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18:42 10.11.2013
Foto: Mit Tattoo und Cowboyhut: Boss Hoss kultivieren mit ihrer Musik und ihrem Auftritt ein Lebensgefühl.
Mit Tattoo und Cowboyhut: Boss Hoss kultivieren mit ihrer Musik und ihrem Auftritt ein Lebensgefühl. Quelle: Frank Wilde
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Hannover

Wo geht es denn bitte zur HDI-Halle?“ fragt das Pärchen an der Ampel in Linden-Süd. „Wollen Sie zum Fußballspiel 96 gegen Braunschweig?“, lautet die Gegenfrage. „Nein, zum Konzert von Boss Hoss. Wir kommen nicht aus Hannover“, antwortet die Dame. „Ist ja ganz schön schwierig diese Halle zu finden“. „Ja, ja, das Fußballspiel. Sie müssen aber in die Swiss-Life-Hall, so heißt die Halle jetzt“, sagt der Mann und bietet sich als Fremdenführer für das Pärchen an, das irgendwie gar nicht danach aussieht, als würde es ein Konzert von kernigen, tätowierten Rock’n’Rollern mit Lederkutte und Feinripphemd besuchen wollen. Chris de Burgh würde besser passen. Doch der spielt an diesem Abend nicht. Es sind die wilden, crossmedial agierenden Country-Kerle von Boss Hoss, die mit ihrer Musik ein Lebensgefühl konservieren, das die meisten Besucher wahrscheinlich lediglich aus Blues-Brothers-Filmen oder den verblassten Erinnerungen ihrer Jugend kennen. Es ist nur Rock’n’Roll. Aber man darf es mögen. Auch wenn man kein Tatooträger ist. Ein Cowboyhut tut’s auch.

Nebenan toben die Fußballfans beim Niedersachsen-Derby, in der Swiss Life Hall dröhnten die Gitarren: The Boss Hoss spielten am Freitag Abend ihr Konzert in Hannover.

Boss-Hoss-Konzerte sind eine Einladung zum ungezügelten Sich-gehen-lassen. Dafür nehmen die 5000 Fans auch lange Wege an Polizeisperren vorbei in Kauf und ertragen die Enge in der bis auf den letzten Platz gefüllten Halle. Als in der HDI-Arena gerade zur Pause gepfiffen wird, legen Boss Hoss in der Swiss-Life-Hall los. „Hallo Hannover. We are Boss Hoss from Berlin, Mississippi“ kalauert Hoss Power. Schnell wird klar: Das sind nicht mehr die Boss Hoss, die am Anfang ihrer Karriere mit ihrem räudigen wie charmanten Desperado-Image die Zielgruppe ironiebewusster Hipster adressierten. Die „Voice Of Germany“-Juroren machen nun Musik für die breite Masse, und die erwartet eine Show der Königsklasse. Der Sound ist gestochen scharf, die Bässe druck- und die Lichteffekte eindrucksvoll. Die ins Publikum blitzenden Flashlights sind von Heavy-Metal-Bands abgeschaut. Die sich bewegenden Lichtmuscheln im Hintergrund erinnern fast an die Kulisse des Films „Metropolis“.

Allerdings: Musikalisch ist das Konzert – bis auf eine kleine Unplugged-Session – stromlinienförmig, vorhersehbar und in etwa so spannend wie das Niedersachsenderby nebenan. Dennoch wollen Boss Hoss als originelle Band wahrgenommen werden. Deswegen spielen sie neben auf Country getrimmten Pop-Cover-Songs mittlerweile vermehrt eigene Stücke. Deswegen leisten sie sich eine Zehn-Mann-Band, zu der auch eine knackig spielende Bläserabteilung mit Mexikanerhüten gehört, die sich „Tijuana Wonderbrass“ nennt. Deswegen können sie nicht nur Country, sondern auch Western, nicht nur Rock, sondern auch Soul.

Was sie aber am besten können, ist, ihr Publikum rundum zu bespaßen. Sogar als Mediatoren haben sie Talent. „Wer kommt denn aus Braunschweig?“ fragt Hoss Power ins Publikum. Auf die bejahende Antwort einiger weniger folgen tatsächlich Buhrufe. Doch diesen kleinen Disput ersticken die Gute-Laune-Propheten im Keim. „Wir sind Rock’n’Roll. We don’t care“, sagt Boss Burns, dem nun auch anderes egal ist. Er macht sich nackig, zumindest halb. Mit entblößtem Oberkörper begibt er sich zum Stagediven in die Menge. Nun lassen die beiden Ex-Werbegrafiker mit ihrer zuerst nur als Gag für private Feiern gegründeten Band nichts mehr anbrennen.

Hit folgt auf Hit:„Rodeo Radio“, „Don’t Gimme That“ und zum Abschluss ihre lang gestreckte Version des Hip-hop-Klassikers „Hey Ya“. Zu diesem Zeitpunkt ist das Fußballspiel bereits eine Dreiviertelstunde lang Vergangenheit. Doch der Weg zurück nach Linden-Süd wird kein leichter sein.

Von Bernd Schwope

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