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11:10 13.06.2013
O wie Oh schade. Jahrzehntelang war Brockhaus der Inbegriff enzyklopädischen Wissens. Jetzt wird die Buchausgabe wegen zu geringer Nachfrage eingestellt. Quelle: dpa
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Hannover

Antiquariat, enzyklopädische Fundgrube. Es gibt ihn noch, den gedruckten Brockhaus, zumindest antiquarisch. Arno Kundlatsch hat sogar mehrere Ausgaben in seinem Antiquariat Internationalismus in Hannover stehen. Allerdings nimmt er sie nur noch in Kommission. Denn: „Der Brockhaus wird so gut wie nicht mehr verlangt.“ Kundlatsch erinnert sich an Zeiten, in denen in bildungsbürgerlichen Haushalten sogar zwei Ausgaben des Brockhaus standen: ein alter neben einem aktuellen, der Band für Band komplettiert wurde. Wird das endgültige Ende der Ära Brockhaus den Wert des antiquarischen Brockhaus steigern? „Nein, in Zeiten, in denen jede Information rund um die Uhr verfügbar sein soll, will sich kaum noch jemand ein Lexikon ins Regal stellen.“

Band-um-Band-Abnahme, gängige Lieferungsform. Wer wollte und gerade flüssig war, konnte alle Bände auf einmal kaufen. Der Klassiker aber war die sogenannte Band-um-Band-Abnahme, zum Beispiel jeden Monat oder jedes halbe Jahr ein neues Teilwerk. Wer als Zehnjähriger feierlich den ersten Band von seinen hoffnungsvollen Eltern spendiert bekam, ahnte Böses, konnte aber noch gar nicht ermessen, wie umfassend gebildet er sein würde. Zwölf Jahre später. Musste er zwischendurch Abitur machen, konnte er nur hoffen, dass keine Fragen kamen, die unter W oder Z nachzuschlagen waren.

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Bibliothek, Aufbewahrungsort. Um mal eben schnell ein Stichwort im aktuellen Brockhaus nachzuschlagen, komme kaum noch jemand, sagt Dr. Georg Ruppelt, Direktor der Gottfried-Wilhelm-Leibniz-Bibliothek in Hannover. Andere dagegen interessieren sich sehr für Brockhaus-Bände: Historiker. Denn ein Lexikon ist immer ein hervorragender Spiegel seiner Zeit. Elektronische Nachschlagewerke ändern sich schnell, sie werden später nicht erkennen lassen, wie man früher mal die Welt sah. „Das Problem der Langzeitarchivierung digitaler Nachschlagewerke ist noch nicht gelöst“, sagt Ruppelt und empfiehlt jedem, der noch einen Brockhaus besitzt, den noch lange zu behalten: „Vielleicht wird der mal was wert sein, interessant bleibt er auf jeden Fall.“

Entsorgung, schwere Entscheidung. Es ist nicht leicht, ein 24-bändiges Lexikon auf den Müll zu werfen. Aber nach mehr als 20 Jahren ist der Punkt gekommen: Die Enzyklopädie muss weg. Zu vielen wichtigen Angelegenheiten hat sie einfach nichts mehr zu sagen, die Welt hat sich bewegt, sie aber hat sich im Regal verstauben lassen. Anderswo sind bessere Informationen bequemer erhältlich. Und dass man das Internet jemals abschalten würde, ist eher unwahrscheinlich. Also: weg damit.
Doch beim Hochwuchten auf den Rand des Altpapiercontainers schleicht sich ein merkwürdiges Gefühl ein. Ist es richtig, Bücher einfach so wegzuwerfen? Nur weil sie nicht mehr aktuell sind? Ist Bücher wegwerfen nicht auch ein bisschen wie Bücher verbrennen? Hm.
Schnell noch mal unter A nachschlagen. Da: Altpapier. 1774 ist der Göttinger Professor Justus Claproth darauf gekommen, wie man aus bedrucktem Papier die Druckfarbe herauswaschen und so neues Papier herstellen kann. Na also. Irgendwie geht’s immer weiter.

Fachlexikon, Nischenprodukt. Wer groß denkt, kann auch groß scheitern. Die ganze Welt zwischen Buchdeckel zu klemmen: ein größenwahnsinniges Projekt. Vielleicht kein Wunder, dass seine Zeit nun zu Ende ist. Ewig jung erscheint dagegen der kleine Bruder des Universallexikons, das Fachlexikon. Nicht immer muss das darin enthaltene Fachwissen ausschließlich beruflich genutzt werden. Gerade erst wiederveröffentlicht und schon ein Publikumsrenner ist etwa Korbinian Aigners Buch „Äpfel und Birnen“ (Matthes & Seitz, 512 Seiten, 98 Euro) das 800 Obstsorten aus aller Welt beschreibt: ein liebevoll gestaltetes Gesamtkunstwerk, das zeigt, wie man aus einem Lexikon ein Lieblingsbuch machen kann.

