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Kultur Berliner Ausstellung thematisiert „Hitler und die Deutschen“
Nachrichten Kultur Berliner Ausstellung thematisiert „Hitler und die Deutschen“
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20:21 15.10.2010
Von Simon Benne
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Es war eine wahre Flut an Briefen, die am 20. April 1932 bei Adolf Hitler einging. Aus Dresden grüßte ihn stramm die „treudeutsche Hausgemeinschaft Katechetenstraße 3“. Auch die neunjährige Trautl aus Leipzig schrieb dem „lieben guten Onkel Hitler“ zu seinem Geburtstag ein paar herzige Zeilen. Und in krakeliger Kinderschrift gelobten zwei Jungen aus Darmstadt, ihm „treu in Not und Tod“ zu bleiben. Sie verfassten ihren feierlichen Schwur auf Micky-Maus-Briefpapier.

Liest man solche Briefe heute, wirken sie fast belustigend – ebenso wie viele andere Exponate, die das Deutsche Historische Museum Berlin jetzt in seiner groß angelegten Ausstellung „Hitler und die Deutschen“ zeigt. Zu den kuriosen Hinterlassenschaften des NS-Regimes gehören Brettspiele wie „Auf der Reichsautobahn“ und „Feind hört mit“, es gab Führerquartette und Hakenkreuzlampions, die „Volkszigarre Reichskanzler“ und das Daumenkino „Der Führer spricht“. Das Hakenkreuz nutzte man als Christbaumspitze ebenso wie als Grabsteinschmuck.

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Diese Exponate sind heute von jener unfreiwilligen Komik, die zwischen Hitler und uns eine ebenso große Distanz schafft wie seine Dämonisierung. Sie zeigen, welch seltsame Blüten die Hitler-Verehrung trieb. Worin aber für so viele Deutsche die Faszination dieses Mannes lag, der vom Postkartenmaler zum mächtigsten Mann des Reiches aufstieg, erklärt die Ausstellung nicht recht. Sie zeigt das Wie. Nicht das Warum.

Die Nazis selbst inszenierten mit großer Propaganda einen Personenkult, eine Art mystisches Bündnis zwischen Führer und Gefolgschaft. Hitler-Bilder, -Büsten und -Straßenschilder bezeugen in der Ausstellung, wie diese Ideologie den öffentlichen Raum eroberte. „Deshalb, weil sie mir nachmarschiert sind, konnte ich vorangehen“, sagte Hitler selbst 1937 beim „Reichserntedankfest“ auf dem Bückeberg bei Hameln. Er inszenierte sich nicht nur als Mann des Volkes, sondern als eine Inkarnation der Volksgemeinschaft. Ganz zu Recht will die Ausstellung daher zeigen, dass Hitlers Macht nicht nur mit dessen persönlichem Charisma zu tun hat, sondern auch mit den Befindlichkeiten des Volkes, dem er Wohlstand und nationale Größe verhieß. Dieses dankte ihm dafür mit einer „Selbstgleichschaltung“, akzeptierte Gewalttaten und arbeitete ihm in einer symbiotischen Wechselbeziehung zu.

Die Ausstellung räumt dabei der propagandistischen Verführung große Bedeutung ein. Etwas kurz kommt hingegen, dass viele Deutsche auch ganz handfest vom Regime profitierten. Historiker wie Götz Aly haben längst nachgewiesen, dass die Nazis vielen Deutschen nach 1933 nicht nur einen – komplett auf Pump finanzierten – Aufschwung boten, sondern auch neue Karrierechancen. Etliche profitierten von „arisierten“ Vermögen oder der Ausplünderung besetzter Ge­biete.

