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Kultur Bayreuther Festspiel-Chefin stellt Pläne vor
Nachrichten Kultur Bayreuther Festspiel-Chefin stellt Pläne vor
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19:42 25.07.2012
Von Rainer Wagner
Ein Händchen für Provokationen: Der deutsche Gegenwartskünstler Jonathan Meese. Quelle: dpa
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Bayreuth

So viel Spannung war selten, aber das hält die Bayreuther Festspiele nicht davon ab, ihre Auftaktpressekonferenz auch diesmal wieder in einem viel zu kleinen und viel zu heißen Saal abzuhalten, in dem die meisten Journalisten die Redenden zwar hören, aber nicht sehen können. Natürlich waren die vielen Berichterstatter auch gekommen, um noch einmal etwas über die „Tattoo-Affäre“ zu hören, die am Wochenende zu einer Umbesetzung der Titelrolle für die Eröffnungspremiere geführt hatte.

Aber erst einmal arbeitete Festspielchefin Katharina Wagner das Ankündigungsprogramm ab. Wer im nächsten Jahr den Wotan singt (Wolfgang Koch), und dass Frank Castorf im August schon mit erste Proben für den Jubiläums-„Ring“ 2013 beginnt. Es bleibt dabei, dass sie 2015 den „Tristan“ inszeniert und Christian Thielemann dirigiert. Danach kündigte sie „spannende Dinge“ an: Dass 2016 ein neuer „Parsifal“ kommen wird, mit dem beim aktuellen „Tannhäuser“ so erfolgreichen Jungstar Andris Nelsons am Pult und mit Jonathan Meese als Ausstatter und Regisseur.

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Dass Meese beim „Parsifal“ Regie führen soll, geisterte als Gerücht zwar schon durch die Szene, ist jetzt aber amtlich. Der bildende Künstler Jonathan Meese ist schon durch Theater-Arbeiten und theatralische Eigeninszenierungen aufgefallen, aber noch nicht als Opernregisseur. Allerdings hat er im vergangenen Festspielsommer in Salzburg das Bühnenbild für Wolfgang Rihms neue „Dionysos“-Oper entworfen. Katharina Wagner zitierte in Bayreuth Meeses Absichtserklärung, er wolle „wahnsinnig präzise Wagner sachlich dienen“. Es geht bekanntlich um Parsifal, den reinen Toren.

Meese schimpfte zur documenta

Die jüngste Wortmeldung des Künstlers gab es zur documenta. Bei einem Vortrag in der Kasseler Universität schimpfte Meese über Künstler und Kuratoren der documenta, die er „Ich-versaute Typen“ nannte, und stellte seine Ideen zur „Diktatur der Kunst“ vor. „Kunst ist die totalste Befehlskette, der Mensch muss den Erzbefehlen der Kunst ohne Falsch, ohne Murren, ohne Nachzudenken und ohne Hinterfragung folgen; die Führungsbefehle der Kunst sind vollends erzpräzise, eindeutig, erzklar und radikalst“, hieß es in seinem Manifest. Meese forderte Künstler und Kunstrezipienten auf, die „versachlichtesten Befehlsempfänger“ der „Diktatur der Kunst“ zu sein.

Weil Katharina Wagner schon einmal beim Plänepräsentieren war, skizzierte sie auch gleich die Pläne für die folgenden Jahre: 2017 gibt es neue „Meistersinger“, 2018 einen „Lohengrin“, 2019 „Tannhäuser“ und 2020 einen neuen „Ring“.

Dass der Vertrag für Katharina Wagner und ihre Schwester Eva Wagner-Pasquier derzeit nur bis 2015 läuft, steht so weiträumiger Planung offenbar nicht im Wege. Sie seien aufgefordert worden, weiter zu planen, gab Katharina Wagner zu Protokoll.

