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Kultur "Böll adieu?": Eine Diskussion über den Schriftsteller im Literaturhaus
Nachrichten Kultur "Böll adieu?": Eine Diskussion über den Schriftsteller im Literaturhaus
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14:56 14.05.2010
Von Regine Schulz
Heinrich Böll im Jahre 1983
Böll (mitte) bei der Blockade des US-Militärdepots Mutlangen 1983. Quelle: dpa
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Die Kölner Ausgabe, die das gesamte Werk Heinrich Bölls versammelt und kommentiert, ist fast komplett. Noch in diesem Jahr erscheinen die drei abschließenden Bände bei Kiepenheuer & Witsch, dann liegt das umfangreiche Werk des Literaturnobelpreisträgers vor – in 27 voluminösen Bänden. Doch: Bedeuten seine Bücher den heutigen Lesern überhaupt noch etwas, brauchen wir denn seine Texte noch? Darüber gehen die Meinungen aus­einander – bei Literaturkritikern ebenso wie bei denjenigen, die Böll als Schullektüre gelesen haben und von denen viele dem Autor seitdem herzlich abgeneigt sind.

„Böll adieu?“, fragte jetzt NDR-Moderator Stephan Lohr im hannoverschen Literaturhaus Ralf Schnell, den Mitherausgeber der Kölner Ausgabe, und Tilman Krause, Literaturkritiker der „Welt“. Auf keinen Fall, sagt Schnell: Böll sei zwar, 25 Jahre nach seinem Tod, nicht mehr so aktuell, doch er sei „ein Teil der bundesrepublikanischen Geschichte; die ist ohne Heinrich Böll nicht zu denken“.

Bücher wie „Ansichten eines Clowns“, „Billard um halb zehn“, „Irisches Tagebuch“, „Die verlorene Ehre der Katharina Blum“ gehören zu den populärsten, am besten verkauften Bänden der Bundesrepublik. Zudem war der 1917 geborene Autor von Anfang der fünfziger Jahre an bis zu seinem Tod 1985 durch sein gesellschaftliches Engagement eine öffentliche Figur: Der gebürtige Kölner kritisierte die Adenauer-Politik ebenso wie die katholische Kirche, er setzte sich für einen humanen Umgang mit der RAF ein, unterstützte die Friedensbewegung und sowjetische Dissidenten wie Alexander Solschenizyn. Das alles brachte dem Katholiken Respekt, manchmal gar Bewunderung, aber auch harsche Kritik ein.

„Böll war die zentrale Figur der deutschen Nachkriegsliteratur“, sagt auch Tilman Krause. Er jedoch geht, wie zu erwarten war, hart mit dessen Buch „Die verlorene Ehre der Katharina Blum“ ins Gericht. Diese lange Erzählung, in der der Schriftsteller Mitte der siebziger Jahre die Arbeitsweise der „Bild“-Zeitung aus dem Axel-Springer-Verlag kritisierte, ist mit fast sechs Millionen verkauften Exemplaren – und durch die Verfilmung von Volker Schlöndorff – immer noch sehr präsent. Das Buch sei „pure Demagogie“, befindet Krause, eine „Dämonisierung des Journalismus“. Und spöttelt, dass er als Redakteur der „Welt“, die ebenfalls im Axel-Springer-Verlag erscheint, nach Bölls Sicht ja ebenfalls zu den Bösen, wenn auch nicht ganz so Bösen, gehöre.

Der vermeintlich „böse“ Herr Krause geht insgesamt aber ausgesprochen nett mit Böll um. Dessen „Gruppenbild mit Dame“, aus dem Schauspieler Peter Franke in Hannover wie auch aus anderen Böll-Texten liest, sei eines der gelungensten Bücher über Deutschland in den dreißiger, vierziger Jahren, „ein hoch differenziertes, literarisches Kunstwerk“.

Dem stimmt Ralf Schnell energisch zu und bedauert, dass der literarische Autor im Schatten des politischen Publizisten stehe: „Der Schriftsteller Heinrich Böll ist, bis auf wenige Ausnahmen, noch zu entdecken.“ Dieser Abend regte dazu an.

Den Mitschnitt sendet NDR Kultur am Sonntag, 16. Mai, um 20 Uhr.