Menü
Hannoversche Allgemeine | Ihre Zeitung aus Hannover
Anmelden
Kultur Wem gehört die Straße?
Nachrichten Kultur Wem gehört die Straße?
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
00:18 01.02.2015
Foto: Straßenfotografie von Espen Eichhöfer.
Straßenfotografie von Espen Eichhöfer. Quelle: Espen Eichhöfer
Anzeige
Berlin

Martin Parr ist einer der aktuellen Stars des alten Genres Straßenfotografie, von Henri Cartier-Bresson hoffähig gemacht und von Fotografen wie Lee Friedlander, Helen Levitt oder Saul Leiter als Kunstform etabliert. Jetzt sorgt ein Fall von Straßenfotografie in Berlin für große Aufmerksamkeit. Nicht in einer Bilderschau, sondern vor Gericht.

Der Fotograf Espen Eichhöfer, Mitglied der renommierten Agentur Ostkreutz, ist von einer Frau verklagt worden. Er hatte die Passantin im Rahmen eines künstlerischen Projekts fotografiert, wie sie am Bahnhof Zoo die Straße überquerte, und das Bild in einer Gruppenausstellung der Berliner Fotogalerie c/o Berlin gezeigt - ohne ihre Erlaubnis. Die Frau verklagte Eichhöfer und seine Agentur zunächst auf Unterlassung. „Daraufhin haben wir das Bild abgehängt, denn wenn sie das nicht möchte, ist das in Ordnung“, sagt Eichhöfer. Doch dabei beließ es die Frau nicht. Sie klagte weiter, diesmal auf Schmerzensgeld. Jeweils 4500 Euro für die Agentur und den Fotografen. Diese Forderung wies das Landgericht Berlin zwar als unbegründet zurück, hielt jedoch in seinem Urteil aufrecht, dass der Fotograf mit dem Foto und dessen Ausstellung das Persönlichkeitsrecht der Frau verletzt habe.

Das will der 48-jährige Fotograf nicht auf sich sitzen lassen. Er sieht sein Handeln durch das im Grundgesetz verankerte Recht auf Kunstfreiheit gedeckt. Eichhöfer geht - wie auch die von ihm fotografierte Passantin - in Berufung. Notfalls will er bis vor das Bundesverfassungsgericht. Weil das teuer werden könnte, hat er vorgesorgt - auf eine immer beliebter werdende Art: Per Crowdfunding sollen in den nächsten gut drei Monaten die im schlimmsten Fall knapp 14 000 Euro zusammenkommen. Wer 10 Euro beisteuert, bekommt eine handsignierte Dankespostkarte, wer mit 2000 Euro dabei ist, darf sich von Eichhöfer porträtieren lassen.

Ein Fall der Straßenfotografie von Espen Eichhöfer sorgt in Berlin für große Aufmerksamkeit. Nicht in einer Bilderschau, sondern vor Gericht. Angeklagt wurde der Fotograf von einer Frau, die er ohne ihre Erlaubnis am Bahnhof Zoo fotografiert und das Bild in einer Gruppenausstellung der Berliner Fotogalerie c/o Berlin gezeigt hatte.

Bei einem möglichen Ritt durch die Instanzen geht es dann um mehr als ein paar Tausend Euro oder die Frage, was Fotografen fotografieren dürfen. Es geht vielmehr darum, wie weit sich die Kunst ungefragt in die Privatsphäre von Menschen wagen darf. Und, anders herum, wie viel dokumentierte Öffentlichkeit die Gesellschaft aushalten muss, um Kunst in all ihren Facetten und zensurfrei zu gewährleisten. Im Fall der Straßenfotografie geht es gar um visualisierte Kulturgeschichte, die in unseren Köpfen steckt. Fotos schaffen Erinnerung. Öffentlich ausgestellte Fotos schaffen kollektive Erinnerung. Manche werden zu Ikonen. Jeder kennt solche Bilder. Steht all das jetzt infrage?

Medienrechtler Jörg Nabert sagt: „Die Freiheit des einen ist die Unfreiheit des anderen. Das Gesetz kennt dazu eine klare Regelung. Grundsätzlich muss jeder Mensch gefragt werden, wenn sein Bildnis veröffentlicht werden soll. Es gibt aber von diesem Grundsatz Ausnahmen.“ Neben Prominenten, Demonstrationen und dem sogenannten Beiwerk seien das Bilder, die einem höheren Interesse der Kunst dienten und die ebenfalls ohne Zustimmung der abgebildeten Personen gezeigt werden dürfen.