Wie subtil das Geschehen zwischen Führer und Gefolgschaft sein kann, wie komplex Verführung und Drohung, Versprechen und Gewalt ineinandergreifen können – das zeigt die Ausstellung nicht. Sie lässt auch außen vor, dass NS-Gegner im Alltag sehr wohl Widerstand im Kleinen leisten konnten. Auf die wichtigen Widerständler weist sie zwar hin, doch woher diese ihre Kraftquellen bezogen, bleibt offen. Dabei lagen diese oft gerade in den gefestigten Milieus, die sich nicht von der milieuübergreifenden Volksgemeinschaft hatten vereinnahmen lassen. Preußens hermetische Adelskaste etwa hielt in Teilen Distanz zu den Nazis, die als traditionslose Emporkömmlinge galten. „Vor allem das sozialistische und das kommunistische Lager und die katholische Subkultur“, urteilt der Historiker Ian Kershaw im hervorragenden Ausstellungskatalog, seien „weitgehend immun“ gegenüber den Verlockungen des Regimes gewesen. Dort, wo die alle Unterschiede einebnende „Volksgemeinschaft“ die Milieuschranken nicht hatte niederreißen können, fanden NS-Gegner ein Umfeld, das ihnen Rückhalt, Zuflucht und innere Stärke bot.

Das Museum unternimmt einen etwas oberflächlichen Parforceritt durch die NS-Geschichte: Zwangsarbeiter und ­Holocaust, Arbeitsdienst und Euthanasie. Die Korrumpierung des Militärs durch das Einrichten gut dotierter Offiziersstellen wird mit prunkvollen „Marschallstäben“ illustriert. Unweit davon sieht man erschütternde Zeichnungen, gemalt von gefangenen Kindern in Theresienstadt. Nur Hitler selbst kommt der Ausstellung bei alledem ein wenig abhanden.

Es gab Zeiten, in denen Historiker lieber anonyme „Strukturen“ analysierten, als sich mit Personen zu beschäftigen. Auf keinen Fall sollte der Eindruck aufkommen, „Männer würden Geschichte machen“. Und für Hitler, den viele Mitläufer gerne als Alleinschuldigen präsentierten, um die eigenen Hände in Unschuld zu waschen, galt das besonders. Im Deutschen Historischen Museum klingt noch ein wenig von diesem Denken an.

Ian Kershaw hingegen attestiert der Person Hitler im Katalog ohne Scheu eine „charismatische Autorität“, wie sie Max Weber einst beschrieben hatte. Der „charismatische Held“ leitet seine Herrschaft und seine Autorität dabei nicht aus Ordnung und Satzungen ab, sondern aus seinen Heldentaten – und verliert sein Charisma, wenn er die Erwartungen seiner Gefolgschaft enttäuscht. Dies hilft auch zu erklären, warum der Hitler-Kult, der noch bis 1945 alle Missstände mit dem Satz „Wenn das der Führer wüsste“ entschuldigte, sich nach dem Krieg so plötzlich verflüchtigte. Neben geheuchelten Unschuldsbeteuerungen in eigener Sache war da auch echte Enttäuschung über den entzauberten Charismatiker im Spiel, der Sicherheit versprochen und Chaos hinterlassen hatte. Auch dieser Effekt half den Deutschen, in der Demokratie heimisch zu werden.

Mit dem Aussterben der Erlebnisgeneration, schreibt der Historiker Norbert Frei im Katalog, werde Hitler allmählich zur „Popfigur“, zur „Gruselgröße in einer globalisierten Medienwelt“. Die Ausstellung selbst offenbart da allerdings noch etwas anderes. Penibel ist sie darauf bedacht, alles zu vermeiden, was als Reliquienkult ausgelegt werden könnte. Ein Sideboard aus Hitlers Arbeitszimmer in der Neuen Reichskanzlei, entworfen von Albert Speer, wird fast schamhaft hinter einem transparenten Vorhang verborgen. Auch das ist Hitler heute: eine politische, moralische und ästhetische Klippe, die es zu umschiffen gilt. Die Ausstellung allerdings tut dies oft gar zu ängstlich.
Im Deutschen Historischen Museum Berlin (Pei-Bau) bis zum 6. Februar. Informationen unter (0 30) 20 30 44 44.

Johanna Di Blasi 15.10.2010
Karl-Ludwig Baader 15.10.2010