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12:17 14.03.2014
Das Foto „Editta Sherman on the Train to the Brooklyn Botanic Garden“ von Bill Cunningham.
Das Foto „Editta Sherman on the Train to the Brooklyn Botanic Garden“ von Bill Cunningham. Quelle: Bill Cunningham
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New York

Widrige Umstände sind Bill Cunningham die liebsten. In strömendem Regen oder sich auftürmendem Schnee knipst der Fotograf Menschen, die - trotz allem außergewöhnlich gekleidet - in New York durch Pfützen waten oder über Eisberge klettern. So entstehen spektakuläre Modefotos voller Gegensätze und Bewegung, die Highlights seiner von vielen Design-Experten und Fans jede Woche aufs Neue mit Spannung erwarteten wöchentlichen Streetstyle-Fotokolumne in der Sonntagsausgabe der „New York Times“.

Aber Cunningham fotografiert natürlich bei jedem Wetter und überhaupt so gut wie immer. Gerade ist der schmächtige Mann, der sich stets nur in derber blauer Jacke und beigen Khaki-Hosen sehen lässt, 85 Jahre alt geworden und trotzdem schwingt er sich noch so gut wie jeden Tag zwei Kameras um den Hals baumelnd auf sein Fahrrad und fotografiert den Streetstyle der von ihm so sehr geliebten Millionenmetropole am Hudson.

Zum Geburtstag widmet die New York Historical Society dem wohl wichtigsten Mode-Fotografen der Stadt seit Freitag nun die Ausstellung „Facades“. Rund 80 Schwarz-Weiß-Fotos sind zu sehen, die Cunningham dem Museum vor fast 40 Jahren schenkte. Acht Jahre lang hatte der Fotograf zuvor an dieser Serie gearbeitet, mit der er die Geschichte der Mode dokumentieren wollte. „Einfach nur so zum Spaß“, wie ihn das Museum zitiert.

Gemeinsam mit seiner Nachbarin Editta Sherman durchsuchte er die Gebrauchtwarenläden der Stadt nach alten Kleidern und ließ Sherman dann vor New Yorker Gebäuden aus derselben Epoche posieren. Das alles zu einer Zeit als die Millionenmetropole von Verfall, Bankrott, Grafitti und Müll geprägt war - aber Cunningham schuf inmitten alldem zeitlose Schönheit. So sitzt Model Sherman auf einem der Fotos in aufwendigem Kleid und großem Hut in einer über und über Grafitti-verschmierten U-Bahn.

Cunningham selbst ist bei der Eröffnung der Ausstellung nirgends zu sehen. Der Fotograf gilt als äußerst zurückhaltend, bescheiden und medienscheu. Nur einmal hat er einen Dokumentarfilmer für das preisgekrönte Porträt „Bill Cunningham's New York“ an sich herangelassen, ansonsten hält er sich aus der Öffentlichkeit heraus.

Dutzende Superstars hat er schon vor der Kamera gehabt und bei allen großen Modenschauen der Welt fotografiert, aber er selbst meidet den Mittelpunkt. Seine Lieblingsbühnen sind nach wie vor die Straßenschluchten von Manhattan und seine Lieblingsmodels ganz normale Menschen im Alltag - nur die Kleidung muss besonders sein. „Die eigentliche Modenschau hat doch schon immer auf der Straße stattgefunden“, zitiert ihn die New York Historical Society.

Und so gilt der 1929 in der Ostküsten-Metropole Boston geborene Cunningham als Urvater aller Streetstyle-Blogs, allerdings fotografiert er selbst noch analog und meidet das Internet. Seit er vor mehr als 60 Jahren nach einem kurzen Dienst bei der US-Armee im Zweiten Weltkrieg nach New York kam, zieht Cunningham mit seinen Kameras durch die Straßen der Stadt und fotografiert die Mode und ihre Details: Schleifen, hohe Krägen, breite Mäntel, tief in den Knien hängende Hosen, lange Röcke - Cunningham sieht die Trends meist schon auf den Straßen, bevor sie auf den Laufstegen sind.

In den frühen siebziger Jahren soll er der Legende nach einen ganz besonderen Mantel fotografiert haben - und erst nach der Entwicklung der Bilder fiel ihm auf, dass darin Hollywood-Star Greta Garbo steckte. „Ich sehe eben nur die Kleider.“ Die geben ihm so viel, dass er sonst denkbar wenig braucht. 60 Jahre lang lebte er in einem kleinen Zimmer ohne Bad und Küche, aber voller Aktenschränke mit seinen Bildern darin. Auf Society-Parties, die Cunningham ebenfalls in einer Kolumne für die „New York Times“ dokumentiert, nimmt er von den Veranstaltern noch nicht einmal ein Glas Wasser an. „Geld ist das billigste Gut und Freiheit das teuerste“, sagt er im Dokumentarfilm.

Die Kleider sind immer die Hauptsache für Cunningham. „Mode ist die Rüstung, um den Alltag des Lebens zu überstehen. Ich glaube nicht, dass man sie abschaffen könnte. Das wäre, wie als wenn man die Zivilisation abschaffen würde.“

dpa

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