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Kultur Bittermandel mit Schokoüberguss
Nachrichten Kultur Bittermandel mit Schokoüberguss
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18:28 08.10.2012
Von Rainer Wagner
Selbstbewusst: Alexandra Conunova-Dumortier. Quelle: Dimi Anastassakis
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Hannover

Ihre Kompositionen sind der Lackmustest für Musiker. Bei Mozart (besonders für Geiger) und bei Haydn (besonders für Dirigenten) zeigt sich, wie sie einzuordnen sind. Da kann man nicht tricksen, nicht bluffen, nicht täuschen- zumindest nicht mit Erfolg. Deshalb ist die Mozart-Runde des Internationalen Violinwettbewerbs Hannover immer eine besondere Herausforderung: für die Solisten und für die in ihrer Aufmerksamkeit geforderten Zuhörer. Alle Ernsthaftigkeit zwischen Bach und Bartók, alle Zigeunerzaubertricks zwischen Sarasate und Waxmann müssen dann zurücktreten.

In diesem Jahr kommt für die Teilnehmer eine besondere Herausforderung hinzu: Sie müssen sich ohne Dirigenten bewähren. Theoretisch könnten sie so also mehr Einfluss nehmen auf das, was das Münchener Kammerorchester als Partner liefert. Praktisch aber sind die Teilnehmer viel zu sehr darauf konzentriert, unfallfrei über die Runden zu kommen. Von den vier Teilnehmern der ersten Mozart-Runde versuchte sich nur Bomsori Kim (stellenweise sogar mit Erfolg) um eine Kommunikation mit dem Orchester. Die anderen folgten der Route, die das Orchester mit seinem Konzertmeister Daniel Giglberger vorgab.

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Der Amerikaner Eric Silberger arbeitete sich eher unbeteiligt durch das G-Dur-Konzert KV 216. Im langsamen Satz investierte er dezente Süße, bleibt aber zu einfarbig und eintönig. Und die musikalischen Anspielungen und Spielereien des Rondeau blieben nur Zitat. So kommt man schwerlich ins Finale. Mehr Engagement zeigte die Georgierin Veriko Tchumburidze, die beim D-Dur-Konzert KV 218 insbesondere in den Kadenzen ihre Ambition demonstrierte. Sie kann schön schattieren, zeigt Gestaltungswillen, doch die Gestaltungskraft ist dem noch nicht gewachsen. Sie neigt zum Hetzen. Und sie muss ihre Technik noch verfeinern. Aber wenn man erst 16 Jahre alt ist, hat man noch Zeit.

Schon bei den Recitals hatte von der ersten Viererrunde Bomsori Kim den nachhaltigsten Eindruck hinterlassen. Mit ihrer Interpretation (das Wort ist hier angebracht) des A-Dur-Konzerts KV 219 präsentierte sich die Koreanerin als selbstbewusste Geigerin und sensible Musikerin. Sie stellte im Allegro aperto dem vibratokargen Klang des Münchener Kammerorchesters ihren Silberton gegenüber, sie zeigte Temperament. Sie hat beim Musizieren hörbar ihren Spaß - und sie macht Spaß: Das Finale fetzt sie dann fröhlich hin.

Auch ohne den direkten Vergleich hätte es die Polin Joanne Kreft danach schwer gehabt, weil ihre Wiedergabe des A-Dur-Konzerts zu eindimensional ausfiel. Immerhin versuchte sie im Kopfsatz, das Tempo anzuziehen - ohne sich durchzusetzen. Das war insgesamt zu gleichförmig. Dass sie zweimal ausstieg, wäre weniger bemerkenswert, wenn der Faden, den sie verloren hat, wenigstens ein Spannungsfaden gewesen wäre.

Dass es spannender mit Mozart weitergehen dürfte, hatten am Nachmittag die nächsten vier Geiger mehr als nur angedeutet. Die Moldawierin Alexandra Conunova-Dumortier zeigte sich als selbstbewusste Tonproduzentin. Das ist Bittermandel mit weißem Schokoüberguss. Über die Interpretationslinie bei Ernest Chausson und bei César Franck ließe sich streiten, über die Klangfülle nicht. Und das Auftragswerk von Peter Francesco Marino spielte sie nach dem Motto, Schikanen sind dazu da, gemeistert zu werden.

Aber nicht nur sie wurde vom 16-jährigen Amerikaner Stephen Waarts entwaffnet. Der spielte das vertrackte Solostück „unentrinnbar“ nämlich auswendig (vielleicht mochte er die Noten nicht mehr sehen) und so eigenwillig bis punktgenau, dass man an ein Interpretationsmuster denken konnte. Waarts ist einer der eigenwilligen bis eigensinnigen Künstler, die - so oder so - jeden Wettbewerb aufmischen.

Der Japaner In Mo Yang hatte dem allerdings etwas Seltenes entgegen zu setzen: Spielwitz und Humor. Sein Prokofieff elektrisiert. Auch die Japanerin Fumika Mohri machte mit feinsinnigen Facetten deutlich, dass mit ihrem Mozart zu rechnen ist. Das Spiel geht weiter.

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