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Kultur „Black Swan“: Phänomenaler Psychothriller mit Natalie Portman
Nachrichten Kultur „Black Swan“: Phänomenaler Psychothriller mit Natalie Portman
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19:30 14.01.2011
Von Stefan Stosch
Pas de deux: Nina, die Ballerina (Natalie Portman), und Thomas Leroy, der Ballettchef (Vincent Cassel). Quelle: 20th Century Fox
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Gegensätzlicher können Kinofiguren auf den ersten Blick kaum sein: Hier Randy „The Ram“ Robinson (gespielt von Mickey Rourke), die Kampfblondine, das menschliche Wrack, der Wrestler, der täglich seine Steroide einwirft und davon lebt, sich möglichst spektakulär verprügeln zu lassen. Dort Nina (Natalie Portman), die Ballerina, die Tanzpuppe, die Makellose, zart und zerbrechlich, stets auf äußerste Perfektion bedacht und darauf, keine Frühstücks­kalorie zu viel zu schlucken.

Es scheint, als hätte US-Regisseur Darren Aronofsky sich selbst ein Kontrastprogramm verordnet: Erst dreht er das – mit Preisen überhäufte – Drama „The Wrestler“ mit Mickey Rourke, nun kommt er mit „Black Swan“ und Natalie Portman. Doch wer genauer hinschaut, entdeckt Ähnlichkeiten. Schon die Übungsstunden verlangen ganz ähnliche Vorbereitungen von beiden: Nina umwickelt ihre strapazierten Finger und Zehen genauso mit Klebeband, wie es auch Randy tat. Und auch sie fordert ihrem Körper alles ab, geht ausbeuterisch mit ihren Kräften um – nur dass sie, wenn die Aufregung zu groß wird, aufs Klo geht und kotzt. Das immerhin hat Randy nicht getan.

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Der Wrestler in Aronofskys Film hatte seine Karriere schon hinter sich. Er suchte einen Rückweg ins Leben und zu seiner Tochter. Nina dagegen ist bereit, einen hohen Preis zu zahlen, um ihre Karriere voranzutreiben. Soeben bietet sich ihr eine große Chance: Der in allen Psychotricks bewanderte Ballettchef Thomas Leroy (Vincent Cassel) sucht eine neue Primaballerina. Seine alte, Beth (Winona Ryder), hat er ausgemustert und mit vergifteten Komplimenten aufs Altenteil geschickt.

„Schwanensee“ soll Nina tanzen, und zwar in einer Doppelrolle. Sie soll sowohl den weißen, unschuldigen Schwan wie auch dessen schwarzen, bösen Gegenpart übernehmen. Für die erste Rolle ist Nina geradezu prädestiniert, aber wird dieses Kinderzimmergeschöpf auch die andere, die verführerische und bedrohliche Rolle, hinbekommen?

Aggressivität kennt Nina bislang gar nicht als Ausdrucksform – auch nicht im Unabhängigkeitskampf gegen ihre überbehütende Mutter (Barbara Hershey), die ungefähr so drauf ist, wie man sich die Mutter aus Hitchcocks „Psycho“ zu ihren Lebzeiten vorgestellt hätte. Als Nina geboren wurde, musste die Mutter ihre eigene Tanzkarriere abbrechen. Jetzt soll die Tochter diesen verpassten Traum nachholen.

Der Pakt mit Ballettchef Leroy wird zu einem teuflischen – und „Schwanensee“ für Nina zu einer Reise auf die dunkle Seite. Sie entdeckt das (Selbst-)Zerstörerische in sich. Sie zerreibt sich im Kampf gegen ihre Mutter, gegen den Ballettchef und gegen die Konkurrentin Lily (Mila Kunis), die scheinbar so kumpelhaft daherkommt, tatsächlich aber ihre eigene Laufbahn vorantreibt. Vor allem aber kämpft Nina einen Jekyll-und-HideKampf mit sich selbst.

Wie das alles enden könnte, sieht sie schon bald gespiegelt in ihrer ausrangierten Vorgängerin Beth. Als Gespenst mit schwarz umrandeten Augen umreißt ­Winona Ryder diese Frau, als eine Ballettkriegsversehrte, die ihren Lebenssinn mit ihrer Verbannung von der Bühne verloren hat.

Für Nina kommt es noch schlimmer, wenn das denn möglich ist. Regisseur Aronofsky überschreitet spielerisch leicht die Grenzen vom Ballett- zum Psycho- und zum Horrorfilm. Er treibt seine Protagonistin in Wahnvorstellungen, die an die einer Catherine Deneuve in Roman Polanskis „Ekel“ (1965) erinnern. Man sagt so leicht, dass jemand um sein Leben tanzt. Hier wird es wahr. Wo die Wirklichkeit endet und Ninas Wahnvorstellungen beginnen, ist kaum mehr auszumachen.

Vielleicht übertreibt Aronofsky die Gruselelemente ein bisschen zu sehr. Die heutigen digitalen Möglichkeiten sind verlockend: Plötzlich sprießen Federkiele auf zarter Frauenhaut, und ein schwanenähnliches Geschöpf spreizt für einen winzigen Moment sein Gefieder. Doch das sind nur kleine Mäkeleien, denn dem Regisseur gelingt Erstaunliches: Auch wer kein Ballettfreund ist, wird sich von diesem Film mitreißen lassen.

Natalie Portmans Leistung ist phänomenal. Sie hat schon als Kind Balletttanz gelernt und soll nun hart für „Black Swan“ trainiert haben. Die israelisch-amerikanische Schauspielerin spielt und tanzt gleichermaßen mit einer Entschiedenheit, die einem Angst machen könnte – denn an ihrem Anspruch auf Perfektion zerbricht schließlich auch die Tänzerin Nina.

Der Ausflug ins Ballett hat Portmans Leben tatsächlich verändert, allerdings auf ganz andere Art: Inzwischen ist die 29-Jährige mit dem französischen Balletttänzer Benjamin Millepied verlobt, den sie bei den Dreharbeiten kennenlernte. Und sie ist schwanger. Zum perfekten Glück fehlt jetzt nur noch ein Oscar. Aber der kann ja noch kommen. Ende Februar in Hollywood.

Kinostart ist am Donnerstag.

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