Nicht kommentieren wollte sie die Nachricht der örtlichen Zeitung, derzufolge ein kaufmännischer Geschäftsführer für die Bayreuther Festspiele gefunden sei: der derzeit noch in Köln engagierte Patrick Wasserbauer. Dabei hatte Wagner eine solche Unterstützung gerade erst in einem Interview eindringlich gefordert. Jetzt aber müsse sich erst einmal der Verwaltungsrat der Festspiele äußern.

Am liebsten auch nicht äußern wollten sich die beiden Festspielchefinnen zur Affäre um den tätowierten Sänger Evgeny Nikitin. Der Regisseur und Bayreuth-Debütant Jan Philipp Gloger fürchtete, die Geschichte um die Tätowierungen des Künstlers könne seine „Holländer“-Inszenierung „beschädigen“ oder zumindest „überschatten“.

Zum Falle des russischen Sängers, der am Sonnabend die Titelrolle des „Holländer“ zurückgegeben hatte, betonten die beiden Wagner-Halbschwestern, dass der Sänger von sich aus aufgegeben habe. An diesem Tag war bekannt geworden, dass Nikitin aus seiner wilden Rockerjugend Tätowierungen mit NS-Symbolik trägt.

Eva Wagner-Pasquier deutete an, es habe möglicherweise Verständigungsprobleme mit dem Sänger gegeben, dessen Englisch interpretationsfähig sei. Auf die Frage, ob die Festspiele von sich aus aktiv geworden wären, wenn Nikitin nicht zurückgetreten wäre, hieß es, die Frage stelle sich nicht – was durchaus eine putzige Antwort ist, da die Frage ja gerade gestellt wurde.

Keine zweite Chance für Nikitin?

Auf die ganz konkrete Nachfrage, ob man Nikitin eine zweite Chance geben würde (die der nach eigener Aussage gerne nutzen würde), gab es allerdings tatsächlich keine Antwort.

Auf der Pressekonferenz ergriff auch Trigema-Chef Wolfgang Grupp (bekannt durch Werbespotauftritte mit einem Affen) das Wort. Der Trikotagenhersteller ist neuer Mitsponsor der Festspiele und stellte einen ebenso kausalen wie kuriosen Zusammenhang zwischen seiner Unterwäschefabrik und den Festspielen her. Beides seien Familienunternehmen mit Stolz auf die deutsche Qualität.

Bei solch deutschem Selbstbewusstsein konnte man mit einiger Sorge der diesjährigen „Wagner für Kinder“-Produktion entgegensehen, die wenig später begann. Denn in den „Meistersingern von Nürnberg“ geht es schließlich auch um deutsche Meisterehre. Aber dem Dirigenten Hartmut Keil und der Regisseurin Eva-Maria Weiss ist ein kleines Kunststück gelungen: Sie erzählen in ganzen 75 Minuten eine Geschichte, die in sich schlüssig ist und auch für Kinder nachvollziehbar. Ob der Lärmpegel, den die 30 Musiker des Brandenburgischen Staatsorchesters Frankfurt (Oder) entfalten, nicht doch ein bisschen heftig ist für junge Ohren, ist eine andere Frage. Dafür ersetzt der Kinderchor höchst putzig die üblichen Chormassen.

Dieses „Meistersinger“-Casting ist reduziert auf die Liebesgeschichte zwischen dem Ritter und seiner Eva und vor allem auf den Sängerwettstreit. Aber weder die Prügelszene noch der „Wahn“-Monolog fehlen ganz. Schließlich will Jukka Rasilainen (der in Bayreuth auch schon mal den Holländer gesungen hat) ebenso Flagge zeigen wie das durchwegs kompetente Team.

Natürlich ist viel gestrichen – und ganz besonders die Wertediskussion zwischen dem Ritter und dem Meister Hans Sachs, der nun etwas unvermittelt sein „Verachtet mir die Meister nicht“ anstimmt. Aber auf diese Formel einigt man sich derzeit in Bayreuth gerne. Vor allem, wenn weit und breit nichts Reichsdeutschtümelndes zu sehen ist.

Kultur „Holländer“ und Prominenz - Bayreuther Festspiele beginnen
25.07.2012
Stefan Arndt 25.07.2012