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Kultur Der Ballhof als Geisterbahn
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15:07 08.02.2015
Von Ronald Meyer-Arlt
Herr Koppelmann? Hören Sie mich? Das ist jetzt nicht mehr witzig!“
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Hannover

„Etwas Entsetzliches ist in mein Leben getreten“ schreibt der Student Nathanael an seinen Freund Lothar. Außenstehenden mag das, was geschehen ist, eher harmlos vorkommen, schließlich ist nur „ein Wetterglashändler“ in Nathanaels Stube getreten und hat ihm seine Ware angeboten. „Ich kaufte nichts und drohte, ihn die Treppe herabzuwerfen“, schreibt Nathanael an seinen Freund. Am Ende wird er selbst zerschmettert am Boden liegen.

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E.T.A. Hoffmanns Nachtstück „Der Sandmann“ ist eine schwarzromantische Geschichte, in der das Grauen aus dem Harmlosen wächst. Mit dem Händler tritt eine böse Erinnerung in Nathanaels Leben. Die Geschichte zeigt: Den Gestalten seiner eigenen Phantasie kann man nicht entfliehen. Man kann sich nicht einmal vor ihnen verstecken.

Wie aber sollte die echte Bühne für dieses Kopftheater aussehen? Regisseur Tomas Schweigen, der E.T.A. Hoffmanns „Sandmann“ jetzt im Ballhof inszenierte, hatte da - zusammen mit Bühnenbildner Demian Wohler - eine hervorragende Idee. Die beiden verlegen die Geschichte aus dem Jahr 1816 ins heute; Spielort ist ein Pförtnerhäuschen und eine baufällige Anlage, bei der es sich auch um ein Theater handeln könnte. So kann uns das Grauen ganz nahe kommen.

Die Pförtnerloge ist extrem detailgenau nachgebildet: abgeschabte Wände, ein altes Radio mit einem Metallbügel als Antenne, eine Kaffeemaschine, wie sie in vielen betrieblichen Teeküchen zu finden ist, alte Postkarten an den Scheiben. In diese ganz normale Hölle der Arbeitswelt schlurft der Schauspieler Sebastian Schindegger als Bummelstudent in der Kleidung eines Wachmanns. Offensichtlich ist das hier ein neuer Job für ihn, denn er kennt sich noch nicht so richtig aus. Seine Angst und Unsicherheit überträgt sich schon jetzt ein wenig aufs Publikum. Dann aber erscheint Koppelmann, ein älterer Kollege, und mit ihm beginnt das wahre Grauen. Wolf List verkörpert hier den biederen, miesen Wachmann von heute, er spielt aber auch Coppelius und Coppola, die Angstgestalten aus dem „Sandmann“. Auch Sebastian Schindegger spielt nicht nur den verängstigen Wachmann, sondern eben auch Nathanael, den verängstigten Studenten aus E.T.A: Hoffmanns Nachtstück. Großartig, wie die beiden es schaffen, die literarischen Figuren und die neu erfundenen Theaterfiguren von heute übereinandezuschichten und wieder auseinanderzufächern.

Das Verblüffende an dem meist stummen aber sehr realistischen Spiel im Pförtnerhäuschen ist die Nähe, die es schafft. Der ängstliche Wachmann lädt zur Identifikation ein. Wir fühlen mit ihm. Und wir erschrecken uns mit ihm. Der Ballhof wird zur Geisterbahn. Aber man erlebt hier kein billiges Jahrmaktsvergnügen, sondern eine intelligente Auseinandersetzung mit einem wichtigen literarischen Werk.

Regisseur Tomas Schweigen hat am Schauspiel Hannover das Publikum schon einmal mit einem hochintelligenten Raumkonzept verblüfft. In seiner Version von Kafkas „Verwandlung“ konnten wir den Raum aus Käferperspektive betrachten. Sein überraschender Zugriff auf den Sandmann zeigt, dass wir von diesem Regisseur und seiner Kunst, Literatur neuen Raum zu geben, noch Einiges zu erwarten haben.

Wieder am 13. Februar, sowie am 7., 17. und 21. März. Kartentelefon: (05 11) 99 99 11 11.

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