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Kultur Frühling im Kopf
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19:11 23.03.2014
Von Stefan Arndt
Foto: Ben Becker spielt Strawinsky bei der Radiophilharmonie.
Ben Becker spielt Strawinsky bei der Radiophilharmonie. Quelle: dpa
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Hannover

Igor Strawinskys „Le Sacre de Printemps“ erzählt die Geschichte eines uralten Frühlingsrituals. Es handelt von der ewigen Wiedergeburt der Welt. So gesehen ist es ein gutes Stück für ein „Phil & Chill“-Konzert der NDR Radiophilharmonie, bei dem sich klassische Musik und Party verbinden. Die üblichen Konventionen sollen bei diesem Format mit dem Ziel aufgehoben werden, um ein junges Publikum zu erreichen. Dass das funktioniert, bemerkt man sofort, wenn sich vor dem Konzert im Foyer des Großen Sendesaals umsieht: Das Publikum der Zukunft, das sich viele Konzerthäuser wünschen, ist hier schon eins der Gegenwart. Das von Strawinsky beschworene Wunder der Erneuerung ist schon gesehen, bevor der erste Ton erklungen ist.

Das könnte allerdings auch an dem Schauspieler Ben Becker liegen, der hier in die Rolle eines Reiseführers in die ferne Welt des russischen Komponisten schlüpft. Dabei bleibt der Abend aber weit von belehrenden Vorträgen entfernt. Becker agiert eher wie ein Medium, dass sich vom Strom der Musik forttreiben lässt und dabei ausspricht, was jeder empfinden könnte. Er sitzt unauffällig seitlich hinter dem Orchester und beherrscht doch die Szene: Das Bild seines Kopfes wird auf eine riesige Kinoleinwand projiziert. Später wird er sich schminken, eincremen und die Nase putzen, was seltsam bis verstörend wirken kann.

„Choreografie für den Kopf“ hat Autor und Regisseur John von Düffel den Abend genannt. Seit Jahren erstellt von Düffel, derzeit Dramaturg am Deutschen Theater in Berlin, Bühnenfassungen aus Romanen. Hier geht er einen Schritt weiter: Er komponiert die Theaterfassung eines Musikstücks. Wunderbar erfasst er dabei die Stimmung von Strawinskys „Frühlingsopfer“ auf einem ebenso direkten wie poetischen Weg: Er lässt die Zuhörer den Gedanken der jeweils handelnden Personen lauschen.

So hört man mit der sonor-verrauchten Stimme Beckers, was der Jüngling fühlt, der zum ersten Mal den Opferplatz betritt. Man ist im Kopf des Ältesten, wenn er mit seiner von den Jahren geschärften Intuition die Auserwählte findet. Und man ist bei der Jungfrau, wenn sie den Kopf auf den Holzklotz legt, und der Priester das Beil hebt.

Für alle Figuren findet von Düffel einen eigenen Rhythmus vom mäandernd geerdeten Tonfall des Alten bis zu den auffliegenden Versen der Jungfrau. Das ist sehr schön – und doch auch ein Problem: Von Düffel setzt seine Rhythmen denen von Strawinsky entgegen. Das Stück, das eigentlich mit einem unaufhaltsamen Sog auf das Ende zurast, wird immer wieder durch die Texte unterbrochen und gerät so auch ins Stocken, obwohl der Radiophilharmonie unter Eivind Gullberg Jenssen eine sehr kraftvolle Version des Stückes gelingt. Beide Ebenen sind für sich gelungen, die Synthese aber bleibt aus.

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