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10:28 08.04.2014
Foto: Die Band Ton Steine Scherben tritt in neuer Besetzung im Pavillon auf.
Die Band Ton Steine Scherben tritt in neuer Besetzung im Pavillon auf. Quelle: Daniel Behrens
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Die drei jungen Damen sind höchstens Mitte zwanzig. Sie wirken etwas verloren im Foyer des hannoverschen Pavillons, zwischen all den Mittvierzigern. Zwei Punks mit pinkfarbenem Hahnenkamm trinken ihr Flaschenbier. Handygespräche: „Ich bin gerade bei den Scherben“, und: „Nein, der ist doch schon lange tot.“

1970, das war für manche die „Ich bin gegen alles“-Zeit. Plötzlich gab es da diese Band mit dem Sänger Rio Reiser, die das artikulierte, was viele dachten – mit Titeln wie „Macht kaputt, was euch kaputt macht“ und, 1972, „Keine Macht für niemand“. 1985 war Schluss, die Band löste sich auf, Rio Reiser ist 1996 gestorben.

2014. Ein Sonntagabend. Acht Musiker bekommen höflichen Beifall, als sie die in blutrotes Licht getauchte Bühne des Pavillons betreten. Sie nennen sich Ton Steine Scherben und ziehen 600 Gäste an. Gitarrist Lanrue und Bassist Kai Sichtermann sind Gründungsmitglieder, Schlagzeuger Funky Götzner ist seit 1974 dabei, der Rest der Musiker sind Freunde, Familienmitglieder. Mit „Wenn die Nacht am tiefsten ...“ fangen sie an, und Sänger Nico Rovera klingt tatsächlich ein bisschen wie Rio Reiser. Mit aufgefrischten Arrangements und jungen Sängerinnen geht es weiter. Sie sind im Alter der drei Damen aus dem Foyer, wirken aber im Gegensatz zu denen nicht verloren, sondern sind Teil der Band. Hardrock und Blues, ein bisschen Jazz, das ist es im Groben.

Einige Besucher gehen nach ein paar Liedern, der Großteil aber bleibt, lässt sich ein auf dieses erinnerungsträchtige Konzert. Als Zugabe gibt es den „Rauch-Haus-Song“, der dem von Polizisten erschossenen Berliner Georg von Rauch gewidmet ist und der zur Hymne der Hausbesetzer wurde. Dann darf Hannes Wesendonk von den hannoverschen Rockern U3000 sein Lieblingslied von den Scherben singen. Eigentlich sollte das Popstar Bosse machen, aber der hat Grippe. Also Wesendonk. Er hat sich „Land in Sicht“ ausgesucht und klingt auch wie Rio Reiser.
Im Foyer verkauft man später himmelblaue Shirts in Babygröße mit dem Aufdruck „Keine Macht für niemand“. Die nächste Generation ist wohl schon eingeplant. Die Punks mit den rosa Haaren stehen draußen und rauchen.

Von Michael Krowas

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