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Kultur „Bodenlos“ von Thomas Lang
Nachrichten Kultur „Bodenlos“ von Thomas Lang
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12:27 29.06.2010
Von Martina Sulner
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Thomas Lang ist ein humorvoller Mensch. Seinen früheren Romanen merkt man das nicht sofort an. „Am Seil“ zum Beispiel erzählt von einem Mann, der gemeinsam mit seinem alten Vater Selbstmord begehen will. Für einen Ausschnitt daraus hat der Autor 2005 den Ingeborg-Bachmann-Preis erhalten. Und Langs Buch „Unter Paaren“ ist ein extrem streng komponierter, spröder Text über Menschen um die vierzig und die Schwierigkeiten der Liebe.

In seinem neuen Roman „Bodenlos“ jedoch begegnet einem der eigenwillige Humor des Autors schon im Motto. „Lest es 2x, verdammt!“, heißt es da. Das sei, sagte Thomas Lang vor Kurzem bei einer Lesung, ein Witz: Schließlich sei es nicht mal zu schaffen, die wichtigen und sehr guten Romane der Weltliteratur wenigstens einmal zu lesen. Dafür gebe es einfach zu viele Bücher und zu wenig Lesezeit. Er erwarte also nicht wirklich, dass irgendjemand seinen neuen Roman zweimal lese.

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Einmal sollte man es aber auf jeden Fall machen. Thomas Lang, geboren 1967 im Bergischen Land, erzählt fulminant und gespickt mit Details vom Schüler Jan Bodenlos. Jan lebt in einer kleinen Stadt in der Nähe von Bonn. Der Roman erzählt vom letzten Schuljahr des Jugendlichen Mitte der achtziger Jahre. Lang schafft zweierlei: Er bringt erstens dem Leser seine Hauptfigur ganz nah – und lässt, zweitens, den Leser die Atmosphäre jener Jahre spüren.

Beides gelingt, weil der Autor mit viel Sinn für Details, für sprachliche Wendungen dieser Zeit, für den Jargon etwa der Friedensbewegten und der Kleinstadt-Punks erzählt, weil er die Mode und vor allem die Musik der Achtziger (und die Streitereien von Jan und seinen Freunden über die vermeintlich besten Bands) beschreibt. Und auch, weil er die spezifisch bundesrepublikanische Egozentrik genau abbildet: Man diskutiert zwar über Nato-Doppelbeschluss, geht demonstrieren und pflegt seinen Antiamerikanismus, doch die DDR ist für Jan und seine Mitschüler weiter weg als Großbritannien oder Portugal. Die Schüler sprechen zwar ständig vom Ausbruch aus dem „Spießerleben“, bleiben aber am Geschehen außerhalb ihrer Schule und ihrer Stadt desinteressiert.

Langs Buch ist ein klassischer Entwicklungsroman. Doch dauert es, bis die Hauptfigur zu Entwicklung und Aktivität in der Lage ist. Anfangs, es ist der Beginn des letzten Schuljahres vor dem Abitur, will der 17-Jährige sich zwar aus dem, wie er es nennt, spießigen Elternhaus und der miefigen Kleinstadt befreien. Doch er bleibt in seiner Passivität gefangen. Jan ist unsterblich verliebt in seine neue Mitschülerin Kiku, doch hat er viel zu viel Angst, um ihr seine Gefühle einzugestehen, und fürchtet sich vor Sex, den er zugleich herbeisehnt.

Nur bei seiner älteren Schwester An – Jan und An: Die Mutter hat ein Faible für kurze Namen –, die weit rebellischer ist als er, fühlt er sich halbwegs wohl. Als die junge Frau nach einem Autounfall stirbt, sorgt sich der Leser darum, ob der Bruder diesen Schicksalsschlag verkraften kann. Wie überhaupt zahlreiche Tote in diesem Roman zu beklagen sind: Mehrere Jugendliche kommen bei Autounfällen ums Leben; und ein Mitschüler Jans verliert zwei Brüder – beide bringen sich um.

Was den introvertierten Jan aus seiner Einsamkeit und seinem Weltschmerz rettet, ist die Liebe zur Literatur. Er liest wild und unsystematisch, und er macht erste Schreibversuche. Seine Gedichte und Tagebucheintragungen sind mitunter schwer erträglich: Lang trifft den selbstanklägerischen, pathetischen Ton, den literarische Texte ganz junger Schreiber manchmal haben.

Mit diesem Jan Bodenlos, dem der feste Boden unter den Füßen fehlt, hat ­Autor Thomas Lang die eindrücklichste Figur seiner bisherigen Texte geschaffen. Der Autor, der seit mehreren Jahren in München lebt, erzählt mit langem Atem und nimmt sich auch die Zeit und den Raum, um zum Beispiel die länglichen Diskussionen zwischen Jan und seinen Freunden abzubilden. Einer dieser Freunde wirkt wie der Vorbote einer neuen Ära: Dieser Jugendliche interessiert sich für Computer. Und das findet die große Jutetaschen-Fraktion der Schule reichlich merkwürdig. Ja, fast schon unheimlich.

Autor

Thomas Lang

Titel

Bodenlos

Verlag

C.H. Beck

Seitenzahl

461 Seiten

Preis

19,90 Euro

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