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Kultur Bildungsforscher über Migration: „Man muss sich anpassen“
Nachrichten Kultur Bildungsforscher über Migration: „Man muss sich anpassen“
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08:56 17.12.2010
Der hannoversche Bildungsforscher Asit Datta: „Die meisten wandern dorthin aus, wo sie die wenigsten Schwierigkeiten erwarten und wo schon ein Netzwerk von Landsleuten vorhanden ist.“ Quelle: Martin Steiner
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Asit Datta wurde 1937 in Midnapore (Westbengalen, Indien) geboren. Nach seinem Abschluss an der Kalkutta-Universität kam er 1961 nach Deutschland, studierte 1964 bis 1970/71 Germanistik und Sozialwissenschaften an der Universität München. Er promovierte 1971 in Germanistik, ist seit 1974 an der Universität Hannover, habilitierte sich dort 1985 in Erziehungswissenschaft. Er begründete 1985 die AG Interpäd (Interkulturelle Pädagogik) mit, eine der ältesten Institutionen dieser Art in Deutschland. Zuletzt gab Datta, der seit 2002 emeritiert ist, den Band „Zukunft der transkulturellen Bildung – Zukunft der Migration“ (Brandes & Apsel, 207 Seiten, 19,90 Euro) heraus.

Im Interview spricht Datta über Migration und die Notwendigkeit, sich noch stärker darauf einzustellen.

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In Europa entwickelt sich ein migrantenfeindliches Klima. Ist der Kontinent eigentlich weltweit am stärksten von Migration betroffen?

Das ist nicht so, die Statistik zeigt ein anderes Bild. Laut UNDP (United Nations Development Programme) kommen gut ein Drittel, 37 Prozent, der weltweiten Migranten nach Europa. Die Schweiz ist der einzige europäische Staat unter den ersten zehn Aufnahmeländern in der Welt – der Anteil der Eingewanderten beträgt dort etwa 25 Prozent. 70 Prozent der ­Migranten in Europa kommen aus anderen europäischen Ländern, vor allem aus dem ehemaligen Ostblock. In diesen Zahlen sind die irregulären Migranten nicht enthalten, weil sie kaum erfassbar sind. Zum Beispiel: Allein aus Bangladesch kommen eine Million Menschen irregulär nach Indien – pro Jahr. Außerdem ist die Binnenmigration, also Bevölkerungswanderungen innerhalb eines Landes, viermal höher als die Migration über die Landesgrenze. Nach Schätzungen ist in klassischen Einwanderungsländern wie USA, Kanada, Australien, Neuseeland die illegale Einwanderung relativ hoch. In Frankreich ist sie höher als in Deutschland. Schätzungsweise leben über eine Million irreguläre Zuwanderer aus arabischen Ländern allein in Paris.

Was sind Hauptgründe der Migration?

Neben der Armut spielen auch politische Gründe eine Rolle, autoritäre Regierungen oder der Zusammenbruch staatlicher Ordnung treiben viele außer Landes. Hinzu kommen Umweltprobleme. Selbst wenn es bei den von Klimaforschern geforderten maximal zwei Grad Temperaturerhöhung bleiben sollte, würden 40 Inseln von der Bildfläche verschwinden, wie etwa die Malediven. Nach Schätzungen der IOM (International Organization for Migration) werden bis zum Jahr 2050 etwa 200 Millionen Menschen umweltbedingt ihr Land verlassen. Allerdings wandern nicht die Ärmsten der Armen aus. Ohne Geld ist eine illegale Einwanderung nicht möglich.

Welche Migrantengruppen haben die meisten Schwierigkeiten?

Nach den Untersuchungen des Bundesamtes für Migration und Flüchtlinge sind das die türkischen Einwanderer. Das liegt auch daran, dass in den sechziger Jahren viele ungelernte Arbeiter angeworben wurden, denen dann ihre Angehörigen gefolgt sind. Sie neigen am ehesten zur Bildung einer Art von Parallelgesellschaft. Die wenigsten Schwierigkeiten haben übrigens die Polen.

Welche Rolle spielen Ressentiments?

