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Kultur „Bagdad 3260 Kilometer" ein voller Erfolg
Nachrichten Kultur „Bagdad 3260 Kilometer" ein voller Erfolg
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18:22 01.06.2012
Von Ronald Meyer-Arlt
Foto:Eingeschränkter Handlungsraum: Was kann Samira (Meriam Abbas) in Berlin tun, wenn in Bagdad ihr Vater entführt wird?
Eingeschränkter Handlungsraum: Was kann Samira (Meriam Abbas) in Berlin tun, wenn in Bagdad ihr Vater entführt wird? Quelle: Ribbe
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Das Handy schnarrt zur Unzeit. Mitten im Entspannungsteil der Rückbildungsgymnastik geht der Vibrationsalarm los. Samira, eine junge deutsche Mutter mit irakischen Wurzeln, nimmt das Gespräch an. Und muss erfahren, dass ihr achtzigjähriger Vater, der in Bagdad lebt, entführt wurde.

Anna Sophia, Samiras Mattennachbarin bei den Beckenbodenübungen, fühlt sich durch das Handygebrumm gestört - gerade hätte sie es fast geschafft, eine bis dahin unbekannte Tiefenentspannung zu erreichen. Der Polizist, den Samira gerufen hat, hat auch Probleme mit dem Vater; seiner ist dement und erkennt ihn nicht mehr. Der Zweigstellenleiter, der den Kredit über 50000 Euro bewilligen soll (für das Lösegeld, das Samira beschaffen muss), hat ein Näheproblem und eine vierzehnjährige Tochter, die seiner Arbeit sehr kritisch gegenübersteht. Der Teppichhändler, der das Geld in den Irak transferieren soll, verliebt sich in Irina, Samiras Au-pair-Mädchen, das wiederum einen deutschen Mann sucht, und Sven, Samiras Mann, lang und tief in die Augen schaut. Und Zaid, der wie ein Iraker wirkende Gemüsehändler, ist nie aus Berlin herausgekommen.

Einfach kompliziert? Nein, das Ganze ist auf komplizierte Weise doch wieder ganz einfach. „Bagdad 3260 Kilometer“, das neue Stück von Jan Neumann, das jetzt in der Inszenierung des Autors auf der Cumberlandschen Bühne uraufgeführt wurde, ist eine wahre Wunderkammer an Geschichten - wird aber nie verwirrend. Jede Person, die auftritt (und es treten viele Personen auf), bringt zwar einen ganzen Kosmos an Geschichten mit auf die Bühne, aber mitten in diesem Knäuel an Schicksalsfäden ist immer gut der rote Faden der Entführungsgeschichte zu erkennen.

Die hat es wirklich gegeben. Und die Geschichten drumherum könnten sich auch alle so oder so ähnlich zugetragen haben. Der Autor Jan Neumann, der früher Schauspieler war, erarbeitet seine Stücke im Probenprozess mit dem Ensemble. Die Schauspieler erzählen, Neumann notiert und fügt einiges davon später in das so langsam wachsende Stück ein.

Glücklicherweise scheut er sich nicht vor Hochsprache. Er lässt den Satzfluss mäandern, baut Wasserfälle und Stromschnellen aus Nebensätzen und Parenthesen ein und bleibt dabei doch immer nah an der sprachlichen Wirklichkeit seiner Figuren. Die Erzähler dagegen wirken immer schön ironisch distanziert.

Fünf Schauspieler (Meriam Abbas, Johanna Bantzer, Rainer Frank, Camill Jammal und Sebastian Schindegger) präsentieren die Geschichte so, wie man heute gemeinhin literarische Stoffe auf die Theaterbühne bringt: Die Darsteller schlüpfen in verschiedene Rollen und geben abwechselnd den Erzähler. Das ist alles sehr flott und unterhaltsam - und nur an wenigen Stellen zu kabarettistisch und zu nah am Klischee.

Die Bühne von Dorothee Curio mit einem begehbaren Kleiderschrank im Zentrum und Bündel von Energiesparlampen am Boden wirkt wie ein großer Abenteuerspielplatz - und das ist sie ja auch. Einige Sitzgelegenheiten hängen an Schnüren von der Decke. Werden sie auf den Boden hinuntergelassen, bleiben die Schnüre an den Lehnen befestigt und ergeben so ein treffendes Bild von Vernetzung und Verstrickung. Sehr schön.

Knapp zwei Stunden dauert das Stück; es fühlt sich aber viel kürzer an. Die Zuschauer sind begeistert: Applaus, Getrampel, Gejohle. Und auch Anne-Elisabeth See freut sich. Der Lektorin beim Kiepenheuer-Bühnenverlag gefällt das Stück, das erst jetzt, am Tag der Premiere, wirklich fertig ist. Natürlich wird es ins Verlagsprogramm aufgenommen, sagt sie.

Weitere Aufführungen am 21. und 29. Juni jeweils um 20 Uhr. Karten unter (0511) 99991111.

01.06.2012
Martina Sulner 01.06.2012
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