Das heißt: „Wenn sich jemand in der Öffentlichkeit bewegt, sei es beim Einkaufen oder auf dem Fahrrad, und man fotografiert das als künstlerisches Foto, dann ist dieses Dokument in einer künstlerischen Ausstellung erlaubt.“ Nabert, der auch als Lehrbeauftragter angehenden Fotojournalisten an der Hochschule Hannover Medienrecht beibringt, kennt auch Fälle, die zu Klagen führten. Dabei gehe es meistens um die Frage, in welchem Kontext ein Bild stehe: „Jemand fotografiert eine Frau mit Kopftuch auf der Straße, das Bild erscheint im Zusammenhang mit einem Artikel über illegale Einwanderer, und die Frau ist erkennbar und hält sich nicht illegal auf.“

Auch wenn das Thema Persönlichkeitsrecht in Zeiten der sozialen Netzwerke eine neue Tragweite bekommen hat, hält der Medienrechtler das Gesetz nach wie vor für ausreichend. „Die Regeln, die zu Kaisers Zeiten aufgeschrieben wurden, passen immer noch auf unsere Welt, die wir heute haben.“

Das will Fotograf Eichhöfer nun durch die Instanzen überprüfen. Sein Crowdfunding-Ticker ist in Bewegung. Gestern Abend waren auf der Plattform „Startnext“ bereits gut 1500 Euro zusammengekommen.

Interview mit Espen Eichhöfer

Herr Eichhöfer, die Klage auf Schmerzensgeld ist abgewiesen. Trotzdem ist in dem Urteil des Berliner Landgerichts etwas hängengeblieben, was Sie stört.
Das Gericht sieht eine Verletzung der Persönlichkeitsrechte. Wir haben das Urteil angefochten, weil wir der Meinung sind, dass mein Handeln durch das Recht auf Kunstfreiheit gedeckt ist. Es ging hier ausschließlich um den Kunstkontext und nicht um eine Veröffentlichung, beispielsweise in einem Magazin.

Sehen Sie Ihre Arbeit gefährdet?
Nicht nur meine. Es gibt derzeit eine Tendenz zu klagen, das spüren wir auch bei unserer Agentur Ostkreuz deutlich. Vielleicht wittern da eine Anwälte auch für sich ein lukratives Geschäft. Deshalb wäre es gut, in diesem Fall ein Grundsatzurteil zu bekommen. Denn rechtlich war das immer problematisch.

Haben Sie einen ähnlichen Fall schon einmal erlebt?
Ich persönlich noch nicht. Ich fand das auch total überraschend, weil es nur um eine Ausstellung geht. Wäre es um den Abdruck in einem Printmedium gegangen, hätte ich mich weniger gewundert, da kommen solche Klagen häufiger vor - im Gegensatz zum Kunstkontext.

Hätten Sie die Frau hinterher fragen müssen?
Es ist in der fotografischen Praxis schwierig bis unmöglich, bei der Straßenfotografie jedem hinterher zu sagen, dass man ihn fotografiert hat. Es ist eine große Konzentrationsleistung, die richtigen Momente zu erwischen. Dann kommt der nächste Moment, in dem ich denke: „Vielleicht ist das ein Bild.“ In solchen Fällen jedes Mal hinterher alle Personen anzusprechen, ist nahezu unmöglich. Sollte es ein Präzedenzfall werden, der gegen die Straßenfotografie entscheidet, würde ich eher dazu tendieren, Bilder zu inszenieren, wie es bei Fotos für Printmedien schon mal sein kann. Aber hier geht es um etwas anderes.

Sie sagen, die Tendenz, gegen veröffentlichte Bilder vorzugehen, steigt. Hat das auch damit zu tun, dass jeder heute ein fotofähiges Handy oder Smartphone hat?
Es findet auf jeden Fall eine Sensibilisierung statt, die ich auch verstehen kann.  Es wird ja immer unklarer, ob und wenn ja, wo und wie Bilder verwendet werden. Auf der anderen Seite ist es schizophren, weil die Bilderflut auf immer größere grundsätzliche Akzeptanz stößt, siehe Facebook. Oder Überwachungskameras, mit denen ständig Bilder produziert werden. Da ist es absurd, wenn gegen Künstler vorgegangen wird. Ich plädiere stark dafür, zu differenzieren.

Was ginge verloren, wenn die Straßenfotografie verschwände?
Ich glaube nicht, dass sie verschwindet. Bedroht wäre aber die Zeitzeugenhaftigkeit der Dokumentarfotografie, die eine sehr lange Tradition hat. Wir sehen doch, mit welchem Interesse wir alte Fotos betrachten.

Sie finanzieren Ihren möglichen Klageweg mittels Crowdfunding und versuchen, die Kosten von maximal 14 000 Euro vorab zusammenzusammeln. Schaffen Sie das?
Gute Frage. Ich bin vorsichtig optimistisch.

Sie hätten damit die Kosten bis vors Bundesverfassungsgericht gedeckt. Wollen Sie so weit gehen?
Ja, falls die folgenden Instanzen zu keinem anderen Urteil kommen, werde ich weiter in Berufung gehen.

Und wenn Sie das Geld nicht brauchen?
Dann werde ich von dem restlichen Geld ein internationales Symposium zur Street Photography organisieren.

Das Interesse an Ihrem Fall ist groß. Hätten Sie damit gerechnet?
Ich habe nicht gedacht, dass das solche Wellen schlägt. Ich bin positiv überrascht. Ich hoffe, dass diese große Aufmerksamkeit meinem Anliegen auch gut tut.

Interview und Text von Uwe Janssen

Kultur Neu im Kino: Birdman - Wildes Flattern eines Vogelmanns
Stefan Stosch 31.01.2015
Kultur Dota & Band im Schauspielhaus - Komm, lass uns ein Bier trinken!
28.01.2015
Martina Sulner 28.01.2015