Menü
Hannoversche Allgemeine | Ihre Zeitung aus Hannover
Anmelden
Kultur Wo ist Mama?
Nachrichten Kultur Wo ist Mama?
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
16:05 07.02.2014
Von Stefan Stosch
Darsteller Ivo Pietzcker in einer Szene des Films "Jack". Quelle: dpa
Anzeige
Berlin

Die Welt mit anderen Augen sehen: Wo ginge das besser als bei einem Kinofestival? Mit jedem neuen Film eröffnen sich neue Perspektiven, und das ist manchmal ganz wörtlich gemeint. Da gibt es zum Beispiel  „Jack“, einen Zehnjährigen in Berlin. Um sich mit ihm auf Augenhöhe zu begeben, drehte der Kameramann zehn Wochen lang aus der Hocke. Von den Erwachsenen sieht man deshalb manchmal nur die Brust, die Köpfe fehlen. Das ist nur konsequent. Denn Jack (Ivo Pietzcker) muss ohne sie klar kommen.

 Auf sich allein gestellt zieht er durch die Stadt, seinen kleinen Bruder Manuel im Schlepptau. Mutter Sanna ist mit ihren wechselnden Liebhabern beschäftigt. Sie ist nicht böse, liebt ihre Kinder wohl sogar - nur selbstsüchtig. Die Verantwortung für die Familie hat längst Jack übernommen. Wie ein Erwachsener managt er den Haushalt, das Frühstück für Manuel oder die Wäsche.

Anzeige

 Doch Jack ist kein Erwachsener, sondern ein Kind. Daran lässt Regisseur Edward Berger, 1970 in Wolfsburg geboren und bislang im Fernsehen beschäftgt, keinen Zweifel. Manchmal erzwingt sich Jack Zuneigung mit radikalen Mitteln: Er vergrault schon mal Mutters neuen Lover aus deren Bett.

 Aber dann geschieht ein Missgeschick mit Manuel, Jack landet im Heim. Er haut ab, findet den Bruder und sucht die Mutter. Tage und Nächte irren die Jungs durch Berlin. Immer düsterer wird der Gesichtsaudruck Jacks. Man ist beeindruckt von der Entschlossenheit dieses Jungen und wütend über die Kaltherzigkeit der Erwachsenen. Sind die - also wir - wirklich so? So gedanken- und gnadenlos?

 „Jack“ ist glücklicherweise kein Problemfilm: Der Regisseur erzählt von der Suche eines unglaublich tapferen Jungen nach Liebe. Drei weitere deutsche Wettbewerbsbeiträge folgen von Feo Aladag, Dietrich Brüggemann und Dominik Graf folgen noch.

 Noch härter und viel brutaler ist „71“, das Kinodebüt von Yann Damange: Nordirland 1971, es herrscht Bürgerkrieg. Der junge britische Rekrut Gary (Jack O’Connell) geht bei einem Einsatz zwischen den Linien von Protestanten und Katholiken verloren. Er muss sich durchschlagen zu seiner Einheit.

 Gehetzt verfolgt die Kamera Garys Weg durch die Nacht, trifft auf Spitzel, Verräter, verhetzte Jugengangs. Der Hass hat die Köpfe vergiftet. Und wir sind so nah dran an Gary, dass auch wir keinen Überblick gewinnen. Geht eine Bombe hoch, torkeln wir mit Gary minutenlang durch den Qualm. Gewiss, es gibt noch Zeichen der Menschlichkeit in Belfast, aber der Regisseur zeigt auch, wie der Bürgerkrieg seinen Protagonisten jedes Mitgefühl austreibt.

 Die 64. Berlinale setzt bislang auf kleine, radikale Filme - oder auf ein so genau abgewogenes Drama wie "Two Man in Town" des Franzosen Rachid Bouracheb. Der Regisseur hat seine Geschichte über Schuld und Sühne in Texas angesiedelt: Ex-Knacki William (Forest Whitaker) sucht den Weg zurück in ein neues Leben. Aber er hat vor 18 Jahren den Hilfssheriff getötet, das wird ihm der Sheriff (Harvey Keitel) nie verzeihen.  Gern preist der Gesetzeshüter zwar amerikanische Werte an, doch Vergebung gehört nicht dazu.

 Vor einer imposanten Wüstenkulisse erleben wir den Kampf eines - keinesfalls unschuldigen - Mannes um Gerechtigkeit, die es für ihn nicht gibt. Das ist packendes Kino. Die 64. Berlinale hat hoffnungsvoll begonnen.

Mehr zum Thema
Kultur Eröffnungsfilm der Berlinale - Anderson zeigt „The Grand Budapest Hotel"

Einchecken bei der Berlinale: Der Eröffnungsfilm „The Grand Budapest Hotel“ von US-Kult-Regisseur Wes Anderson legt einen gelungenen Auftakt zum Filmfestival in Berlin hin.

Stefan Stosch 06.02.2014

Am Donnerstag beginnt die Berlinale — mit mehreren roten Teppichen, vielen Stars und einem neuen Trend.

06.02.2014
Meinung Filmfest Berlinale - Showtime

„Monuments Men“ ist auch nicht die einzige Großproduktion, die in Deutschland gedreht wurde und nun einen glanzvollen Auftritt in Berlin bekommt. Doch internationale Mammutprojekte bilden nur die aufregend knisternde Verpackung der Berlinale. Eine Analyse von Stefan Stosch.

Stefan Stosch 06.02.2014
Kultur Heino im Capitol - Haselnuss im Haus am See
Uwe Janssen 06.02.2014
Kultur Peter Maffay hautnah beim NDR - ...und es war Winter
06.02.2014
Kultur Konzert im Capitol - Schnaps für Jennifer Rostock
06.02.2014