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Kultur Bettina Greiner: "Verdrängter Terror"
Nachrichten Kultur Bettina Greiner: "Verdrängter Terror"
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08:00 30.10.2010
Von Kristian Teetz
Auf dem Gelände des früheren sowjetischen Speziallagers in Buchenwald bei Weimar stehen Holzkreuze zur Erinnerung an die Toten.
Bettina Greiner erzählt in "Verdrängter Terror" die Geschichte der sowjetischen Speziallager. In Buchenwald bei Weimar stehen Holzkreuze zur Erinnerung an die Toten. Quelle: dpa
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Da sind zunächst die nackten Zahlen: In den Speziallagern auf dem Gebiet der Sowjetischen Besatzungszone/DDR waren zwischen 1945 und 1950 rund 154 000 Deutsche inhaftiert, von denen 44 000 starben – im Lager verhungert oder an Krankheiten zugrunde gegangen. Fast jeder Dritte bezahlte die Inhaftierung mit seinem Leben.

Dann fallen Namen: Männer aus dem Widerstand vom 20. Juli 1944 wie Ulrich Freiherr von Sell und Justus Delbrück waren ebenso inhaftiert wie der Vorsitzende der Jüdischen Gemeinde von Berlin, Georg Kohn, sowie die Schauspieler Heinrich George und Gustaf Gründgens. Die NS-Euthanasieärzte Gerhard Wischer und Hans Heinze saßen genauso ein wie der Kommunist Max Emendörfer und der spätere „Aktenzeichen XY“-Moderator Eduard Zimmermann. Und nicht zuletzt standen Namen wie Karl-Heinz Kurras – der Polizist, der später Benno Ohnesorg töten sollte – sowie der Schriftsteller Walter Kempowski auf der Liste der Gefangenen in den zehn Lagern. Diese vielfältige und auch ein wenig willkürliche Zusammenstellung zeigt schon, dass unser „Bedürfnis nach Eindeutigkeit“, wie es die Historikerin Bettina Greiner in ihrem Buch „Verdrängter Terror“ – der ersten ausführlichen und sehr bewegenden Darstellung über sowjetische Speziallager – nennt, in diesem Fall schwer zu befriedigen ist.

Kaum hatten die Alliierten den Krieg gegen Hitler gewonnen, widmete die Sowjetunion unter anderem die ehemaligen Konzentrationslager Buchenwald und Sachsenhausen in Speziallager um. Inhaftiert wurden bei Weitem nicht nur NS-Funktionäre und -Sympathisanten, sondern in erster Linie diejenigen, die Stalins Handlanger als Gegner seiner Herrschaft in Ostdeutschland definierten. „Verhaftet, interniert, verurteilt und entlassen wurde auf der Grundlage sicherheitspolitischer Erwägungen und tagespolitischer Opportunität“, schreibt Bettina Greiner in ihrem trotz aller wissenschaftlichen Akribie gut lesbaren Buch. Nur 20 Prozent der Urteilsbegründungen des sowjetischen Militärtribunals standen laut der Historikerin in Zusammenhang mit NS-Verbrechen, 80 Prozent dagegen bezogen sich auf „reale oder vermeintliche Vergehen gegen die Besatzungsmacht oder auf kriminelle Vergehen“.

Greiner gliedert ihr Buch in die Themenkomplexe Haftmaßnahmen, Hafterfahrungen und Hafterinnerungen. Sie hat zahlreiche Quellen – viele zum ersten Mal – ausgewertet, die den Häftlingsalltag beschreiben mit all dem Hunger, der Folter und den Vergewaltigungen. Greiner thematisiert, wie sich die Insassen untereinander bespitzelten, wie ein paar „Funktionäre“ Macht ausübten über die normalen „Parias“ und dafür mit mehr Essen und anderen Privilegien belohnt wurden.

Doch welchen Ort können diese Inhaftierten in unserer kollektiven Erinnerung einnehmen, wenn in den Speziallagern NS-Täter und -Opfer, Schuldige und Unschuldige zugleich einsaßen? Als vor Kurzem des 65. Jahrestages des größten Speziallagers Sachsenhausen gedacht wurde, fand Brandenburgs Kulturministerin Martina Münch (SPD) die passenden Worte: „Die Erinnerung und das Gedenken an die Verfolgung und Opfer der NS-Diktatur, des Stalinismus und der SED-Diktatur müssen in angemessenem Verhältnis zueinander stehen. Weder die vor noch die nach 1945 verübten Verbrechen dürfen relativiert, bagatellisiert, marginalisiert oder gegen­einander aufgerechnet werden.“ Um den zahlreichen Opfern in Sachsenhausen eine letzte Ehre zu erweisen, übergab die Stiftung Brandenburgische Gedenkstätten den Vertretern der Opfer die ersten Exemplare eines Totenbuchs des Speziallagers Sachsenhausen. Es verzeichnet 11 890 Namen. Diese Toten sind genauso wie die Leidtragenden in den anderen Lagern Opfer totalitärer Willkür geworden, sie waren „politische Häftlinge von Stalins Gnaden“, wie Greiner schreibt. Sie zieht am Ende ihrer Buches ein eindeutiges Fazit: „Bei aller gebotenen Abgrenzung zum Nationalsozialismus gibt es keinen Grund, die Speziallager nicht bei dem Namen zu nennen, der ihnen zusteht: Konzentrationslager.“

Bettina Greiner: „Verdrängter Terror. Geschichte und Wahrnehmung sowjetischer Speziallager in Deutschland“. Hamburger Edition für Sozialforschung. 525 Seiten, 35 Euro.

Rainer Wagner 30.10.2010
Simon Benne 30.10.2010