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Hannover

„Glaubst du, das ist eine tote Nutte? Atmet sie noch?“ „Natürlich atmet sie noch. Wenn du mal die Klappe hältst, hörst du sogar, wie sie schnarcht. Das ist übrigens meine Mutter.“

Es sind zwei zwölfjährige Jungen, die in Silke Scheuermanns neuem Roman „Wovon wir lebten“ (Schöffling & Co., 528 Seiten, 24 Euro) diesen Dialog führen. Abrupter, härter als mit dieser Szene hätte die 43-Jährige ihre Leser wohl kaum in die trostlose Welt ihres Protagonisten Marten einführen können. Dessen Mutter liegt wie so oft betrunken im Schilf: Der Sohn versucht, sie nach Hause zu holen, wo er mit ihr, dem tyrannischen Vater und der kleinen Schwester lebt.

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Die Eingangsszene in „Wovon wir lebten“ macht aber auch deutlich, dass im dritten Roman der vielfach ausgezeichneten Lyrikerin ein ganz anderer Ton als in ihren Gedichten herrscht. Scheuermann, die 2014 mit dem Hölty-Preis der Stadt Hannover ausgezeichnet wurde, entwirft dort das Bild eines Jugendlichen, dessen Kindheit von Gewalt geprägt ist - und der diese Erfahrungen zunächst bruchlos auf sein eigenes Leben überträgt. Marten verdient sich früh als Drogendealer etwas dazu, später schlägt er einen Nebenbuhler krankenhausreif - und genießt den „magischen Moment“.

Virtuoser Kunstgenuss

Es ist eine der Stärken des Romans, dass Scheuermann zeigt, wie konsequent Martens Entwicklung einer inneren Logik folgt. Ihr gelingt das mit einer überraschenden literarischen Strategie: Sie erzählt Martens Geschichte aus der Ich-Perspektive. Die Frau, die für ihren poetischen Ton berühmt ist, schreckt dabei selbst vor derbsten Sexszenen im Drogenrausch nicht zurück - und formuliert sie zwingend. Dass dabei eine Frau einen Blick auf Frauen wirft, die Gefallen an dem latent stets gewalttätigen Liebhaber finden, verleiht dem Roman einen eigenen Reiz. Scheuermann schiebt immer wieder aber auch Kapitel ein, die von der Stimmung leben. Nächtliche Spaziergänge, Morgen nach rauschhaft durchwachten Nächten, beschreibt sie voller Schönheit, Melancholie. Wie genau sie beobachtet, kommt auch dem zweiten Strang der Geschichte zugute. Denn in Martens Leben eröffnet sich wider Erwarten eine Perspektive: Er kocht leidenschaftlich gern und arbeitet sich bis zum Chefkoch hoch. Auch aus der Welt, in der Räucherfischtörtchen mit Feldsalat und Schnittlauchschmand oder Poulardenbrust auf Kartoffel-Karottentopf mit Portweinjus Martens Leben bestimmen, erzählt Scheuermann virtuos. Selbst das Spiel mit der oft so eigenwilligen Sprache von Restaurantkritikern lässt sie sich nicht entgehen. Es ist, wie der Roman insgesamt, ein Kunstgenuss.

Die Lesung: Silke Scheuermann liest am Mittwochabend von 19.30 Uhr an im Literaturhaus, Sophienstraße 2, aus „Wovon wir lebten“. HAZ-Redakteurin Jutta Rinas moderiert.

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