Menü
Hannoversche Allgemeine | Ihre Zeitung aus Hannover
Anmelden
Kultur Berlinale-Auftakt: Matt Damon als Energiehändler in „Promised Land“
Nachrichten Kultur Berlinale-Auftakt: Matt Damon als Energiehändler in „Promised Land“
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
17:34 12.02.2013
Von Stefan Stosch
Anzeige
Berlin

Er gehöre zu den Guten. Das sagt Steve gern. Er muss das auch betonen, denn er kauft US-Farmern im Auftrag eines milliardenschweren Energiekonzerns Gasbohrrechte ab. Manchmal kann er in den Augen seiner Gegenüber förmlich die Dollarnoten blinken sehen, wenn er von dem Vermögen spricht, das tief unten in der Erde nur darauf warte, mit Druck und Chemikalien nach oben gepresst zu werden. Von den Umweltrisiken beim sogenannten Fracking spricht Steve lieber nicht.

Als Lügner sieht Steve sich aber nicht. Die Lage verhält sich komplizierter in Gus Van Sants Film „Promised Land“, dem ersten US-Beitrag im Berlinale-Wettbewerb. Steve glaubt wirklich, auf der richtigen Seite zu stehen. Er will den Bauern eine letzte Chance bieten. Steve, von Matt Damon als sympathisch geradliniger Bursche gespielt, stammt selbst von einer jener Farmen, die Familien kein Auskommen mehr bieten, egal wie saftig das Gras und wie sauber das Wasser ist. Deshalb wirkt er ja so überzeugend und nicht wie der Mann von der Drückerkolonne – und von den Folgen des Frackings sieht man ja noch nichts.

Die 63. Berlinale ist eröffnet. Jetzt beginnt das Rennen um die Bären – und das Warten auf die großen Hollywoodstars.

Van Sants moderner Heimatfilm passt prima in den Wettbewerbsauftakt bei dieser 63. Berlinale. Es geht in den Filmen zumeist um viel: Was ist wichtiger, lautet die Frage an Steve und letztlich an uns alle: kurzfristiger Reichtum oder die Zukunft späterer Generationen? Und nicht nur Amerika steht heute vor dem Ausverkauf.

Zum Ende hin schwenkt Van Sant allerdings auf konventionelle Bahnen ein, wie sie das Hollywood-Kino für durchschnittliche Helden bereithält. Der Regisseur baut sogar noch eine zarte Romanze (mit Rosemarie DeWitt) ein. So versöhnlich kennt man den Regisseur des Highschool-Massakerfilms „Elephant“ nicht unbedingt. Mal schauen, ob US-Kollege Steven Soderbergh am Dienstag mit seinem Thriller „Side Effects“ über die Nebenwirkungen von Psychopharmaka mehr Mut beweist.

Kompromissbereitschaft ist von Ulrich Seidl jedenfalls nicht zu erwarten. Der Österreicher beschließt seine „Paradies“-Trilogie über Frauen, die sich nach echter Liebe sehnen, mit einem Ausflug ins Diätcamp. Eine übergewichtige Teenagerin (Melanie Lenz) verguckt sich in „Paradies: Hoffnung“ in den Leiter dieser Abspeck-Kaserne. Wie stets beobachtet Seidl nüchtern und in aufgeräumten Bildern. Doch sowohl die Lolita-Figur als auch der Lehrer bleiben – ungewohnt bei diesem Regisseur – dem Zuschauer fremd in ihrer Einsamkeit. Zudem fehlt der grimmige Humor, wie er noch beim Urlaub einer Sextouristin in „Paradies: Liebe“ (zu sehen in Cannes) durchdrang, aber schon in „Paradies: Glaube“ (Venedig) nur noch tröpfelte. Es scheint, als habe Seidl bei seinem sensationellen Festival-Hattrick im Schlussspurt  die Kraft verlassen.

Die Berlinale ist das größte Publikumsfestival der Welt. Von 7.bis 12. Februar sind in der Bundeshauptstadt rund 400 Filme zu sehen.

Die Polin Malgoska Szumowska liefert punktgenau den aktuellen Film zur Debatte um Homosexualität und katholische Kirche in ihrer Heimat. Die Regisseurin, 1973 geboren, erzählt eine kleine, persönliche Geschichte im hellen Sommerlicht. Und doch hat es „In the Name of“ in sich: Der Priester Adam (Andrzej Chyra) wird gepeinigt von seinen sexuellen Bedürfnissen. Er betreut ein Jugendheim irgendwo im polnischen Osten, ist aber keineswegs pädophil, nur eben schwul – was bald auch seine Schützlinge ahnen. Einer von ihnen hat sich in Adam verliebt, obwohl der einst doch gerade den Priesterweg eingeschlagen hatte, um seinem Verlangen zu entkommen.

Niemand in diesem Film wird verunglimpft, nicht einmal der Bischof, der den sich anbahnenden Skandal mit einer Versetzung aus der Welt schaffen will. Es ist alles viel schlimmer: Bei Szumowska wird die katholische Kirche als liebesfeindliches System gebrandmarkt, das alle Beteiligten zur Lüge und zum Wegschauen zwingt.

Es ist noch zu früh, echte Favoriten auf die Bären-Trophäen zu benennen. Doch fündig wird, wer dem Vorsitzenden der Wettbewerbsjury, Wong Kar-Wai, folgt und dessen Ratschlag an seine wertenden Kollegen, das Positive in den Filmen zu suchen.

Mehr zum Thema

Er hat Berufsverbot, darf 20 Jahre lang keine neuen Filme drehen und auch sein Land nicht verlassen. Doch dem verfolgten iranischen Regisseur Jafar Panahi ist es trotzdem gelungen, heimlich das Drama „Geschlossener Vorhang“ („Parde“) zu drehen – und den Film zum Wettbewerb der 63. Berlinale zu schicken.

12.02.2013

Im Rhythmus von neun Jahren treffen sie sich wieder: Jesse und Celine. Jetzt ist das Paar, das Kinogänger aus „Before Sunrise“ und „Before Sunset“ kennen, wieder zu sehen: Richard Linklaters Film „Before Midnight“ läuft auf der Berlinale.

Stefan Stosch 12.02.2013

Stars gibt es bei der Berlinale nie genug: Anne Hathaway weint in "Les Misérables" echte Tränen, Til Schweiger freut sich über sein Festival-Debüt und Amanda Seyfried wird für ihre Rolle als Pornodarstellerin gefeiert. Ein Star liegt aber krank im Bett.

10.02.2013