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Kultur „Brighton Rock“ zeigt stilechtes Gangsterkino im Gewand der Vierziger
Nachrichten Kultur „Brighton Rock“ zeigt stilechtes Gangsterkino im Gewand der Vierziger
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22:14 20.04.2011
Immer bereit zum Töten: Pinkie Brown (Sam Riley).
Immer bereit zum Töten: Pinkie Brown (Sam Riley). Quelle: Kinowelt
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Düster glänzen die Pflastersteine. Unheildrohend lang fallen die Schatten. Tief in der Stirn sitzen die Hüte der Männer in den grauen Mänteln. Einer flieht. Der Fliehende stirbt an einem Messerstich. Bandenkrieg in Brighton. Bilder wie aus einem Film noir der Vierziger.
Bilder wie ein Versprechen. Das Versprechen wird eingehalten. Dem Briten Rowan Joffe ist mehr als 60 Jahre nach John Boultings Graham-Greene-Adaption von „Brighton Rock“ (deutsch: Am Abgrund des Lebens) eine faszinierende Neuverfilmung gelungen.

Gangsterkino, wie es schon lange nicht mehr zu sehen war. Dieser Film ist eine stilistische Verbeugung vor den expressiven britischen Gangsterdramen der späten vierziger und frühen fünfziger Jahre. Doch „Brighton Rock“ 2011 taucht nicht wieder ein in den Aufbruch der Nachkriegszeit, sondern in die fiebrigen Beat-Jahre, in denen Mods auf Mopeds und Rocker auf Motorrädern in den Badeorten blutige Schlachten gegen­einander austrugen.

Pinkie Brown (Sam Riley), der Junggangster, der noch über den ersten Toten erschrickt, will in seiner Bande aufsteigen. Pinkie tötet jenen Mann, der den Mitglied seiner Bande tötete. Das erledigt er unter der Seebrücke mit hitziger Brutalität. Dummerweise wurde er kurz zuvor zufällig mit seinem Opfer fotografiert – neben der verschüchterten Kellnerin Rose. So sucht der Mann mit der Messernarbe im Gesicht dieses Foto. Er macht sich an die naive Rose heran, umgarnt sie, ist charmant und drohend – und erweckt das Misstrauen ihrer kühlen Chefin Ira. Rose jedoch ist blind vor Liebe. Sie sieht nicht das lauernde Raubtier in Pinkie, der Rose sogar heiratet, damit sie nicht gegen ihn aussagen kann.

Eine atmosphärisch dichte Die-Gute-und-das-Biest-Variation ist dabei herausgekommen, befreit von all den religiös unterfütterten ­Morallektionen Graham Greenes. Rowan Joffes „Brighton Rock“ ist handfestes Krimikino. Das Porträt eines Verdammten, der seinem Schicksal nicht entkommen kann. Die Studie eines innerlich Zerrissenen, der Wut im Bauch hat, keine Liebe kennt – und auf ein Mädchen trifft, das unschuldig ihre Liebe lebt.

Das hat Joffe mit vibrierender Eindringlichkeit in wunderbar zeitechten Kulissen gedreht. Das Café, die Zimmer, die Seebrücke, die Hinterstraßen, der Strand – alles atmet unruhigen Geist und rebellische Kraft. Gerade in der zentralen Mordszene zeigt sich das Andere, Neue.

Während Pinkie 1947 unbewegt in der Geisterbahn tötet, landet er nun mit explodierender, pathologischer Wucht in einem anderen Leben. Das spielt Sam Riley (der auch Joy-Division-Sänger Ian Curtis in „Control“ spielte) mit einer Kraft, die an den jungen Robert De Niro, und mit einer Besessenheit, die an Alain Delon erinnert. „Brighton Rock“ ist ein gelungener Versuch, den Gangsterfilm aus der Tradition heraus zu erneuern.

Norbert Wehrstedt