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Kultur „Lieber in den Kisten“
Nachrichten Kultur „Lieber in den Kisten“
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17:13 10.03.2014
Von Daniel Alexander Schacht
Über Raubkunst in hannoverschen Museen wird nicht erst seit dem Fall Gurlitt diskutiert:  Ein Raubkunst-Symposium im Landesmuseum im Mai 2011. Quelle: Martin Steiner
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Hannover

Heute besteht wieder die Gefahr, dass irgend ein Herr Silberstein es wiederhaben will“, heißt es in dem Brief. Deshalb solle das fragliche Bild lieber nicht ausgestellt werden, solange „die ,Rückerstattungs’-Gefahr“ noch andauere. „Bis dahin wollen wir die Sachen lieber in den Kisten lassen.“

Urheber des Schreibens ist Conrad Doebbeke, Adressat ist Ferdinand Stuttmann, der 1949 von Doebbeke 114 Kunstwerke für das Landesmuseum Hannover erworben hat. Dessen Direktor war er bis 1962 – und auch schon 1937, als es noch Provinzialmuseum hieß. Die Korrespondenz könnte ein Indiz dafür sein, dass außer über den Kunsthändler Hildebrand Gurlitt auch über den Kunsthändler Doebbeke Raubkunstspuren nach Hannover führen. Das verschwörerische Schreiben ist jedenfalls einer der seltenen Fälle, in denen ein Händler sein Wissen preisgibt, dass es bei der Weitergabe von Kunstwerken vielleicht nicht mit rechten Dingen zugegangen ist, weil es sich um Schätze aus auf Nazi-Unrechtsgesetzen basierenden Enteignungen handeln könnte.

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Präsentiert wurde der Brief in der Ausstellung „Raub und Restitution“, die die Jüdischen Museen in Berlin und Frankfurt vor fünf Jahren zeigten. Schon viel länger ahnt man, dass es sich bei den Käufen von 1949 zumindest teilweise um illegitimen, weil den ursprünglichen Eigentümern entzogenen Besitz handeln kann. Immerhin seit 2009 erforscht in Hannover die Kunsthistorikerin Annette Baumann die Wege der Nazikunsträuberei, deren Opfer teils private – und dabei oft jüdische – Sammler, teils öffentliche Museen waren.

„In der Nachkriegszeit hat man nicht nach der Herkunft angebotener Kunst gefragt“, sagt die Provenienzforscherin der Stadt Hannover, die freilich auch betont, dass die fraglichen Käufe nie geheimgehalten, sondern seit 1950 ausgestellt worden sind. „Man hat schließlich gekauft, um die schmerzlichen Verlust an moderner Kunst während der Nazizeit auszugleichen.“

Vor allem die Beschlagnahmen von sogenannter „entarteter Kunst“ hatten 1937 eine gigantische Enteignungswelle  durch die öffentlichen Häuser schwappen lassen. Mehr als 20 000 enteignete Werke wurden von nur vier Kunsthändlern gegen Devisen ins Ausland verkauft. Einer von ihnen war jener Hildebrand Gurlitt, dessen Sohn Cornelius jetzt mit dem Schwabinger Kunsthort Schlagzeilen gemacht hat.

Aber auch andere private Sammler schafften Kunstwerke beiseite. Sei es, um sie vor Zerstörung zu retten oder auch für die Künstler der verfemten Werke zu bewahren wie das Ehepaar Margrit und Bernhard Sprengel. Sei es um sie zu Geld zu machen wie Conrad Doebbeke. Der 1889 geborene promovierte Jurist, der seit 1931 NSDAP-Mitglied war und 1935 aus der Nazipartei ausgeschlossen wurde, lebte wie der Schokoladenfabrikant Sprengel in Hannover.

Der Ankauf aus der Doebbeke-Sammlung betrifft heute außer Beständen des Landesmuseums auch die des Sprengel Museums. Denn das verfügt heute über 18 Gemälde, 20 Zeichnungen und neun Skulpturen  aus dem Doebbeke-Kauf. Doch auch noch andere Kunstwerke, die durch Hildebrand Gurlitts Hände gegangen sind, zählen heute zum Bestand des Hauses. Immerhin 409 Grafiken von Emil Nolde hat Bernhard Sprengel 1942 bei Gurlitt gekauft. Fällt damit auch ein Schatten auf Bernhard Sprengels Sammelleidenschaft?

