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Kultur Die dunkle Seite der Aufklärung
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21:42 16.05.2014
Von Stefan Arndt
Benedikt von Peter
Sucht die Philosophie hinter der Geschichte: Benedikt von Peter. Quelle: Felix Schledding
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Hannover

In den Schuhen steckt das ganze Dilemma des Musiktheaters. „Schlangenleder“, sagt Benedikt von Peter und blickt angewidert auf seinen Kaffeebecher, „das geht gar nicht.“ Die Abneigung des Regisseurs ist dabei nicht etwa im Tierschutz begründet. Er empört sich vielmehr über die Macht der Konventionen in der Oper. Über die immer gleichen, klischeehaften, nicht selten sogar falschen Bilder. Ausgerechnet Don Giovanni, der Wüstling, müsse auf vielen Bühnen Schlangenlederschuhe oder ähnlich zuhälterhaft-exzentrische Assessoirs tragen. Glänzender Anzug, halb offenes Hemd, zurückgegelte Haare: Für von Peter ist das die Karikatur der Figur, die Mozart in seiner gleichnamigen Oper auf die Bühne bringen wollte. „Man muss solche Bilder aus dem Kopf kriegen“, sagt er.

Tatsächlich ist der 37-jährige Regisseur eine Art Bilderstürmer im Opernfach. „Das Musiktheater hinkt den Errungenschaften des Schauspiels um Jahrzehnte hinterher“, sagt er. Dabei geht ihm der teils zornige Furor mancher seiner Vorgänger in den sechziger und siebziger Jahren ab. „Heute will keiner mehr Opernhäuser sprengen“, sagt er. „Man ist ja froh, dass es sie noch gibt.“ Aber damit es sie auch noch länger geben wird, sei es eben an der Zeit, das Theater wieder mit mehr Inhalt zu füllen. Eine zuletzt eher kulinarische Regietradition, die vor allem Wert auf Ausstattung und Dekoration lege, habe den Blick auf den Kern vieler Werke verstellt.

In seiner „Don Giovanni“-Inszenierung, die heute Abend Premiere an der Staatsoper hat, will von Peter wieder für klare Sicht sorgen. Dafür allerdings muss er erst eine andere Perspektive einnehmen. Wieder einmal. Von Peter ist ein phantasievoller Intellektueller, der seine klar durchdachten, oft schlüssigen Konzepte in überraschende Form zu gießen versteht. In Hannover hat er das Publikum bei Luigi Nonos „Intolleranza“ mit auf die Bühne genommen (und dafür den Deutschen Theaterpreis gewonnen), in „La Traviata“ hat er den klassischen Ort des Geschehens einzig der Hauptperson vorbehalten und alle anderen Akteure in den Zuschauerraum oder auf die Seitenbühne verbannt. Eine geplante „Meistersinger“-Produktion konnte wegen Unstimmigkeiten mit dem hannoverschen Leitungsteam nicht umgesetzt werden. Nun plant von Peter diese offenbar ebenfalls exzentrische Inszenierung in Bremen, wo er inzwischen selbst Opernchef ist.

Auch für die Hauptfigur des Mozart-Stücks, das Staatsoper und Regisseur trotz der „Meistersinger“-Differenzen wieder zusammengebracht hat, wählt von Peter eine unkonventionelle Lösung. Aber radikal ist schließlich auch sein Ziel: „Ich will Don Giovanni remythisieren.“ Von Peter möchte aus dem einfachen Verführer die Verkörperung des Begehrens machen, oder besser: das Prinzip des Begehrens, das für den Regisseur „die dunkle Seite der Aufklärung“ ist.

Er sucht die Philosophie hinter der Geschichte. „Don Giovanni“ beschreibt seiner Meinung nach nicht die amourösen Abenteuer eines Edelmanns. Die Oper legt die Spannung offen zwischen vom Gesetz gefestigter Ehe und ungezügelten Begehren, die eine Gesellschaft zu zerreißen drohen.

Aber geht es dann nicht auch bei von Peter in der Oper am Ende immer nur um die Liebe? „Natürlich“, sagt er, „als Opernregisseur muss man Triebforscher werden.“ Nur zur reinen Privatangelegenheit dürfe die Liebe hier nie werden - dann würden die Stücke verniedlicht: „Wenn die Liebe nicht politisch wird, wird sie nicht groß.“

Für die Premiere um 19.30 Uhr gibt es nur noch Restkarten (Stand Freitagnachmittag), die nächsten Aufführungen sind am 25. und 27. Mai.

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