Gewicht, Umzugsfaktor. Wer Freunden beim Wohnungswechsel hilft, kann zwei Nieten ziehen: Waschmaschine und Brockhaus-Bestand. Beispiel: Band 24 WEK–ZZ der 19. Auflage von 1994 wiegt 2,15 Kilo ohne Schutzhülle. Macht einen Zentner Brockhaus pro Umzug. Herzlichen Glückwunsch.

Goldschnitt, Staubfänger. Hier ist wirklich (Blatt-)Gold, was glänzt. Allerdings nur auf der Oberseite, wo der Goldschnitt nicht nur gut aussieht, sondern auch verhindert, dass sich der Staub zu stark ansiedelt. Was aber bei einem viel benutzten Lexikon eigentlich nicht passieren sollte. Der Goldschnitt ist für eine Enzyklopädie nicht die einzige Möglichkeit zu glänzen. Gerne hat der Brockhaus-Verlag Künstler gebeten, Sondereditionen zu gestalten. Nach Friedensreich Hundertwasser und André Heller war bei Brockhaus zuletzt der vielseitig talentierte Schauspieler, Musikant und Maler Armin Mueller-Stahl an der Reihe. Diese limitierten Auflagen sind längst Sammelstücke – unabhängig davon, was hinter dem Einband steckt.

Marke, Statussymbol. Eine Marke braucht man nicht vorzustellen. Aspirin, Nivea, Volkswagen. Wenn sie, wie „der Brockhaus“, im Sprachgebrauch zum Synonym für ein Produkt (das Lexikon) geworden ist, spricht man von einer Gattungsmarke. Was passiert, wenn es die Gattungsmarke nicht mehr gibt, verschwindet dann auch das Produkt? In diesem Fall nicht – es gibt ja noch das Onlinelexikon Wikipedia. Den Zusatz „Online“ kann man dann streichen: Die ehemalige Konkurrenz ist selbst neue Gattungsmarke. Zur richtigen Markenpflege gehört allerdings auch hohe Qualität: Wer bei Wikipedia den Begriff „Marke“ nachschlägt, findet einen Artikel, der zur Löschung vorgeschlagen ist. Er enthalte nur „redundantes Geschwurbel“.

Nihil, falsche Wahrheit. Nihilartikel will kein Lexikonherausgeber in seiner Weltwissensammlung haben, denn nihil heißt nichts und meint einen fingierten Lexikonartikel. Ein solches „U-Boot“ gehört in jeden Welthafen – der Brockhaus hat sich da wacker geschlagen. In der vorletzten Auflage findet sich im Band 24 unter den Zecken auch die Gemeine Steuer-Zecke Ixodida fiscalis. Und in der aktuellen Ausgabe hat Alois Hingerl in Band 12 eine Zwischenlandung auf dem Weg vom Himmel ins Hofbräuhaus gemacht, wird aber trotz seriöser Aufmachung als Kunstfigur erkenntlich gemacht und ist damit nicht wirklich nihilistisch.

Universalität, eierlegende Wollmilchsau. Das Wissen der Zeit an einem Ort zu bündeln – das war der aufklärerische Traum, der auch hinter einem Universallexikon wie dem Brockhaus stand. Welche Dimension dieser Traum in Buchform erreichen konnte, zeigte unter anderem Johann Heinrich Zedlers „Großes vollständiges Universallexikon aller Wissenschaften und Künste“, ein Vorläufer des Brockhaus, der 1732–1750 erschien und immerhin 64 Bände umfasste. So dick war der Brockhaus, der sich lange Zeit explizit an die „gebildeten Stände“ wandte, nie. Dass auch er immer an einem weltumspannenden Anspruch festhielt, zeigt unter anderem das Vorwort der 19. Auflage von 1986: „Die Brockhaus Enzyklopädie“, heißt es dort ebenso verheißungsvoll wie schlicht, „beschreibt und erklärt die Welt von A bis Z.“

Vornamen, Wiedererkennungstitel, abkürzbar. Wer wissen will, was das F und das A im Namen des Verlags bedeuten sollen, der darf nicht unter „Brockhaus F. A.“ nachschlagen, sondern muss einen Beitrag weitergehen, wo das Lexikon die ihm wichtigen Herren Brockhaus auflistet: Zwischen dem Laienprediger Carl B. und dem Orientalisten Hermann B. findet sich der Verleger Friedrich Arnold Brockhaus.

Wikipedia, Intelligenz der Netzgemeinde. Oder doch ehrwürdiges Expertenwissen? Das gerade einmal 12 Jahre alte Onlinelexikon Wikipedia, das kostenfrei möglichst viel Wissen für alle verfügbar machen will, hat die Konkurrenz mit dem jahrhundertealten klassischen Lexikon zu seinen Gunsten entschieden. Wissenschaftler hatten Wikipedia schon 2007 auch qualitativ zum neuen Erfolgsmodell unter den Enzyklopädien auserwählt. Sie überprüften die Einträge auf Wikipedia und im Brockhaus auf Vollständigkeit, Richtigkeit, Aktualität und Verständnis, und gaben Noten: Wikipedia bekam eine 1,7, der Brockhaus musste sich mit einer 2,7 begnügen.

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