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Kultur Bezahlte Gastlichkeit
Nachrichten Kultur Bezahlte Gastlichkeit
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23:41 13.05.2009
Von Rainer Wagner
Quelle: Laura Zacharias
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Das fängt ja gut an. Nämlich mit einer Culanibokola, einer Gabel, mit der Häuptlinge und Priester noch im 19. Jahrhundert Menschenfleisch aufgespießt haben. Sehr viel mehr als einen kleinen Finger dürften sie damit allerdings nicht aufgegabelt haben.

Das exotische Essbesteck liegt in einer Vitrine im Eingangsbereich des Museums August Kestner und führt ein bisschen in die Irre. Schließlich geht es in der aktuellen Ausstellung des Museums um Gastlichkeit und das Gastgewerbe. Und die Opfer der Menschenfresser waren weder Gäste, noch betrieben die Menschenfresser, soweit bekannt, ein Gewerbe.

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„Zu Gast“ heißt die Ausstellung, die das Kestner Museum zusammen mit dem Stadtmuseum Erfurt und dem Deutschen Klingenmuseum erarbeitet hat. Aber der Untertitel „4000 Jahre Gastgewerbe“ unterstreicht, dass es hier – so Museumschef Wolfgang Schepers im Pressegespräch – um „bezahlte Gastlichkeit“ gehen soll.

Bei den Zahlen darf man nicht pingelig sein, denn aufs Jahr kommt es nicht an. Immerhin wird im altorientalischen „Gilgamesch“-Epos schon seit rund 4100 Jahren von der Schankwirtin Siduri erzählt. Und bereits um 1700 vor Christus verkündete der babylonische König Hammurapi das älteste bisher bekannte Gastgewerbegesetz der Welt (die Gesetzesstele ist als Replik in der Ausstellung zu sehen). Schon damals ging es darum, betrügerische Wirte zu bestrafen. Manches bleibt zeitlos aktuell, weshalb der informative Katalog seine Kapitelüberschriften mit der schönen Floskel „und das war schon immer so“ als Unterzeile begleitet.

Reiner Wein wurde eben nicht immer eingeschenkt. Weshalb Kaiser Maximilian I. 1498 einen Erlass gegen die Verfälschung des Weins verkündete – diesen Beleg kann das Museum August Kestner aus seinem Fundus beisteuern. Und mehr als die Hälfte der reichlich dreihundert Exponate auch. Da zahlt es sich aus – und nicht nur in Münzen und Bordellmarken – dass das hannoversche Museum etliche Sammlungen in sich birgt. Deshalb darf die ägyptologische Abteilung das Ihre beisteuern, obwohl es im alten Ägypten „keine Restaurants und kein Geld“ gab, wie der zuständige Kurator Christian Loeben zugibt. Immerhin gab es so etwas wie Betriebskantinen für Pyramidenbauer. Im Friedhof einer solchen Arbeitersiedlung wurde das konservierte Fladenbrot gefunden, das ebenso in der Ausstellung zu sehen ist wie eine fast 4500 Jahre alte Brotbackform aus Ton. Wer hätte gedacht, dass schon die alten Römer und die Griechen der Antike die Theke kannten? Wurde dort die Philosophie der Theke, Antitheke und Syntheke erfunden?

Weil sich die Ausstellung in Sammlungen des Hauses einpasst, verteilen sich die Themen nicht unbedingt chronologisch; nach dem Vorspiel im Foyer erwandert man sich die Geschichte der Gastwirtschaft im ersten und zweiten Stockwerk. Dann erfährt man, wie die christliche Nächstenliebe samt Gratis-Gastfreundschaft im 10. und 11. Jahrhundert n. Chr. dem Obolusprinzip weichen musste, weil einfach zu viele Pilger und Reisende an die Klosterpforten klopften. Wer in dieser neuen Geschäftsbeziehung nicht zahlen konnte, hatte schnell etwas auf dem Kerbholz. Seit dem frühen Mittelalter dienten Kerbhölzer als Schuldbelege und als Quittungen. Wie die aussahen, ist hier zu erfahren.

Nicht ganz überraschend ist, dass Trinkgefäße und Essgeschirr viel Raum in dieser Ausstellung einnehmen, vom Pokal über den Reichsadlerhumpen aus Thüringen bis zu Champagnerbechern aus Porzellan mit Goldrand: Es war halt schon immer so, dass Geschmack und Geld nicht zwangsläufig zusammenpassen. Passgenau ist dagegen das Kubusgeschirr von Wilhelm Wagenfeld, das aus der hannoverschen Designsammlung stammt. Die Ausstellung serviert Teile aus NS-Einheitsgeschirr, vom Mitropa-Service und aus dem (abgerissenen) Palast der Republik. Mit Systemgastronomie allerdings ist etwas anderes gemeint, das Geschirr dazu ist hier zu sehen.

Was das vermeintlich älteste Gewerbe mit dem zweitältesten, der Gastronomie, zu tun hat, wird in einem kleinen Aufklärungsunterricht erläutert: Weil es hier ums Detail geht, wird ein Vergrößerungsglas für die beiden Bordellmarken mitgeliefert. Ein Besuch im Bordell war in Pompeji, so erfährt man hier, so teuer wie ein halber Liter Landwein – diese Stadt musste untergehen.
Auch die Asche von gestern findet ihren Becher – der daneben stehende Kommentar zum Rauchverbot liest sich, als hätte ihn ein Kettenraucher verfasst oder ein Neoliberaler, der jeglichen Staatseingriff ablehnt.

Und der Spruch zur Krise darf auch nicht fehlen: „Home drinking is killing Gastwirt.“ Aber wer will nach dem Besuch dieser appetitanregenden Ausstellung schon hungrig oder durstig nach Hause gehen? Gaststätten gibt es schließlich in Steinwurfweite: den Gartensaal des Neuen Rathauses etwa oder gegenüber das Bistro Le Monde. Oder sollen uns die alten Sumerer beschämen? Die sangen in einem Trinklied „Unsere Leber ist glücklich, unser Herz erfreut ...“.
Prosit!

„Zu Gast – 4000 Jahre Gastgewerbe. Im Museum August Kestner vom 15. Mai bis 30. August 2009. Dienstag bis Sonntag von 11 bis 18 Uhr, am Mittwoch bis 20 Uhr. Das Begleitbuch mit 255 reich bebilderten Seiten kostet 25 Euro. Es gibt ein umfangreiches Begleitprogramm.