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Kultur Bei Suhrkamp erscheinen Gedenkreden auf Christa Wolf
Nachrichten Kultur Bei Suhrkamp erscheinen Gedenkreden auf Christa Wolf
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08:18 02.01.2013
Von Martina Sulner
Christa Wolf (r) auf der legendären Ostberliner Kundgebung am 4. November 1989. Quelle: dpa
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Hannover

Es ist ein wolkenverhangener, regnerischer Tag, an dem Freunde, Kollegen und Leser Abschied nehmen von Christa Wolf. Am 1. Dezember 2011 ist sie gestorben, am 13. Dezember wird sie auf dem Dorotheenstädtischen Friedhof in Berlin beigesetzt. Am Abend erinnern auf der Gedenkfeier in der Akademie der Künste Volker Braun, Daniela Dahn, Günter Grass, Christoph Hein, Katja Lange-Müller, Ingo Schulze oder Jana Simon an die Schriftstellerin, mit deren Tod auch eine Epoche zu Ende ging. Die Worte zum Abschied sind jetzt im Band „Wohin sind wir unterwegs?“ erschienen.

„Kocht ihr euch eigentlich manchmal was?“, hat Christa Wolf ihre Enkelkinder mitunter etwas sorgenvoll gefragt. Davon erzählt Enkelin Jana Simon, Schriftstellerin und Journalistin. Denn „das überernste Bild, das in der Öffentlichkeit oft von dir gezeichnet wurde, gibt nur sehr unzureichend wieder, wie wir dich erlebt haben“. Sie spricht davon, die Großeltern manchmal zu beneiden um „die Tiefe, die Existentialität eurer Gefechte“. Sie beschreibt deren Wohnung als geschützten Raum, „eine Wehr gegen die Anfechtungen und Geistlosigkeiten der Gegenwart“.

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Wie nahbar Christa Wolf auch für ihre Leser war, macht Nele Hertling deutlich, Vizepräsidentin der Akademie der Künste in Berlin, wo seit 1994 mehr als 10000 Briefe Wolfs das Archiv bereichern. Und Klaus Wowereit, Regierender Bürgermeister von Berlin, zitiert noch einmal den viel zitierten Satz: „Das Vergangene ist nicht tot; es ist nicht einmal vergangen.“ Zu jenem Buch war Christa Wolf in den siebziger Jahren bei einem Aufenthalt im polnischen Gorzów inspiriert worden, dorthin kehrte sie immer wieder zurück, sagt nicht ohne Stolz Stadtpräsident Tadeusz Jedrzejczak, der in Wolfs Werk auch die Grundlagen für einen Versöhnungprozess sieht.

Trost suchend fügen sich die Worte zur Selbstreflexion und Selbstvergewisserung, wenn Suhrkamp-Verlegerin Ulla Berkéwicz von Vorstellungsräumen, Bewusstseinsfeldern und Gedankenhimmeln spricht sowie von einer „Dichterin, der ihr Staat misstraut hatte und die doch von den Feinden dieses Staates mit diesem Staat in eins gesetzt war, weil sie in ihr das sahen, was dieses Staates beste Chance gewesen wäre, eine Idee wirklich zu machen“. Auf die „Abrechnung“ westdeutscher Medien nach Erscheinen der 1979 geschriebenen Erzählung „Was bleibt“ im Jahr 1990 konzentriert sich Günter Grass. „Es war, als wollte man eine öffentliche Hinrichtung zelebrieren.“

Hier kommen noch einmal verschiedene Generationen unterschiedlicher Herkunft zusammen an einer imaginären Tafel, wie sie - auch davon geht immer wieder die Rede - im Hause Wolf viele Gäste bei Essen, Wein und Gesprächen versammelte. Die Sehnsucht danach schwingt mit.

Friedrich Schorlemmer mahnt, „nachwachsender Dummheit entgegenzutreten“; Daniela Dahn, Christoph Hein, Ingo Schulze und Maria Sommer erzählen von persönlichen Begegnungen mit einer kräftigen, unsentimentalen und selbstbewussten „Patrona“, sie beschreiben auch die Innigkeit des Zusammenlebens mit Gerhard Wolf. Von Erfolg und Bedeutung der Literatin in Frankreich und Italien künden ihre Übersetzer Alain Lance und Anita Raja.

Nicht allein mit klugen, ehrfuchtsvollen Worten über sie, über ihre Herzlichkeit, Offenheit, ihre Haltung ehren die Zurückbleibenden Leben und Werk Christa Wolfs. Wie beides verwoben war, wird deutlich in Metaphern, Bezügen, Parallelen, in Textauszügen aus „Kindheitsmuster“, „Kassandra“, aus „Stadt der Engel oder The Overcoat of Dr. Freud“, dem letzten großen Buch aus dem Jahr 2010, in dem sie auch eigene Ratlosigkeit reflektiert, als sie 1992 in Santa Monica die Angriffe und Demütigungen aus Deutschland erreichen. Damals liest sie das Gedicht „An sich“ des Barockdichters Paul Fleming. Schauspielerin Corinna Harfouch trägt es zu Beginn der Feier vor, es endet: „Und eh du förder gehst, so geh in dich zurücke. / Wer sein selbst Meister ist und sich beherrschen kann, / Dem ist die weite Welt und alles untertan.“

„Sie war aber diese Eine, Ganze, die mit allen Fasern lebte und nach sich selber fragte. Sie hatte die Kraft“, sagt Schriftsteller Volker Braun in seiner Totenrede. Er spart die Schläge nicht aus, die Konflikte im gespaltenen Land. „Man warf ihr das Hierbleiben vor: die doch so weit fortging, bis in die Mythenwelt, in uralte Geschichte, an die Wurzeln des Unglücks, auf den Grund.“

Es ist ein Rückblick mit Zugriff auf die Gegenwart, ein Erinnern an menschlichen Reichtum, die Literatur, das Land. „Sie hat der deutschen Literatur wie wenige Würde und Weltbewusstsein gegeben“, sagt Volker Braun. „Wohl nie hat so viel Liebe eine Tote zum Grab geleitet.“

„Wohin sind wir unterwegs: Zum Gedenken an Christa Wolf“. edition suhrkamp. 86 Seiten, 10 Euro.