Museumsdirektor Ulrich Krempel verweist auf mehrere, teils in die neunziger Jahre zurückreichende Publikationen des Hauses zur Sammlung Sprengel und zur auch ganz privaten Freundschaft zwischen den Ehepaaren Sprengel und Nolde. „Vor allem aber handelt es sich bei Sprengels Nolde-Käufen um Beschlagnahmen aus öffentlichen Museen“, betont Krempel. „Denn daraus haben sich Gurlitts Bestände gespeist – die Frage nach privaten, jüdischen oder nichtjüdischen Eigentümern stellt sich damit hier nicht.“

Auf eine fragwürdige Nazi-Legalität habe sich Bernhard Sprengel bei den Nolde-Käufe von 1942 weder berufen wollen noch können. „Weder durfte Sprengel die Kunstwerke damals kaufen noch durfte Gurlitt sie an Sprengel verkaufen – er sollte schließlich Devisen damit erzielen, muss den Verkauf an Sprengel also durch andere Devisengeschäfte kompensiert haben.“

Stärker betroffen ist das Landesmuseum. Denn immerhin 16 dort 1937 beschlagnahmte Kunstwerke waren nur Leihgaben von der Kunstsammlerin Sophie Küppers, die diese 1926 vor dem Umzug nach Moskau mit ihrem späteren Ehemann, dem Avantgarde-Künstler El Lissitzky, dort hinterlassen hatte. Mindestens eines davon, Paul Klees „Sumpf-legende“, das sich heute im Münchener Lenbachhaus befindet, ist wiederum durch die Hände von Hildebrand Gurlitt gegangen. Außerdem ist die Mehrzahl der Doebbeke-Käufe im Landesmuseum verblieben. Dabei handelt es sich um 30 Gemälde, 34 Zeichnungen und zehn Skulpturen – Werke von gut anderthalb Dutzend Künstlern der klassischen Moderne, darunter Größen wie Ernst Barlach, Paul Klee, Oskar Kokoschka oder Edvard Munch.

In manchen Fällen wie bei Lovis Corinths „Paddel-Petermannchen“ (1902) oder Christian Rohlfs „Geist Gottes über den Wassern“ (1915) gilt als geklärt, dass der Erwerb durch Doebbeke einwandfrei war. Dasselbe soll auch für alle Werke aus dem Doebbeke-Kauf gelten, die heute im Bestand des Sprengel Museums sind, sagt Annette Baumann. Bei anderen wie Max Liebermanns „Tennisspieler am Strand“ (1913), das unrechtmäßig enteignet wurde, sei die Entschädigungsfrage dagegen noch offen. Offen sei die Entscheidung auch bei zwei Kunstwerken, auf die Restitutionsansprüche erhoben werden. „Wir haben es hier nicht mit einem skandalösen Naziraubschatz zu tun“, sagt die Provenienzforscherin.

Für die Mehrzahl der Bilder müsse noch erforscht werden, über welche Kanäle sie zu Doebbeke gelangt sind und ob es dabei zu Eigentumsverletzungen gekommen ist. „Das ist eine langwierige Aufklärungsarbeit, bei der wir darauf angewiesen sind, oft auch internationale Handelswege von Kunsthändlern  zu erforschen“, sagt Baumann. „Der Münchener Kunstfund ist für uns Provenienzforscher besonders deshalb spannend gewesen, weil wir uns davon neue Aufschlüsse über diese Wege versprechen – ich hoffe allerdings auch, das die gestiegene Aufmerksamkeit dazu führt, dass sich vielleicht noch Zeitzeugen bei uns melden.“

Erschwert wird diese Forschungsarbeit teils auch, weil die Täter Spuren verwischt haben, wie Michael Naumann kürzlich in der ARD beklagte. „Auf Anweisung eines hohen Beamten der ehemaligen Reichsbank“, sagte der einstige Kulturstaatsminister unter Kanzler Gerhard Schröder, seien noch in den siebziger Jahren Akten über die Kunst-Transaktionen verbrannt worden. Wenige Jahre zuvor war das Nazi-Unrechtsgesetz, das die Enteignungen von 1937 erst 1938 für legal erklärt hatte, außer Kraft gesetzt worden – genau gesagt 1968, pünktlich zur Verjährung.

Solche juristischen Winkelzüge waren effizienter und dezenter als der offene Antisemitismus, den Elsa Doebbeke nach dem Tod ihres Mannes 1954 zum Ausdruck brachte. „In den Jahren 43 und 44 haben die Juden uns das Haus eingerannt, wir sollten ihnen die Bilder abkaufen, damit sie Geld zur Ausreise flüssig bekamen – und jetzt stellen sie Rückgabeansprüche.“

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