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18:31 20.08.2012
Von Jutta Rinas
Poetin auf der Suche nach existenziellen Wahrheiten: Jenny Erpenbeck. Quelle: Behling
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Hannover

Am Anfang steht der Tod eines Kindes. Noch nicht einmal acht Monate alt ist das kleine Wesen, als es in Jenny Erpenbecks großartigem neuen Roman „Aller Tage Abend“ beerdigt wird. Einen plötzlichen Kindstod hat es erlitten, aus unerklärlichen Gründen ist es in der Nacht in seinem Bettchen blau angelaufen und hat nach Luft gerungen. Dann ist es gestorben, ohne dass die fassungslosen Eltern ihm hätten helfen können.

Mit dem Kind, schreibt Erpenbeck auf der ersten Seite, sei aber nicht nur ein Säugling gestorben. Mit ihm habe „der Herr“ - die Herkunftsfamilie besteht mütterlicherseits aus strenggläubigen Juden - auch alles mitgenommen, was aus dem Kind hätte werden können. Das kleine Mädchen mitsamt seinem Schulranzen, die zehnjährige Klavierspielerin mit den blassen Fingern, die erwachsene Mutter eines Kindes und schließlich die alte Frau: All diese möglichen künftigen Lebensstationen des Babys würden mit seinem Tod „unter drei Händen voll Erde“ mitbegraben.

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Im ersten Kapitel von „Aller Tage Abend“, der jetzt erschienen ist, wirkt dieser Gedanke eher beiläufig: wie eine einfühlsame Bemerkung, mit der die Autorin neben der Trauer über den Verlust eines geliebten Menschen auch den Schmerz über eine verlorene gemeinsame Zukunft einfangen will. Im weiteren Verlauf stellt sich dieser Gedanke als Gestaltungsidee des gesamten Buches heraus. Erpenbeck unterteilt ihren Roman in fünf Bücher - und in jedem erzählt sie die Geschichte des Kindes weiter, so wie sie sich hätte ereignen können, wenn das Baby nicht gestorben wäre.

Auch das neue Buch der Tochter des Physikers und Schriftstellers John Erpenbeck und Enkelin der renommierten DDR-Autorin Hedda Zinner, ist also nicht nur ein Familienroman, sondern zugleich ein kühnes Gedankenexperiment. Jenny Erpenbeck beschreibt ihre Figuren in einem existentiellen Moment ihres Lebens, fokussiert sie wie in einem Brennglas, führt uns ganz nah an sie heran. Dann zeigt die Autorin sie - wie die verschiedenen Perlen an einer Kette - aus der Distanz, in einem übergeordneten Zusammenhang.

Schon Erpenbecks Roman „Heimsuchung“ von 2008 war ähnlich konstruiert. Die Geschichten von zwölf Bewohnern ein- und desselben Hauses, des früheren Wohnorts von Erpenbecks Familie am märkischen Scharmützelsee, sind dort Thema. In dem Buch schlägt Erpenbeck einen Bogen vom Kaiserreich bis heute und versucht zudem auf poetische Weise den Begriff „Heimat“ neu zu bestimmen.

„Heimsuchung“ wurde mehrfach ausgezeichnet, unter anderem in Hannover mit dem Preis der LiteraTour Nord, und fand auch international Beachtung. Mit „Aller Tage Abend“ ist Erpenbeck jetzt für den Deutschen Buchpreis 2012 nominiert. Die 45-Jährige festigt mit diesem Buch ihren Ruf als Poetin unter den deutschen Schriftstellern, die zugleich immer auch auf der Suche nach existentiellen Wahrheiten ist.

Dabei geht sie mit der Konstruktion von „Aller Tage Abend“ ein großes Risiko ein. Eindringlich schildert die Schriftstellerin im ersten Buch ihres Romans wie der Tod des Babys, Kind eines christlichen k.u.k.-Beamten und einer Jüdin in einer galizischen Kleinstadt um 1900, die Familie auseinanderreißt. Der erschütterte Vater wandert allein nach Amerika aus, seine Frau verliert jeden Halt und arbeitet schließlich als Prostituierte.

Erpenbeck spekuliert danach in einem „Intermezzo“ zunächst noch im Konjunktiv darüber, was aus dem toten Baby hätte werden können, wenn die Mutter ihm schnell eine Handvoll Schnee unters Hemd gesteckt und es so zum Weiteratmen animiert hätte. Im zweiten Buch spinnt die Autorin diese variierte Version des Anfangs plötzlich in der Gegenwartsform fort.

Erstaunt begegnet man dem Mädchen, das den Erstickungsanfall jetzt überlebt hat, 18-jährig in Wien im Jahr 1919 wieder. Spätestens jetzt begreift man die Konstruktion des Romans. Auch diesmal stirbt die Hauptfigur am Schluss, genauso wie am Ende aller weiteren Bücher. Jedes Mal erzählt Erpenbeck danach, wie es hätte weitergehen können, wenn die Protagonistin nicht gestorben wäre. Ein ganzes Jahrhundert durchschreitet die Erzählerin so: 37-Jährig treffen wir das Mädchen als verheiratete Kommunistin in Moskau wieder, Anfang der 1960er Jahre ist sie eine gefeierte Autorin in Ost-Berlin und schließlich zur Wendezeit eine pflegebedürftige 90-Jährige.

Dem Leser wird mit diesem Kunstgriff auch bewusst gemacht: Jede dieser Geschichten ist erfunden. Das ist zwar eine Grundkonstante von Literatur. Große Romane bringen uns ihre Figuren aber oft so nahe, dass wir mit ihnen mitfühlen und ihren fiktiven Charakter vergessen. Wieso sollten wir aber mitfühlen, wenn wir in einem Buch miterleben, dass selbst etwas so Existenzielles wie der Tod noch lange nicht das Ende der Geschichte ist?

Trotz dieser komplizierten Gedankenkonstruktion verleiht Jenny Erpenbeck ihren Figuren eine große Glaubwürdigkeit. Es gelingt ihr immer wieder, tief in die Welt ihrer Figuren hineinzuleuchten. Sie zeigt, wie einzigartig jedes Leben und wie unberechenbar jeder Tod ist.

Auch danach geht es immer irgendwie weiter. Frei nach dem Motto der Großmutter des toten Mädchens, das dem Roman seinen Titel gab: „Am Ende eines Tages, an dem gestorben wird“, ist die strengläubige Jüdin überzeugt, „ist noch längst nicht aller Tage Abend.“

Jenny Erpenbeck: „Aller Tage Abend“. Knaus Verlag. 285 Seiten, 19,99 Euro.

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