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00:18 06.12.2014
Foto: Bei ihrer „Creep Magnet“-Konzertreise spielen die Beatsteaks am Mittwochabend in der hannoverschen Swiss Life Hall.
Bei ihrer „Creep Magnet“-Konzertreise spielen die Beatsteaks am Mittwochabend in der hannoverschen Swiss Life Hall. Quelle: Behrens
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Hannover

Bescheidenheit ist kein Charakterzug der Beatsteaks. Nichts weniger als „die beste Band des Universums“ bekämen die Fans an diesem Abend zu sehen, verspricht Frontmann Arnim Teutoburg-Weiß, als die Berliner Band in der Swiss-Life-Hall auf die Bühne kommt. Und weil man ja in Hannover, der neuen „City of Music“, spiele, könne das Konzert eigentlich nur „eine verdammte Musik-Orgie werden“. Wahr ist: Eine Charthitmaschine sind die Beatsteaks zwar nicht, aber seit fast zwanzig Jahren eine der besten Livebands, die die deutsche Musikszene zu bieten hat. Doch ist Orgie selbst für sie nicht ein bisschen zu hoch gegriffen?

In der hannoverschen Swiss Life Hall spielen die Beatsteaks während ihrer „Creep Magnet“-Tour vor fast 5000 Fans.

Ihr Auftritt in Hannover hat etwas vom Flug mit einem Airbus A380, diesem Riesenvogel. Die Triebwerke sind gezündet (Thomas Götz drischt auf sein Schlagzeug ein, Bernd Kurtzke und Peter Baumann schrammeln die Gitarren), sie geben volle Schubkraft (Teutoburg-Weiß brüllt die ersten Zeilen von „Summer“ ins Mikro) und die Masse setzt sich in Bewegung – allerdings sehr langsam. Ein bisschen Wippen, ein bisschen Klatschen, mehr passiert zunächst nicht. Der Flieger rollt nur über die Startbahn. Daran ändert auch der folgende Song „DNA“ vom aktuellen Album „Beatsteaks“ nichts. Obwohl der Song eine krachende Poppunknummer ist.

Doch zum Glück feiern die rund 4800 Fans im Saal mit einem versierten Konzertpiloten, der genau weiß, was seine Passagiere wollen. Teutoburg-Weiß, der Mann mit dem Dandyhütchen, wirbelt über die Bühne, springt auf den Monitorboxen herum und heizt mit Sprüchen wie „Habt ihr Bock auf durch die Decke gehen?“ ein. Für „Wir sind die Beatsteaks – wir könnten eure Eltern sein“ gibt’s sogar Lacher. Obwohl diese Rechnung nicht ganz stimmen kann. Denn der Altersdurchschnitt im Publikum liegt etwa bei Mitte bist Ende 20. Trotz zwanzig Jahren Bandgeschichte ist das ein bisschen arg knapp kalkuliert.

Allerdings hat das Alter der Fans auch sein Gutes. Denn die meisten verstehen die zahlreichen Anspielungen auf die Scorpions. Die Ballade „Ain’t complaining“, die zugunsten des Pianos auf Drums und Gitarre verzichtet, findet Teutoburg-Weiß „besser als ,Wind of Change“. Das Publikum lacht.

Jetzt nimmt der Airbus auch spürbar Fahrt auf. Die Beatsteaks feuern Hit um Hit raus: „Milk & Honey“, „Shut up, Stand up“, „Atomic Love“. Und bei „Hand in Hand“ hebt der Flieger endgültig ab. Die Menge brüllt, johlt, stampft, dass der Hallenboden bebt. „I don’t care as long as you sing“ grölen die 4800 Zuschauer. Die Sitze auf den Rängen sind längst hochgeklappt. Und dann dreht der Flieger namens Beatsteaks schon die Ehrenrunde. Einmal, zweimal. „Macht’s gut Hannover“, ruft Teutoburg-Weiß und verlässt mit seinen Bandkollegen die Bühne. Das Licht geht an.

Die Beatsteaks haben jedoch ein Faible für sogenannte „Hidden Tracks“. Versteckte Musiktitel, die nur der findet, der die CD einfach weiterlaufen lässt. Das funktioniert auch bei Konzerten. Die Halle ist schon halb leer, da kommen die Beatsteaks wieder zurück und greifen nach den Instrumenten. „Habt ihr noch Bock?“ fragt Teutoburg-Weiß und die Band legt zum dritten Mal los. Fans in Winterjacke rennen zurück in den Saal, vorne reißen sich junge Männer die Shirts über den Kopf und widmen sich euphorisch dem „Rempeltanz“. Teutoburg-Weiß stimmt den Police-Hit „So Lonely“ an, alle singen mit – und jetzt klingt es wirklich wie berauscht. Die Beatsteaks mögen nicht die beste Band im Universum sein. Aber sie wissen, wie man musikalische Orgien feiert.

Von Isabel Christian

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