Menü
Hannoversche Allgemeine | Ihre Zeitung aus Hannover
Anmelden
Kultur Basteln am Ende der Weltmusik
Nachrichten Kultur Basteln am Ende der Weltmusik
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
09:25 31.03.2012
Von Marina Kormbaki
Pop-Experimentalist Damon Albarn hat ein neues Album aufgenommen.
Pop-Experimentalist Damon Albarn hat ein neues Album aufgenommen. Quelle: dpa
Anzeige
Hannover

An einem Juniabend des Jahres 1987 soll es gewesen sein, als eine Herrenrunde in einem Londoner Pub das Genre „World Music“ erfand. Ein Jahr nach dem großen Erfolg von Paul Simons in Südafrika aufgenommenem Township-Opus „Graceland“ schien der Runde aus Plattenbossen, Musikproduzenten und Pop-Feuilletonisten die Zeit reif zu sein für kosmopolitische Aura im Plattenregal - beziehungsweise für die Erweiterung des Warenangebots mittels eines neuen Marketingbegriffs.

Es ist ein eitler Begriff. „Weltmusik“ ist alles, was nicht aus Europa und den USA kommt - ganz gleich, ob es sich um tibetischen Mönchsgesang, andische Obertonharmonik oder Heimatklänge vom Ural handelt.

Damon Albarn arbeitet seit geraumer Zeit an der Abschaffung des Etiketts „Weltmusik“. Wenn auch mehr so nebenbei. In den Neunzigern galten der asketische Albarn und seine Britpop-Band Blur als natürlicher Gegenentwurf zu den krawalligen Oasis-Brüdern. Seit neun Jahren aber wartet die Indie-Welt vergebens auf ein Blur-Album.

Zurzeit spekuliert man wieder: Blur wird zum Abschluss der Olympischen Sommerspiele im kommenden Herbst in London ein Konzert geben - da werden sie doch wohl nicht bloß die einstigen Hits „Girls & Boys“ „Song 2“ und „Out Of Time“ auspacken?

Glücklicherweise vergeht die Wartezeit schnell, was an der Umtriebigkeit Albarns liegt. Der inzwischen 44-Jährige ist mit der Comicband Gorillaz und dem Projekt The Good, The Bad and The Queen zum allseits respektierten Pop-Experimentalisten aufgestiegen. Er hat diverse Platten westafrikanischer Musiker in England produziert und mit Künstlern aus dem Kongo, Mali und Nigeria zusammengearbeitet.

Insofern ist das Projekt Rocket Juice and the Moon eine konsequente Fortentwicklung seines interkontinentalen Tuns. Wie schon bei den Gorillaz und The Good, The Bad and The Queen hat Albarn namhafte Musiker versammelt: Mit dabei sind - neben vielen Gästen - Flea, Bassist der Red Hot Chili Peppers, und Afrobeat-Legende Tony Allen. Die drei sind sich vor vier Jahren auf einem Flug begegnet. Seitdem trafen sie sich immer mal wieder im Aufnahmestudio.

Rocket Juice ist ein kurzweiliger, abwechslungsreicher Kompromiss aus westafrikanischer Improvisationskunst und europäischer Strukturversessenheit. Mit dem Opener „1-2-3-4-5-6“ tänzelt sich die Platte im Sechsteltakt heran, Elektrogefiepe erinnert an die verspielte Seite der Gorillaz. Anders als bei den Red Hot Chili Peppers tritt Flea keine Bassgerölllawinen los, sondern hebt Stücke wie das hypnotische „Fatherless“ mit federndem Spiel in einen Schwebezustand. Schlagzeuger Allen steuert einen lockeren, jazzigen Beat bei, obwohl auch er auftrumpfen könnte, wie er in „Hey Shooter“ anklingen lässt. Soulsängern Erykah Badu wünscht hier eine gute Reise hin zur Sonne, während die US-Combo Hypnotic Brass Ensemble zum Abflug bläst.

Albarn hält sich zurück. Lediglich im Song „Poison“ singt er, der poppigsten Nummer der Platte. Schön ist „Dam(n)“ - ein zurückgelehnter Hip-Hop-Track, in dem sich der ghanaische Rapper M.anifest von den Rhythmus-Tricksereien Allens so gar nicht aus der Spur bringen lässt.

Rocket Juice ist Musik über den Wolken, leicht und schnell vorüberziehend. Das tatsächlich Spektakuläre an der Platte ist die Selbstverständlichkeit, mit der Damon Albarn Mainstream-Pop und Afrobeat verschmelzen lässt - und damit die Kategorie „Weltmusik“ in die Mottenkiste der Musikhistorie verbannt.

Stefan Stosch 02.04.2012
Kultur Zum 150. Geburtstag - Gustav Klimt und die Klischees
30.03.2012