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Kultur Borremans’ suggestive Kunst: Der magische Sog des Nichts
Nachrichten Kultur Borremans’ suggestive Kunst: Der magische Sog des Nichts
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19:17 10.04.2009
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„Eigentlich sieht der Betrachter nichts“: Künstler Michaël Borremans vor seiner Arbeit „The Storm“. Quelle: Ralf Decker
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atsächlich ist jede Arbeit des Belgiers immer auch eine Reflexion über die Abwesenheit, eine Inszenierung des Schreckens angesichts der Leere. „Ich lasse den Betrachter etwas sehen“, kommentiert der 46-Jährige, „aber eigentlich sieht er nichts. Ich führe ihm nämlich die Künstlichkeit des Bildes vor.“

In der Tradition seines Landsmannes Magritte und dessen legendärer Arbeit „Verrat der Bilder (Dies ist keine Pfeife)“ lässt sich Borremans lesen. Und in der Folge eines flämischen Surrealismus, dem das Unheimliche und Phantastische eigen ist. Die Protagonisten seiner Gemälde agieren in merkwürdig leeren Räumen, einer Lebenswirklichkeit entrückt, die ihrer Verrichtung Sinn geben könnte. Etwas wird geordnet, untersucht oder produziert, doch die Handlungen bleiben rätselhaft. Und weil die Figuren anachronistisch wirken mit ältlicher Haartracht und Kleidung, scheint die gesamte Szenerie wie aus der Zeit gefallen.

Mit seinen altmeisterlich ausgeführten Gemälden und Zeichnungen, die Einflüsse von Goya, Velázquez oder Hieronymus Bosch verraten, hatte Borremans bereits auf der Manifesta 5 im spanischen San Sebastian und bei der Berlin Biennale 2006 spektakuläre Auftritte. Nun hat die Kestnergesellschaft Hannover ihm eine Soloschau eingerichtet. Kurator Martin Germann konzentriert sich überraschenderweise nicht auf die Malerei, wenngleich ihr ein eindrucksvoller Raum mit acht kleinen Ölbildern gewidmet ist. Stattdessen ist es eine Reihe aktueller filmischer Werke, die das Zentrum der Ausstellung bilden und den Balanceakt zwischen dem Versprechen einer Erzählung und ihrer totalen Verweigerung fortsetzen.

Film bleibt bei Michaël Borremans Malerei mit den Mitteln des Lichts. In der Arbeit „The Storm“ (2006) wird die statische Gruppe dreier Männer in uniformen weißen Anzügen nur durch das diffuse Flackern einer Lichtquelle animiert. Ihre Herkunft und ihre Motivation bleiben sprichwörtlich im Dunkeln. Das puppenhaft Leblose der Personen wiederholt sich motivisch in „Taking Turns“ (2009), der jüngsten Arbeit der Schau. Eine weibliche Person installiert auf einem Tisch den Torso ihres Alter Ego, eine Wiedergängerin, deren Bewegungslosigkeit allein eine Unterscheidung zwischen beiden möglich macht. Metaphorisch spiegeln sich hier Leben und Tod, die Realität und ihre Repräsentation in der Kunst.

Es gibt einen wunderbaren Moment in „Taking Turns“, als die junge Frau die Rückenansicht ihres Ebenbilds betrachtet und an jenen Mann in Magrittes Gemälde erinnert, der seinen Nacken im Spiegel ansieht. Gerade so, als schaffe Borremans ein weibliches Pendant zu Magrittes männlichem Vorbild – und treibe sein ironisches Spiel mit dem Werktitel „La reproduction interdite“ (Die verbotene Reproduktion). Hier wie dort gilt René Magrittes Analyse: „Wer auch immer das Bild anschaut, der repräsentiert das, was er sieht.“

Die Identifikation des Betrachters mit der Kunstfigur wird noch dadurch forciert, dass der Verzicht auf markante Merkmale und die Nähe zum Nichts sie zur Projektionsfläche prädestiniert. Nicht umsonst spielt Borremans mit dem Ausstellungstitel „automat“ auf die Schauergeschichten E.T.A. Hoffmanns an, etwa auf die Erzählung „Der Sandmann“. Hier verliebt sich der Held Nathanael in die automatische Puppe Olimpia, weil er ihr Schweigen für Verständnis hält und ihre Leere mit sich selbst füllen kann. Vielleicht liegt eben hier auch das Geheimnis von Borremans’ Kunst: Dass ihre Leerstellen uns magisch anziehen, weil wir uns in ihnen finden.

„Michaël Borremans. automat“ bis 21. Juni in der Kestnergesellschaft Hannover.

Der Schauspieler Christian Erdmann liest am Sonntag, den 17. Mai, um 16 Uhr aus E.T.A. Hoffmanns Erzählung „Der Sandmann“.

Der Katalog mit Texten von Martin Germann, Hans Rudolf Reust und Veit Görner kostet 19 Euro.

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