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17:50 06.02.2014
Bärenjagd: In Berlin laufen bis zum 16. Februar rund 400 Filme — eine halbe Million Kinofans will sie sehen. Quelle: dpa
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Berlin

Und los geht’s: Rund eine halbe Million Kinogänger stürmen von heute an die Säle bei den 64. Berliner Filmfestspielen. Eins lässt sich schon jetzt sagen: Es gibt viele zeitintensive Filme, oder wie es der Festivalleiter Dieter Kosslick nennt, „Langstünder“. Das also, was man im normalen Kinobetrieb Überlänge nennt.

Aber was ist in diesen Berliner Tagen schon normal? Dominik Grafs „Die geliebten Schwestern“ läuft 165 Minuten, Lars von Triers „Nymphomaniac I“ 150, Richard Linklaters „Boyhood“ bringt es auf 166. Dagegen erscheint David O. Russells heißer Oscar-Kandidat „American Hustle“ mit 130 Minuten beinahe wie ein Kurzfilm.

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Insgesamt sind in den verschiedenen Sektionen des Festivals rund 400 Filme im Angebot. Wer sich in den Kino-dschungel begeben will, ist also gut beraten, sich die eine oder andere Schneise zu schlagen.

Der Eröffnungsfilm: Der für seine verschrobenen Figuren berühmte Texaner Wes Anderson („Moonrise Kingdom“) präsentiert „The Grand Budapest Hotel“ – gedreht in Görlitz. Ralph Fiennes, Mathieu Amalric und Adrien Brody sind dabei, und auch Andersons Lieblingsschauspieler: Bill Murray. Geschildert wird die wechselvolle Geschichte eines Hotels in den Wirren der Zeiten. 

Der Wettbewerb: Vier Deutsche sind am Start, das ist rekordverdächtig. Dominik Graf lässt Friedrich Schiller in „Die geliebten Schwestern“ eine Dreiecksromanze in Erwägung ziehen. Der mit Komödien bekannt gewordene Dietrich Brüggemann („3 Zimmer/Küche/Bad“) entwirft in „Kreuzweg“ das Porträt einer sehr gläubigen jungen Frau. Edward Berger erzählt in „Jack“ von zwei durch Berlin irrenden Kindern. Die österreichische Regisseurin Feo Aladag („Die Fremde“) zeigt in „Zwischen Welten“ Afghanistan aus der Perspektive eines Bundeswehrsoldaten. Insgesamt konkurrieren 20 Filme um die Bären, allein drei davon aus China. Drei Debüts sind gemeldet, aber auch Regiegrößen wie Richard Linklater und Alain Resnais.

Die Retrospektive: Um die Kunst der Beleuchtung geht es in der filmgeschichtlichen Reihe „Ästhetik der Schatten. Filmisches Licht 1915–1950“, zu der auch ein Begleitbuch erschienen ist (Preis: 19,90 Euro) – und auch bei der dazu passenden Ausstellung im Berliner Filmmuseum. Titel: „Am Filmset der Weimarer Republik“ (23. Januar bis 27. April).

Der Rummel: Außer Konkurrenz laufen die Filme mit dem größten Kreisch-alarmpotenzial – angeführt von „The Monuments Men“ von und mit George Clooney. In der mehr oder weniger wahren Geschichte über eine US-Spezialeinheit, die den von Nazis geraubten Kunstwerken nachjagt, treten bekannte Schauspieler auf: Matt Damon, Cate Blanchett, Bill Murray, Jean Dujardin. Ebenfalls ein Spektakel, wenn auch eher eines der düsteren Art: Lars von Triers „Nymphomaniac“ über eine sexabhängige Frau.

Die Jury: Den Vorsitz führt der amerikanische Produzent und Autor James Schamus, Profi bei der Gratwanderung zwischen Arthouse und Blockbuster („Brokeback Mountain“). Mit ihm entscheiden am 15. Februar über den Goldenen Bären: die Bond-Produzentin Barbara Broccoli, die dänische Schauspielerin Trine Dyrholm („In einer besseren Welt“), ihre US-Kollegin Greta Gerwig („Frances Ha“), Superstar Tony Leung aus Hongkong („In the Mood for Love“), die iranische Filmemacherin Mitra Farahani, der französische Regisseur Michel Gondry („Der Schaum der Tage“) und Oscar-Preisträger Christoph Waltz.

Der Ehren-Bär: Der Brite Ken Loach versteht sich als filmender Anwalt im Dienst der Arbeiterklasse. Manchmal mit erstaunlichen Erfolgen: Sein TV-Frühwerk „Cathy Come Home“ (1966) führte erst zu einer erregten Unterhausdebatte und dann zur Gründung einer Wohlfahrtsorganisation für obdachlose Kinder. Später entdeckte Loach den Humor („Looking for Eric“, „The Angels Share“), ohne den Kampf für Gerechtigkeit zu vernachlässigen. Für seine Galavorstellung am 13. Februar hat er sich die Tragikomödie „Raining Stones“ gewünscht. Momentan arbeitet der 77-Jährige an einem Film über einen irischen Kommunisten, der einen Tanzklub eröffnet.

Der Festivalchef: Bereits im 13. Jahr versprüht Dieter Kosslick nun schon in kunstvoll gebrochenem Englisch seinen Charme. Im Gegensatz zu seinen flotten Sprüchen steht sein Hang zum sozialkritischen Kino, bei dem es weniger zu lachen gibt. Die bevorzugte Dienstkleidung des 65-Jährigen auf dem roten Teppich: Thermo-Unterwäsche, Kaschmirsocken, Ohrenschützer, Schwarzer Hut.

Der rote Teppich: George Clooney und all die anderen Stars werden darüberschreiten. Die Architektin Milena Sage, Projektleiterin bei der Berliner Messebaufirma Minuth, passt auf, dass der Läufer immer schön glatt bleibt. Und wie wird der rote Teppich gepflegt? „Gar nicht“, sagt die Teppichwächterin: „der wird während der Berlinale ein- bis zweimal erneuert. Bei diesem ganzen Schnee und Regen im Februar, ist es schier unmöglich, den Teppich sauber zu halten.“

Karten: Tickets gibt es im Internet und an den drei Festivalschaltern in den Arkaden am Potsdamer Platz, im Kino International und im Haus der Berliner Festspiele (täglich von 10 bis 20 Uhr). Kosten: zwischen 9 und 13 Euro. Am Tag der Vorstellung können die Besucher direkt bei den Kinos ihr Glück versuchen. Für längere Warteschlangen ist ein Campingstuhl zu empfehlen.

Stefan Stosch

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