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Kultur Der Arm des Gesetzes
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21:57 29.03.2015
Schwingen, haschen, greifen: Das Staatsopernballett mit Bigonzettis Kafka-Inszenierung.
Schwingen, haschen, greifen: Das Staatsopernballett mit Bigonzettis Kafka-Inszenierung. Quelle: Gert Weigelt
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Hannover

Der gebürtige Römer Mauro Bigonzetti hat sich eine italienische Eigenart zunutze gemacht: das mitunter wilde Gestikulieren. Egal, ob er eine dynamisch-kraftvolle Gruppenszene choreografiert oder ein verträumtes Duett – immer sind die Arme auf dominante Weise in Bewegung. In seinem jüngsten, exklusiv für das hannoversche Staatsballett entwickelten Tanzstück „Der Prozess“ nach dem Romanfragment von Franz Kafka lässt Bigonzetti die Tänzer neunzig Minuten lang ohne Pause rudern und ausholen, haschen und greifen, schlagen und klatschen. Es ist, als wolle er dem sprichwörtlichen Arm des Gesetzes Ausdruck verleihen.

Im Mittelpunkt des Stücks, das jetzt die Ostertanztage in der Oper eröffnete, steht der Banker Josef K. (Denis Piza), der eines Tages ohne Angabe von Gründen verhaftet wird, sich aber dennoch frei bewegen darf. Er will herausfinden, ob und weswegen ihm eine Verurteilung droht. K. sucht Hilfe beim Anwalt (Marco Boschetti) und diversen Frauen. Doch er verwickelt sich in erotische Fallstricke und stolpert über die Hürden einer fast surrealen Bürokratie. Einem labyrinthhaften Albtraum gleicht diese Geschichte, die schließlich mit K.s Tod endet.

Bigonzetti hat sich eigenen Angaben zufolge die Verfilmung von Orson Welles zum Vorbild genommen, erzählt den Plot jedoch nicht nach, sondern beschränkt sich bei seiner Interpretation auf nur einige ausgewählte Szenen des Romans. Einzig die Schwarz-Weiß-Welt und die effektvolle Verfremdung von Schauplätzen sind offenkundige Parallelen zum Film.

Mit Carlo Cerri hat Bigonzetti einen Bühnen- und Lichtdesigner verpflichtet, der die Bühne mal in Kirchen mal in Dachböden oder Lagerstätten verwandelt. Wie von Zauberhand entsteht durch geschickte Projektion plötzlich ein Kathedralengewölbe und stürzt gleich darauf wieder in sich zusammen. Die Bewegungen der Tänzer werfen zum Teil riesenhafte Schatten auf die Bühnenwand. Die trickreiche Technik unterstreicht auf beeindruckende Weise den Gruselcharakter des Geschehens. Wer die Romanvorlage nicht kennt oder das Programmheft nicht genau studiert hat, dürfte jedoch kaum Chancen haben, die Handlung zu erfassen. Dafür erzählt Bigonzetti zu wenig stringent und deutet vieles nur an.

Allerdings gibt es einzelne Szenen, die keiner Erklärung bedürfen und schlicht grandios sind. Wie etwa die Verführungssequenz der Wäscherinnen. Hier brilliert vor allem Cássia Lopes. Mit rhythmischem Schrappen auf einem Waschbrett lenkt sie die Aufmerksamkeit K.s auf sich. Wie eine Katze umgarnt sie ihn, während sie dem Waschbrett schnurrende Töne entlockt. Die steigern sich schließlich zu einem Kreischen wie von einem rostigen Räderwerk. K. wird verhöhnt und steht wieder mal allein da.

Weniger offensichtlich ist die Rolle von Steffi Waschina als in Zeitungsfetzen gewickeltes „Newspapergirl“, das immer wieder K.s Weg kreuzt. Bigonzetti hat die Figur hinzu erfunden – als Symbol der Medien und ihres aus seiner Sicht oft mit Absicht betriebenen Rufmords. So steht es jedenfalls im Programm. Es klingt und wirkt etwas bemüht. Als wenn man dieser nunmehr hundert Jahre alten Geschichte unbedingt noch einen zeitgemäßen Aspekt abringen wollte. Dazu passt dann wiederum die Musikauswahl mit vom Band gespielten (und leider stellenweise extrem laut gedrehten) Arien aus dem 16. bis 18. Jahrhundert unter anderem von Henryk Górecki und Claudio Monteverdi nicht so recht. Doch wer es kontrastreich und schräg mag, für den bietet dieser „Prozess“ spannende Unterhaltung. Das Premierenpublikum hat jedenfalls auch ordentlich Armarbeit geleistet und kräftig applaudiert.

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