Man weiß, dass sich bei Bewerbungen ein fremder Name negativ auswirkt, das zeigen Untersuchungen in Frankreich eindeutig. Deshalb gibt es auch die Forderung nach anonymen Bewerbungen – aber ob das im Computerzeitalter wirklich hilft? Ich habe einen Bangladescher getroffen, einen hoch qualifizierten Zell­ingenieur, der künstliche Zellen für Transplantationen herstellt und einsetzt. Er hat in Saarbrücken promoviert, ist nicht religiös, aber sein Name ist unverkennbar islamisch. Er hat 59 Bewerbungen verschickt, hat keine Zusage bekommen. Seine jetzige Stelle verdankt er nur der gezielten Fürsprache seines Doktorvaters. Eine dunkle Hautfarbe ist ein zusätzliches Hindernis.

Hängen die Schwierigkeiten in den Aufnahmeländern auch mit der Idee vom homogenen Staat zusammen?

Der Nationalstaat ist historisch ja relativ jung. Zu ihm gehört die Vorstellung, dass es so etwas wie eine homogene Kultur gibt. Kultur ist das, was einen prägt, und das ist nie eine Monokultur. Es gibt unterschiedliche Regionen mit ihren Dialekten oder unterschiedliche soziale und kulturelle Milieus. Man ist Produkt einer Kultur und gleichzeitig ihr Produzent, man entwickelt eine eigene Identität, indem man verschiedene kulturelle Einflüsse aufnimmt. In der Hälfte aller Länder der Erde leben Menschen mit einem Anteil über 25 Prozent der Bevölkerung, die zu den ethnischen oder religiösen Minderheiten gehören. Eine homogene Kultur hat es nirgendwo gegeben.

Was heißt denn überhaupt Integration?

Es wird häufig mit Assimilation verwechselt. Von den Neubürgern muss man verlangen, dass sie die Sprache lernen, sich an die Gesetze halten und die Verfassung akzeptieren und nach ihren Werten leben. Im Übrigen muss man sich den gegebenen Umständen anpassen.

Was muss das Aufnahmeland leisten?

Es sollte den neuen Bürgern Zugang zur Bildung, zum Arbeitsmarkt und zur ­politischen Betätigung verschaffen. Die Pisa-Untersuchungen haben gezeigt, dass in Deutschland und Belgien die Migrantenkinder am meisten benachteiligt werden. Wichtig ist Frühförderung, um die Schulabschlüsse zu verbessern.

Was halten Sie von der These, es finde Migration in die Sozialsysteme statt?

Die meisten wandern dorthin aus, wo sie die wenigsten Schwierigkeiten erwarten und wo schon ein Netzwerk von Landsleuten vorhanden ist. Die Sozialsysteme spielen eine wichtige Rolle. Die Menschen wandern dorthin aus, wo sie soziale Sicherheit erwarten, ja, erhoffen.

Brauchen wir Einwanderung?

Wenn man den Lebensstandard halten will, bleibt nichts anderes übrig, als qualifizierte Zuwanderer hereinzuholen.

Was muss man ihnen bieten, damit sie hierherkommen?

Neben den schon genannten politischen und sozialen Rahmenbedingungen müssen auch die mentalen und emotionalen Voraussetzungen stimmen, also Offenheit und eine Aufnahmebereitschaft vonseiten der eingeborenen Bevölkerung gegenüber den Zuziehenden. Aber das ist ein langwieriger Prozess. In den USA oder in Kanada gelingt es, dass sich auch schon die erste Generation der Einwanderer nach einiger Zeit selbstverständlich als Amerikaner oder Kanadier fühlt. Das hat damit zu tun, dass die Zuwanderer das Gefühl haben, aufgenommen und akzeptiert zu werden. Man muss ein normales, unbefangenes Miteinander entwickeln, ja, es muss so gut sein, dass man sich auch streiten kann. In Deutschland gelingt das alles nur bedingt.

Verlassen deshalb so viele besser ausgebildete Migranten unser Land?

Wir haben einige Untersuchungen durchgeführt. Es gibt viele türkische ­Remigranten, die zurückgegangen und dort gut situiert sind. Nach deren Aussagen sind sie ausgewandert, weil sie hier nicht den beruflichen Zugang gefunden haben. Oder weil sie hier keine soziale Anerkennung erfahren haben.

Bringt die Einwanderungsproblematik die europäischen Demokratien in Gefahr, weil vielleicht rechtspopulistische Bewegungen an Bedeutung gewinnen?

Die Gefahr ist dann besonders groß, wenn man nicht aufklärt, dass es ohne Zuwanderung nicht geht und wenn praktisch nichts für die soziale Integration, auch der sozial benachteiligten einheimischen Bevölkerung, getan wird. Besonders negativ wirkt sich die zunehmende gesellschaftliche Spaltung aus.

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