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00:15 11.01.2014
Von Mathias Begalke
Dreht an kleinen Schrauben und entwickelt seine Musik weiter: Bruce Springsteen. Quelle: dpa
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In vielen Songs von Bruce Springsteen geht es um Menschen, die in der Falle sitzen, die gestrauchelt, verwundet und desillusioniert sind. Sie verzweifeln auf ihrer Suche nach Liebe und Sinn oder einfach nur nach einem Job. „Ist ein Traum eine Lüge, wenn er nicht wahr wird – oder ist alles noch viel schlimmer?“, fragte Springsteen 1980 in „The River“. Doch mit Songs wie „No Surrender“ verjagt er immer wieder selbst die Depression. Auf seinem neuen, 18. Album „High Hopes“, das am Freitag erscheint, singt der 64-Jährige nun ein Lied, das eine Überschrift sein könnte für sein Gesamtwerk: „Dream Baby Dream“, im Original von der New Yorker Elektro-Punk-Band Suicide.

Es ist nicht nur richtig, wenn man träumt, meint Springsteen, sondern lebenswichtig – wie atmen. Und so atmet er die Zeile „Dream Baby Dream“ ein und aus und ein und aus, ganz ruhig und tröstend. Wie ein Mantra-Mann. Mit dem Song als Zugabe schickte er seine Fans schon bei seiner „Devil and Dust“-Tour 2005 optimistisch in die Nacht. „High Hopes“ ist eine Sammlung von Coverversionen und Eigenkompositionen, die er teilweise schon live spielte, sowie Ausschuss früherer Aufnahmesessions, also von älteren Songs, die er abgestaubt und reanimiert hat. Doch „High Hopes“ ist kein Konzeptalbum wie zuletzt „Wrecking Ball“, das eine Abrechnung mit dem Amerika der Abzocker war, oder „The Rising“ aus dem Jahr 2002, mit dem er nach den Angriffen auf World Trade Center und Pentagon sein Land tröstete. Trotzdem haben die meisten der zwölf Lieder eine gemeinsame Sprache, was an Tom Morello liegt, dem Rage-Against-The-Machine-Gitarristen und neuen Blutsbruder Springsteens.

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Schon auf „Wrecking Ball“ hatte Morello bei zwei Songs mitgespielt. Als E-Street-Kumpel Steve Van Zandt für den Australien-Teil der vorigen Tour absagen musste, weil er für die norwegische TV-Serie „Lilyhammer“ vor der Kamera stand, sprang Morello ein. Springsteen bezeichnet Morello und dessen Gitarre nun sogar als seine Muse. Die sozialkritische Seelenverwandtschaft der beiden ist unverkennbar. Der Gitarrist und politische Aktivist hat eines seiner Instrumente mit der Parole „Arm the Homeless“ beschriftet: Bewaffnet die Obdachlosen.

Der 49-Jährige kann mit seiner Gitarre Elefantenschreie und Sturzkampfflugzeuge imitieren. Manchmal klingt sie schneekalt, und immer ist sie voller Hall. Diesen Sound kennt man von Springsteen bisher nicht. Auf acht Songs ist Morello zu hören, am eindrucksvollsten wirkt sein Spiel bei der gespenstischen Ballade „American Skin (41 Shots)“. Das Stück war Springsteens Antwort auf eine Schießerei in New York im Jahr 1999, bei der der Schwarze Amadou Diallo ums Leben kam. Polizisten hatten bei einer Kontrolle 41-mal auf ihn gefeuert. Sie glaubten, er zücke eine Waffe, dabei wollte er nur Portemonnaie und Ausweis aus der Jacke nehmen. Den Song über Rassismus und verhängnisvolle Vorurteile gab es bislang nur als Liveversion. Dass Springsteen ihn nun noch einmal im Studio aufgenommen hat, hat einen aktuellen traurigen Anlass: den Tod des 17-jährigen Trayvon Martin. Ein Angehöriger der Nachbarschaftswache hatte ihn 2012 in Florida angeblich aus Notwehr erschossen; er hielt den Teenager für bedrohlich.

„High Hopes“ bietet mehrere Songs, zu denen man gut Auto fahren oder bei Springsteens Stadionshows twisten und shouten kann. Sie würden aber nicht fehlen, wenn er sie nicht veröffentlicht hätte: „Just Like Fire Would“ zum Beispiel, im Original von der australischen Punkband The Saints. Genauso das poppige „Frankie Fell in Love“ und die Gospel-Nummer „Heaven’s Wall“. Auch der Titelsong gehört dazu. „The Wall“ allerdings möchte man nicht mehr missen, wenn man den Song einmal gehört hat. Es geht um einen Jugendfreund aus der Musikerszene New Jerseys, der in Vietnam kämpfte und nicht zurückkehrte. Der 2008 gestorbene Danny Federici spielt die Orgel. „Down in the Hole“ scheint eine Fortsetzung von „I’m on Fire“ zu sein. Auch bei dieser Aufnahme war der Keyboarder noch dabei, genauso wie Saxofonist Clarence Clemons, der 2011 starb.

Für „High Hopes“ hat Springsteen seine 16-köpfige tolle Truppe von der vorigen Tour, die sowohl den typischen E-Street-Sound als auch den Folk der „Seeger Sessions“ beherrscht, mit Federici, Clemons und Morello vereint. Er zeigt damit, dass man seinen Sound auch weiterentwickeln kann, wenn man an kleineren Schrauben dreht. Um zu experimentieren und Erfahrungen zu sammeln, hatte Springsteen die E Street Band auch schon mal aufgelöst. Das größte Lob bekam er schon vor Jahren. „Das soll das letzte Lied sein, das ich auf meinem Totenbett hören möchte“, sagte Alan Vega von Suicide, als er Springsteens herzergreifende „Dream Baby Dream“-Version hörte. „Es soll bei meiner Beerdigung gespielt werden.“
Bruce Springsteen: „High Hopes“ (Sony) erscheint übermorgen im Handel.

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