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Kultur Blogger Airen: „Echtheit ist mein Programm“
Nachrichten Kultur Blogger Airen: „Echtheit ist mein Programm“
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19:20 05.04.2010
Blues Brother? Nein, Autor Airen möchte nur gern anonym bleiben.
Blues Brother? Nein, Autor Airen möchte nur gern anonym bleiben.
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Airen, vor zwei Monaten flog auf, dass Helene Hegemann aus Ihrem ersten Roman „Strobo “ abgeschrieben hat. Jetzt erscheint Ihr zweites Buch. Warum diese Eile?
Die Arbeiten zu Strobo hatte ich im Sommer 2007 abgeschlossen. Strobo endet mit meinem letzten Tag in Berlin, bevor ich nach Mexiko ging. Die Lektoratsphase bei Sukultur dauerte etwa zwei Jahre, so dass Strobo erst im August 2009 erschien. Allerdings schrieb ich auch über mein Leben in Mexiko ein Blog. Von dieser Zeit – Sommer 2007 bis Sommer 2009 – handelt „I Am Airen Man“. Die Texte für mein zweites Buch lagen also sozusagen schon in der Schublade, als Blumenbar im März dieses Jahres auf mich zukam. Wir hatten den etwas ehrgeizigen Plan, „I Am Airen Man“ noch zur Buchmesse in Leipzig fertig zu bekommen. Mit großem Einsatz aller Beteiligten haben wir das auch geschafft.

Wie kam es zu der Zusammenarbeit? Sie hätten ja auch beim Sukultur-Verlag bleiben können, in dem Strobo erschien.
Strobo war das erste Buch dieses Umfangs bei Sukultur. Allein die Lektoratsphase dauerte zwei Jahre. Nach dem Bekanntwerden der Plagiatsaffäre waren die Jungs von Sukultur „vollbeschäftigt“ mit Nachdruck und Versand von Strobo. Niemand da hatte Zeit, sich um ein neues Buch zu kümmern.

Und warum Blumenbar?
Blumenbar kam, neben anderen, auch großen, Verlagen auf mich zu mit der Idee, aus den Texten, die nach Strobo entstanden sind, ein zweites Buch zu machen. Dass ich mich letzten Endes für Blumenbar entschieden habe, lag an dem Buchkonzept, das man dort bereits ausgearbeitet hatte. Da merkte ich sofort: Das geht in die richtige Richtung. Die haben wirklich ein Interesse an den Texten und wollen nicht nur den Hegemann-Skandal ausschlachten. Auch das Programm von Blumenbar war ein Argument – mit Matias Faldbakken und Hunter S. Tompson z.B. erscheinen dort vor Allem Autoren aus der Pop- und Subkultur, und Airen passt da viel besser rein, als in einen großen Publikums-Verlag. Ausschlaggebend war dann letztlich das Persönliche, die Begeisterung, die ich bei allen im Verlag gespürt hatte. Als der Vertrag dann unterzeichnet war, konnten wir es gar nicht abwarten, mit den Arbeiten am Buch zu beginnen.

Das Buch wurde innerhalb von einer Woche produziert. Wie war das möglich?
Das ging nur mit „all-in“. „I Am Airen Man“ war von Anfang an oberste Priorität bei Blumenbar. Ich bin sofort nach der Vertragsunterzeichnung in die Verlagsräume über dem WMF-Club eingezogen. Zusammen mit Hendrik saß ich dann von früh bis spät an den Texten. Es war eine wirklich intensive und anstrengende Arbeit. Trotzdem – nach einer Woche waren wir fertig. Wir hatten dann auch das Gefühl, dass das Buch jetzt gut ist und freigegeben werden kann.

Haben Sie keine Angst, am Ende des Hegemann-Hypes verheizt zu werden?
Bei Blumenbar gewiss nicht. Ich merke immer wieder, mit wie viel Enthusiasmus dort an dem Projekt gearbeitet wird.

Was bedeutet es für Sie, plötzlich auch ein ganz klassischer Autor zu sein, der in traditionellen Verlagen wie Blumenbar oder Ullstein.
Zunächst mal ist das ein Ansporn. Je ernster die eigenen Texte genommen werden, desto mehr merkt man, dass man etwas richtig macht, dass man wirklich weiter Mühe auf das Schreiben verwenden sollte. Das war schon damals ein Schub, als Sukultur aus meinen Texten ein Buch machen wollte.

Der Titel „I am Airen Man“ spielt vermutlich auf den Song „I am iron man“ von Black Sabbath an ...
Ich habe meine Jugend eigentlich in den 60ern verbracht. Mit 13, 14 hörte ich vor Allem Jimi Hendrix und Deep Purple – und eben auch Black Sabbath. Die Faszination für Techno kam erst sehr spät, da hatte ich schon das Abi hinter mir. „I am iron man“ war also ein Song, der mich seit meiner Jugend begleitet hat. Als dann letztes Jahr der Film „Iron Man“ erschien, wurde ich wieder auf diesen Ausdruck gestoßen. Zu der Zeit veröffentlichte ich ja bereits im Netz unter dem Namen „Airen“. So hatte ich irgendwann dieses Wortspiel im Kopf. In einer tequilaschwangeren mexikanischen Nacht schrieb ich dann diesen Text, wie alles dazu kam, dass ich heute Airen bin, zwischen den Welten, fast schon ein Manifest. Mir fehlte noch ein Titel dazu und dann merkte ich dass ich den schon längst hatte: „I Am Airen Man“. Die Idee, das neue Buch so zu benennen kam von Blumenbar, und sie passt. Denn „I Am Airen Man“ ist eben auch eine Art Manifest, mein Statement als Schriftsteller.

