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Kultur Benedikt von Peter inszeniert „La Traviata“ an der Staatsoper Hannover
Nachrichten Kultur Benedikt von Peter inszeniert „La Traviata“ an der Staatsoper Hannover
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19:57 11.09.2011
Von Stefan Arndt
Noch einmal mit Gefühl: Benedikt von Peter sucht neue Wege, um Opern in Szene zu setzen.
Noch einmal mit Gefühl: Benedikt von Peter sucht neue Wege, um Opern in Szene zu setzen. Quelle: Kris Finn
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Hannover

Die Bühne hat Benedikt von Peter früh kennengelernt. Seine Mutter war Sängerin und stets darauf bedacht, ihre fünf Kinder in Kontakt mit Musik und Theater zu bringen. Benedikt lernte Cello, bekam Gesangsunterricht und stand bald auch als Statist auf der Opernbühne. Richtig wohlgefühlt hat er sich dort aber nie: „Ich mochte das ganze Musiktheater überhaupt nicht“, sagt der heute 33-Jährige – der dennoch seit einigen Jahren zu den gefragtesten Opernregisseuren des Landes zählt. Am kommenden Wochenende eröffnet seine Inszenierung von Giuseppe Verdis „La Traviata“ die Spielzeit an der hannoverschen Staatsoper.

Bis vor wenigen Jahren wollte von Peter, der mit 19 Jahren bei einer Aufführung seines Gesangslehrers das erste Mal Regie geführt hat, nichts mehr von der Oper wissen. „Zwischen 20 und 30 habe ich mich mit allen Kräften dagegen gewehrt und nur im Schauspiel gearbeitet“, sagt er und liefert auch die psychologische Erklärung gleich mit: eine Abwehrreaktion auf die Überdosis Kultur als Kind und Jugendlicher. „Auch das Cello ist damals in der Ecke gelandet.“

So klingt es fast wie eine Drohung, wenn der Regisseur erklärt, warum er letztlich doch wieder zur Oper gekommen ist: „Im Musiktheater gibt es noch echte Widerstände – im Schauspiel ist ja längst schon alles erlaubt.“ Der Regisseur als Provokateur? Auf den ersten Blick könnte das auf von Peter zutreffen, schließlich sind seine Inszenierungen deutlich anders als das, was man sonst in Opernhäusern zu sehen gewohnt ist. Im vergangenen Jahr etwa hat er schon einmal den Saisonauftakt in Hannover bestritten – mit Luigi Nonos „Intolleranza 1960“: Das Publikum saß auf der Bühne, die Musiker balancierten darüber auf den Gerüsten der Beleuchter, und die Sänger mischten sich unauffällig unter die Zuschauer. Es war eine extreme Herausforderung für alle Beteiligten – auch für die doch eigentlich unbeteiligten Theaterbesucher.

Dass es sich aber lohnte, diese Herausforderung anzunehmen, erkannten nicht nur viele am Ende begeisterte Zuschauer. Auch die Jury des deutschen Theaterpreises „Der Faust“ nominierte von Peters hannoversche „Intolleranza“ zusammen mit nur zwei weiteren Kandidaten in der Kategorie Regie Musiktheater. Ob der junge Regisseur dabei gewinnt, entscheidet sich im November. Bereits am kommenden Sonnabend wird man aber die Gelegenheit haben, eine weitere Facette seiner besonderen Regiearbeit kennenzulernen, denn auch „La Traviata“ wird mit manchen Konventionen brechen.

„Es gibt wieder eine andere Raumanordnung“, kündigt von Peter an und zieht eine weitere Parallele zu „Intolleranza“: „Bei Nono geht es um das Martyrium eines Kollektivs, bei Verdi um das Martyrium eines Subjektes.“ Was so theoretisch klingt, entspringt dem fast schon naiven Bedürfnis, Oper sinnlich erfahrbar zu machen. „Die Musik ist sehr physisch: Verdi hat eine Oper über eine Frau geschrieben, die Husten hat“, sagt er. „Das muss man spüren können.“
Doch natürlich geht es bei „La Traviata“ nicht nur um Husten, sondern – wie meistens in der Oper – um die Liebe. Die besondere Situation dieser Liebesoper sieht von Peter schon in der Ouvertüre beispielhaft vorgeprägt. „Die Musik erzählt von extremer Einsamkeit, sie zeigt, wie es in Violetta aussieht“, sagt er. Die Psychologie der Hauptfigur interessiert ihn mehr als die äußeren Umstände der Handlung. Darum möchte der Regisseur auch nicht mehr den „Inhalt gesellschaftlich neu denken“ und das Stück auf diese Weise aktualisieren. „Man braucht nicht zu behaupten, dass Violetta lesbisch ist“, sagt er. Vielmehr müsse man das, was unter dem Stück liegt, vergrößern: die Liebe, die Einsamkeit – all das also, was über die Handlung hinaus in der Musik verhandelt wird.

Damit das gelingen kann, hat von Peter sein Theater „von der Deutung zur Performance“ verlagert. Statt eine Geschichte in einem bestimmten Kontext zu erzählen und beispielsweise die Handlung in andere, klar definierte Zeiten zu verlegen, möchte von Peter Emotionen und Gefühle wecken. Dafür will er auch die Musik besser erfahrbar machen. „Wir sind schließlich nicht im Kino, wo es nur Hintergrundmusik gibt“, sagt er. „Man muss spüren, dass im Theater live im Hier und Jetzt gespielt wird. Nirgendwo sollte man Musik besser erleben können als in der Oper.“

So geht es dem Regisseur am Ende also doch wieder vor allem um Musik. Hätte er da nicht besser Cellist werden sollen? „Gerade bei Verdi kann man gut sehen, dass die Musik mehr erzählt und viel tiefer geht, als die Handlung es tut. Das muss man zeigen.“ Seine Operninszenierungen versteht von Peter daher als ein „Plädoyer für die Musik“. „Es gibt viele Leute, die mit Opernmusik nichts mehr anfangen können“, sagt er. Gerade für sie böten sinnlich erfahrbare Raumkonzepte einen guten Zugang zum Musiktheater. Der Regisseur muss es wissen. Er hat ihn schließlich selbst lange gesucht.

„La Traviata“ hat am 17. September Premiere an der Staatsoper Hannover, Kartentelefon: 0511-99991111.