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Kultur Bachmann-Preisträger Peter Wawerzineks Buch "Rabenliebe"
Nachrichten Kultur Bachmann-Preisträger Peter Wawerzineks Buch "Rabenliebe"
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08:38 24.08.2010
Von Martina Sulner
Schriftsteller und Preisträger Peter Wawerzinek. Quelle: dpa (Archiv)

An diesem Buch, "Rabenliebe", hat Peter Wawerzinek einige Jahrzehnte gearbeitet. Mehrmals hat der gebürtige Rostocker dafür Anlauf genommen, hat die Geschichte bereits in kürzeren Texten vorweggenommen, doch jetzt hat der Schwung für den großen, großartigen ­Roman gereicht: Gerade ist „Rabenliebe“ erschienen; für einen Auszug daraus hat der 55-Jährige im Juni in Klagenfurt den Ingeborg-Bachmann-Preis und den Publikumspreis des Wettbewerbs erhalten.

Der Gewinn des Bachmann-Preises hat den Autor ins Rampenlicht gerückt, in dem er schon einmal kurz stand. 1991 hatte er beim Klagenfurter Wettlesen das Bertelsmann-Stipendium erhalten und in den folgenden Jahren einige von der Kritik beachtete autobiografische Romane veröffentlicht. Dann verschwand der Autor, der in den Vor- und Wendejahren zur Literaturszene am Ostberliner Prenzlauer Berg gehört hatte, wieder aus dem Literaturbetrieb. Jetzt meldet er sich mit einem Buch zurück, das hauptsächlich um ein einziges Thema kreist: die Suche des Autors nach seiner Mutter.

Wawerzineks reale Kindheitsgeschichte ist grausam. Als er zwei Jahre alt war, verließen seine Eltern ihn und seine jüngere Schwester. Die Eltern flüchteten von Rostock nach Westdeutschland, ließen die Kinder in der Wohnung zurück. Dort wurden sie, halb verhungert, von Nachbarn aufgefunden. Im Krankenhaus päppelte man die Kinder auf, brachte sie später getrennt in Heime. Erst als Halbwüchsige trafen die zwei einander wieder.

„Rabenliebe“ setzt ein mit der ersten Erinnerung eines Jungen, der – auch wenn es sich um einen Roman handelt – wohl mit dem Autor als Kind identisch ist. Der Junge ist vier Jahre alt und wird in ein mecklenburgisches Kinderheim transportiert. „Schnee ist das erste, woran ich mich erinnere“, heißt es, und Schnee und Winter wird der Erzähler weiterhin lieben. Er mag das Kalte, Weiße, Reine, und er mag Krähen und Meisen. In Gedanken führt der Junge mit den Tieren Gespräche, während er mit Menschen nicht sprechen mag. Im Kinderheim hält man ihn für geistig zurückgeblieben.

Wawerzinek erzählt die Geschichte eines Kindes, das den Heimalltag für die „normale“ Lebensform hält. Erst spät begreift der Junge, dass und wie Menschen in Familien leben können. Heimkinder, schreibt der Autor, müssten auf „die Anerkennung ihrer Person, auf Einfühlung, Vermögen, Verbundenheit“ verzichten. Doch auch, nachdem er später adoptiert wird, habe er nicht viel „mehr an Liebe und Zuwendung erhaschen können, als mir während meiner gesamten Kinderheimzeit zugefallen ist“.

Er fühlt sich von den Adoptiveltern nicht geliebt, sondern „aus egoistischen Gründen für erzieherische Versuche missbraucht“. In dem Dorf an der mecklenburgischen Ostseeküste versucht die biedere Adoptivmutter in den sechziger Jahren den Jungen ihrem Ideal entsprechend zu einem angepassten Kind zu formen. Von den Adoptiveltern erfährt er, dass seine leiblichen Eltern noch leben, irgendwo in Westdeutschland. Jetzt entwickelt das Kind eine immer stärkere Sehnsucht nach der Mutter; immer vehementer verabscheut es die lieblosen Adoptiveltern.

An manchen Stellen ist Wawerzineks Suada schwer erträglich; die Besessenheit des Icherzählers von der Suche nach der Mutter und die Ablehnung der Adoptiveltern wirken oft übersteigert. In manchen Passagen klingt er selbstmitleidig und pathetisch. Andererseits liest man dieses Buch gerade deshalb so gebannt, weil es über weite Strecken konsequent aus der Sicht des Kindes und später des Erwachsenen erzählt und unermüdlich um die Leere kreist, um etwas, das fehlt. Doch so nah der Autor bei den Wahrnehmungen und Empfindungen des Kindes ist – erträglich und faszinierend wird diese Geschichte, weil der Roman reflektierende und auch ironische Passagen hat. Und weil er, wie nebenbei, die Atmosphäre der fünfziger, sechziger Jahre anschaulich macht. Wenn etwa anklingt, dass die Verrohung der Mutter und die fehlende Empathie der Adoptiveltern mit Kriegs- und Fluchterfahrungen zusammenhängen könnten.

In „Rabenliebe“ wird der Leser nicht nur in die Erinnerungen des Jungen hineingezogen, sondern nimmt auch an der Gedächtnisarbeit des Erwachsenen teil. Der Autor ist sich oft nicht sicher, ob und wann ihn seine Blicke in die Vergangenheit trügen. Wurde der Vierjährige tatsächlich mit einem großen Auto ins Kinderheim chauffiert? Oder ist er nicht doch im Autobus zum Heim gefahren worden?

So ist „Rabenliebe“ – der Titel bezieht sich auf die Liebe zu einer „Rabenmutter“ – nicht nur ein Roman über die Suche nach der Mutter (der Vater kommt kaum vor). Es ist auch ein sprachgewaltiges, vielschichtiges Buch über das Erinnern und darüber, wie Menschen sich von Illusionen leiten lassen. Und der Icherzähler formuliert auch die Sorge, dass er mit dem Zeitpunkt der „Mutterfindung“ vielleicht als Autor verstumme.

Auch von dieser „Mutterfindung“ erzählt der Roman. Die mittlerweile alte Frau lebt in Süddeutschland; aus ihrer zweiten Ehe hat sie acht Kinder. Denen hatte sie erzählt, dass ihre Kinder aus erster Ehe als Babys gestorben seien. Spätestens als Wawerzinek das erfährt, begreift er, dass die seit 50 Jahren von ihm herbeigesehnte Mutter „ein Gespinst, eine ­Farce, ein Trugbild ist, das ich nicht länger durch mein Leben tragen will“. Die Illusion ist zerstört.

Peter Wawerzinek: „Rabenliebe“. Galiani. 428 Seiten, 22,95 Euro.

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