Die Faszination von Drogen, Rauscherfahrungen, sexuelle Grenzüberschreitungen spielen in Ihren Büchern - und auch in Helene Hegemanns „Axolotl Roadkill“ eine zentrale Rolle. Warum ist das heute ein so wichtiges Thema?
Das ist doch eigentlich gar nicht so ein neues Thema. Grenzerfahrungen – ob durch Drogen oder Sex - haben schon immer Menschen zu Kunst inspiriert. Da sind die vielzitierten Baudelaire, Hendrix, Burroughs, Goetz. Immer wieder machen vor Allem junge Menschen extreme Erfahrungen, begeben sich freiwillig, aus Neugierde, in diese faszinierende, verlockende, gefährliche Welt. Und auch mich hat diese Welt damals total umgehauen und ich musste darüber schreiben, denn erzählen konnte ich es niemandem.

Hegemanns Plagiate haben eine Authentizitätsdebatte ausgelöst. Wie wichtig ist es Ihnen, beim Schreiben authentisch zu sein?
Mir persönlich ist das sehr wichtig. Bei mir ist die „Echtheit“ des Beschriebenen sozusagen das einzige literarische Programm, das ich habe. Ich habe auch manchmal überlegt, ob ich anfangen sollte, fiktiv zu schreiben. Aber ich habe dieses Bedürfnis nicht, wüsste wahrscheinlich auch gar nicht, wie das geht. Das eigene gelebte Leben ist aber so voll von Geschichten, Humor, großen Gefühlen, dass es für mich noch Stoff für tausend Bücher gäbe, ohne auch nur eine Sache erfinden zu müssen. Die mangelnde Authentizität, die Helene Hegemann vorgeworfen wird, finde ich aber auch überhaupt nicht problematisch. Sie kann sich doch ein Leben ausdenken, das sie nicht gelebt hat, und darüber ein Buch schreiben. Da sehe ich gar ein Problem. Und wie Frau Auffermann von der Jury der des Leipziger Buchpreises schon gesagt hat: Man kann ja im Grunde froh sein, dass sie nicht das erlebt hat, was Mifti in Axolotl durchmacht. Was eben nicht korrekt war, war aus meinem Blog abzuschreiben.

Sie sind quasi über Nacht berühmt geworden. Was hat sich in Ihrem Leben verändert?
So ziemlich alles. Ich war gerade auf der Suche nach einem neuen Job im Consulting, als all das über mich hereinbrach. Es wurden viele neue Projekte an mich herangetragen, ich bin nun eigentlich von früh bis spät mit irgendetwas befasst, das das Schreiben oder meine Texte betrifft. Es fühlt sich sehr spannend an. Im Grunde habe ich immer auf so etwas gewartet, ohne es zu hoffen.

Sie haben in Interviews immer wieder geäußert, dass Sie fürchten, enttarnt zu werden. Ihr Umfeld weiss vermutlich aber inzwischen, dass Sie Airen sind. Warum bestehen Sie weiter auf Ihrem Pseudonym?
Meine guten Freunde wussten auch schon vorher, dass ich Airen bin. Aber das Programm ist ja bei mir, auch weiterhin: Ehrlich aus dem eigenen Leben zu schreiben. Und das ist anonym sehr viel besser möglich. Die Anonymität ist ein großer Schutz für diese Art des Schreibens. Ich habe auch mit ein paar Journalisten darüber gesprochen, und die meisten meinten: Wem bringt das denn jetzt was, wenn wir deinen echten Namen heraus bekommen und veröffentlichen würden? Ich sehe auch einfach keinen Grund, meinen Namen bekannt zu geben.

Sie sollen sogar Ihren Chef zu einer Ihrer Lesungen eingeladen. Was hat er danach gesagt?
Ich habe mich mit dem schon zu meinen Zeiten in der Agentur sehr gut verstanden. Es gibt ja auch in der Arbeitswelt immer wieder Leute, denen du anmerkst: Da ist noch mehr als diese professionelle Fassade, das sind „echte“ Menschen. Von daher wusste ich bei meinem damaligen Chef, dass ich ihm auch die Schattenseite meines Lebens zutrauen kann. Und genau so war es. Er war nicht etwa schockiert, aber er hätte mir dieses Leben wohl auch nie zugetraut. Ich war im Büro immer sehr verschlossen. Vielleicht auch aus Angst, dass jemand mich enttarnt, dass man mir dieses Nachtleben und diese Ausschweifungen irgendwie ansehen könnte.

  • Airen ist nach eigenen Angaben 1981 geboren. Der Berliner Blogger wurde durch den Plagiatskandal um Helene Hegemann bekannt. Unter airen.wordpress.com schrieb er ab 2007 über seine Erlebnisse im Berliner Nachtleben, später über sein Leben in Mexiko. 2009 veröffentlichte er Auszüge aus dem Blog in „Strobo“ (Sukultur). Nun bringt der Blumenbar Verlag mit „I Am Airen Man“ (174 Seiten, 17,90 Euro) die zweite Blog-Compilation als Buch heraus.

Interview: Jutta Rinas