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Kultur Bloc Party melden sich mit neuem Album zurück
Nachrichten Kultur Bloc Party melden sich mit neuem Album zurück
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06:15 31.08.2012
Von Marina Kormbaki
Zurück zur Pose: Kele Okereke bei einem Konzert auf der Main Stage des "Melt!"-Festivals.
Zurück zur Pose: Kele Okereke bei einem Konzert auf der Main Stage des "Melt!"-Festivals. Quelle: dpa
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Hannover

Es fehlte nicht viel, und sie wären verschwunden. Nicht auf die Weise, wie Rockbands sonst verschwinden; mit schlechter Musik oder durch bloßes Verstummen. Nicht sang- und klanglos; im Gegenteil. Als Rockband drohte sich Bloc Party auf recht kunstfertige Weise zu verflüchtigen. Technische Finesse trat beim 2008er-Album „Intimacy“ an die Stelle von Akkordarbeit. Von der Unwahrscheinlichkeit tiefer zwischenmenschlicher Nähe handelte das dritte Konzeptalbum der Band; von Entfremdung, die der Kopf der Band, Kele Okereke, in Musik transponierte, indem er seine Bandkollegen zu Avataren ihrer selbst machte. Bass, Gitarre und Schlagzeug lieferten kaum mehr als Initialtöne, die durch digitale Soundspiralen glitten, flankiert von Samples, Loops und dem kalten Schlag der Drum Machine. Band und Musik trennten digitale Welten.

Noch mehr technisches Gefrickel ging nicht? Doch. Nachdem die Bandmitglieder nach ihrer „Intimacy“-Tour genug voneinander und getrennte Weg eingeschlagen hatten, kam Okereke mit seinem Soloalbum „The Boxer“ um die Ecke, einer Houseplatte von gleichermaßen bestürzender wie faszinierender Synthetik und Sterilität, dass kein Zweifel und keine Hoffnung mehr angebracht schienen: Bloc Party, jene Band, die es mit dem federnden, skeptischen Indierock ihres 2005er-Debüts „Silent Alarm“ hoch oben auf den Kamm der retrograden Wave-Punk-Welle geschafft hatte, war Geschichte. Und jetzt kommt „Four“.

Viertes Album nach vier Jahren von den immer noch selben vier Musikern. Und trotzdem anders. Es ist Bloc Partys Wiederentdeckung als Rockband, vertontes Vertrauen in die schöpferische Kraft von Gitarre, Bass und Schlagzeug. Pur, laut, ungestüm. Der Klang nimmt nicht mehr lange Umwege über Filter, Fader und Effekte, er quillt direkt raus aus der Tür des Proberaums.

Das ist es, was Okereke den Hörer gleich in den ersten Sekunden glauben machen will. Schlagzeuggerumpel verklingt, er fragt: „Have You caught that already?“ (Hast du das schon aufgenommen?), so als liefe beim gemeinsamen Spielen das Aufnahmegerät einfach mit, und fertig ist die Platte. Was natürlich gelogen wäre, aber man ist ja gewarnt, das erste Stück heißt schließlich „So He Begins to Lie“. Von einem Mann auf der Bühne ist darin die Rede, Kamera und Publikum richten ihre Blicke auf ihn, er holt tief Luft und beginnt zu lügen, immer und immer mehr Lügen, bis sein Spiegelbild zurücklügt, bevor es dann verblasst. Ein Künstler, der sich von seinem Werk verraten glaubt. „Wie wir unsere Songs aufnahmen, fühlte sich nicht mehr natürlich an“, sagte Okereke kürzlich dem „Musikexpress“.

Dennoch ist „Four“ keine Verleugnung früherer Platten, keine lautstarke Selbstdistanzierung nach dem Motto: Und jetzt zeigen wir mal, wer wir eigentlich sind. Es ist ein weiterer großer Meilenstein in der Entwicklung dieser versierten Band; der vierte. Dem scharf geschliffenen Gitarrensound von Russell Lissack wird mehr Raum denn je gewährt: Schon spektakulär, wie sich die Gitarre durch das infernalische „3x3“ fräst, in „Coliseum“ von schleppendem Baumwollballen-Blues in eine Hardcore-Hölle stürmt und im bösen „We Are Not Good People“ manische Metal-Riffs erklimmt. An Spannung gewinnt die Platte durch einen kleinen Kunstgriff in die Symmetrietrickkiste: Jedes dieser grelllauten Stücke wird in einer ruhigeren, poppigen Nummer gleichsam gespiegelt. Ganz besonders schön ist das Zwei-Akkord-Stück „Real Talk“ - eine Freundschaftserklärung an einen Geliebten, vielleicht aber auch eine Liebeserklärung an einen Freund, in deren Refrain Okerekes samtene Stimme frei von Manierismen Himmelshöhen erreicht. Und zwischendurch gibt es auch etwas für die Indie-Disko; zum Beispiel die mysteriöse Single „Octopus“: Die Melodie der Strophen hätte auch die eines Abzählreims sein können, allerdings schrammt sie um einen gespenstischen Halbton an kindlicher Sorglosigkeit vorbei; und die durch den Schredder gejagte Gitarrenspur macht das Ganze noch geheimnisvoller.

„Four“ könnte dem derzeit etwas ziellos dahindümpelnden Gitarrenrock einen kräftigen Schubs versetzen. Und wenn nicht, dann gilt, was Okereke kürzlich in einem Interview sagte: „Es ist ein Album für die Zukunft. Für den Zeitpunkt, an dem alle schon vergessen haben, wofür früher ein richtiges Rockalbum stand.“