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Kultur Blockbuster aus Babelsberg
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14:48 16.09.2011
Ein deutscher Regisseur hat große Pläne: Tom Tykwer inszeniert den „Wolkenatlas“ gemeinsam mit den Wachowski-Brüdern. Quelle: dpa
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Potsdam

Der Film trägt den schönen Titel „Cloud Atlas“, aber in der Branche firmiert er noch unter einem anderen Namen: Er heißt ganz einfach der Hundert-Millionen-Euro-Film. Hinter dieser Zahl verbirgt sich eine Eins mit acht Nullen dran. Solche Summen werden normalerweise mit großen Hollywoodbudgets in Verbindung gebracht. In diesem Fall ist das anders. „Cloud Atlas“, die Verfilmung des gleichnamigen Bestsellers von David Mitchell, ist der bislang teuerste deutsche Kinofilm. Am Donnerstag beginnen zwei Regieteams in Schottland und Spanien gleichzeitig mit den Dreharbeiten.

Nationale Kategorien taugen im Filmgeschäft allerdings nur noch bedingt. Das lässt sich auch an der bunt gemischten Filmcrew ablesen. Als Produzenten beispielsweise zeichnen Stefan Arndt von der Berliner Firma X-Filme („Lola rennt“, „Good Bye, Lenin!“, „Das weiße Band“) und der Australier Grant Hill („Titanic“, „Tree of Life“) verantwortlich.

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Ungewöhnlich, wenn nicht einzigartig ist das Regiekonzept: Der Deutsche Tom Tykwer („Drei“) inszeniert zusammen mit den unzertrennlichen US-Brüdern Andy und Lana Wachowski („Matrix“). Die drei haben auch das Drehbuch gemeinsam geschrieben und wollen die einzelnen Episoden des stark verschachtelten Romans untereinander aufteilen – so kann parallel gedreht werden, um Kosten zu sparen. Die Handlung reicht über mehrere Jahrhunderte bis in die ferne Zukunft.

Das Schauspielerensemble wird angeführt von den beiden Oscar-Preisträgern Tom Hanks und Halle Berry, dazu stoßen neben anderen Hugh Grant, Susan Sarandon, Hugo Weaving, Ben Whishaw die Chinesin Zhou Xun und die Koreanerin Doona Bae. Der Film soll schließlich rund um den Globus die Kinosäle füllen. Und das funktioniert am besten, wenn Zuschauer in Ost wie West Gesichtern auf der Leinwand begegnen, die für sie gute Bekannte sind. Hollywood verfährt schon lange nach diesem Multikultiprinzip – siehe die „James Bond“-Abenteuer.

Trotzdem ist vieles deutsch an diesem Projekt. Der Berliner Produzent Arndt hat es zum Leben erweckt, er war an der Auswahl von Schauspielern und Schauplätzen beteiligt. Er hat auch die Finanziers begeistert – nicht zuletzt die in Asien. Hollywoodstudios setzt heute lieber auf eingeführte Marken wie „Herr der Ringe 1-3“ oder „Harry Potter 1-8“, um das finanzielle Risiko zu minimieren.

In Deutschland wird „Cloud Atlas“ vorzugsweise im Studio Potsdam Babelsberg gedreht. Wenn Hanks und Co. sich dort im Oktober die Ehre geben, ist beinahe das gesamte Studiogelände belegt. Die Setdesigner sollen schon seit Monaten mit dem Bau der aufwendigen Kulissen beschäftigt sein. Allerdings lässt die Beteiligung der technikfreudigen Wachowskis vermuten, dass für diesen Film auch viel digitaler Zauber aufgefahren wird.

Babelsberg hat in den vergangenen Jahren bereits einige Erfahrung mit großem Kino gesammelt. Besonders amerikanische Produktionen haben sich vor den Toren Berlins angemeldet. Es entstanden Filme wie „Operation Walküre – Das Stauffenberg-Attentat“ oder auch „Inglourious Basterds“. Tom Cruise oder Quentin Tarantino waren allerdings nicht zuletzt auch wegen der steuerlichen Vorteile nach Deutschland gereist. Danach verschwanden sie wieder auf die andere Seite des Atlantiks. In diesem Fall soll auch die Verwertung des fertigen Werkes von Deutschland aus gesteuert werden.

Bislang galt die Literaturverfilmung „Das Parfum“ (2006) – ebenfalls von Tom Tykwer inszeniert – als das teuerste Werk aus heimischer Herstellung. Der Film hat etwa halb so viel wie „Cloud Atlas“ gekostet. „Parfum“-Produzent war der inzwischen verstorbene Bernd Eichinger. Ihm hätte man wohl am ehesten einen Hundert-Millionen-Kraftakt zugetraut.

Nach Eichingers überraschendem Tod Anfang dieses Jahres diskutierte die Branche erschrocken darüber, wer wohl in seine Fußstapfen treten könne. Offenkundig hängt die Entwicklung des deutschen Kinos aber nicht mehr an einzelnen Personen. Mit diesem Film dringt es in neue Dimensionen vor. Die unausgesprochene Botschaft lautet: Man braucht Hollywood nicht mehr unbedingt im Blockbuster-Geschäft.

Am Ende dürfte „Cloud Atlas“ dennoch gewisse Gemeinsamkeiten mit einem Hollywoodprodukt haben. Die Geschichte gehört ins Fantasyfach, ist mit Actionszenen gespickt, und irgendwann muss jemand ran, um die Welt zu retten.

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