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Kultur Bariton Thomas Bauer entdeckt Schubert neu
Nachrichten Kultur Bariton Thomas Bauer entdeckt Schubert neu
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08:00 31.12.2010
Von Stefan Arndt
Bariton Thomas Bauer entdeckt Franz Schuberts Liederzyklus „Winterreise“ von 1827 neu. Quelle: HAZ-Bild
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Man lernt das Wort ja wieder zu verstehen in diesen Tagen: Eine Winterreise – das ist keine Nebensächlichkeit. Sich von einem Ort zu einem weiter entfernten anderen zu bewegen kann eine riskante Angelegenheit sein und sich manchmal sogar zur existenziellen Bedrohung auswachsen. Den Wanderer in Franz Schuberts LiederzyklusWinterreise“ von 1827 allerdings treibt nicht die Unzuverlässigkeit der Bahn in den unbarmherzigen Schnee. Er ist auf der Flucht vor der Erinnerung an eine enttäuschte Liebe. Die im Eis erstarrte Welt draußen ist ein Spiegelbild seiner inneren Befindlichkeit. Und sein Weg läuft ins Leere.

Als einen „Kranz schauerlicher Lieder“ hat der Komponist diese 24 Stücke nach Gedichten von Wilhelm Müller seinen Freunden angekündigt – und zu Recht gefürchtet, sie würden sich ernsthaft entsetzen über das, was sie dann hören sollten. Seither hat es die Rezeptionsgeschichte nicht sehr gut gemeint mit dem Kunstlied. Die Gattung steht in dem Ruf, irgendwie betulich zu sein. In den Konzertreihen sind heute nur sehr selten Liederabende zu finden. Wer sollte sich da noch über ein Lied entsetzen?

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Umso erstaunlicher ist es, was dem 1970 geborenen Bariton Thomas Bauer mit seiner Neuaufnahme der „Winterreise“ glückt: So plastisch, so packend und bedrückend hat man diesen Zyklus lange nicht gehört. Dabei gelingt Bauer, was eigentlich paradox erscheint: ein deklamierendes Legato. Immer ist bei ihm der Text deutlich und sinnbetont zu verstehen. Gleichzeitig verliert er nie die melodische Linie eines Stückes. Die klassische Alternative Text-vor-Musik oder Musik-vor-Text gibt es bei ihm nicht mehr: Bauer befriedigt beide Ansprüche auf höchstem Niveau. Und wenn er am Ende den „Leiermann“ besingt, dann ist es gut, wenn man sich an die Warnung des Komponisten erinnert: Hier klingt der Blick ins Nichts tatsächlich unheimlich.

Befördert wird solche Wirkung vom Pianisten Jos van Immerseel. Als Leiter des Originalklangorchesters Anima ­Eterna hat er sich in den vergangenen Jahren als einer der interessantesten klassischen Musiker profiliert. Auch für die neue Schubert-Aufnahme greift er auf ein historistisches Instrument zurück: Immerseel spielt auf dem Nachbau eines Hammerklaviers aus dem 18. Jahrhundert – und findet darauf Klänge, die eher an Gitarre oder Zymbal erinnern als an einen Steinway-Flügel. So wird diese „Winterreise“ wieder zu einem echten Abenteuer.

Franz Schubert: „Winterreise“, Thomas Bauer, Jos van Immerseel. Erscheint am 3. Januar bei Zigzag Territoires.

Ronald Meyer-Arlt 31.12.2010
Stefan Arndt 31.12.2010
Johanna Di Blasi 31.12.2010