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Kultur Brücke-Künstler ab August im Sprengel Museum
Nachrichten Kultur Brücke-Künstler ab August im Sprengel Museum
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14:48 14.05.2010
Von Johanna Di Blasi
Kirchners "Marcella"
Bald auch in Hannover zu sehen: "Marcella", Kirchners heute kritisch beäugter Akt von 1910. Quelle: Moderna Museet, Stockholm
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Wenn Kunsthistoriker eine Ausstellung vorbereiten, ist ihr Interesse in der Regel ein historisches. So behandelte die erfolgreiche Ausstellung „Marc, Macke und Delaunay“ ­einen intensiven, historisch aber eng begrenzten Künstleraustausch über die deutsch-französische Grenze hinweg.

Vor dem Hintergrund der aktuellen Pädophiliedebatte aber werden auf einmal auch die Brücke-Künstler und ihre altbekannte Vorliebe für sehr jugendliche bis kindliche Modelle, mit denen sie im Sommer in den Moritzburger Teichen nahe Dresden baden gingen, in einem anderen, schärferen Licht gesehen. Nun stehen die Maler unter dem Verdacht, Kinder sexuell genötigt zu haben. Ausgelöst wurde die Debatte unter deutschen Kunsthistorikern und -kritikern durch die kürzlich eröffnete Ernst-Ludwig-Kirchner-Retrospektive, die bis 25. Juli im Frankfurter Städel Museum gezeigt wird.

Gerade jene zwei Mädchen, denen sich die hannoversche Ausstellung widmen wird, Fränzi und Marcella, nehmen in den Verdächtigungen eine Hauptrolle ein. Sie tauchen auf 300 bis 500 Zeichnungen und Gouachen auf, was auf eine regelrechte Vernarrtheit schließen lassen könnte. Eine erotische Komponente zeigt Kirchners Aktbild „Marcella“ von 1910, das nach Frankfurt auch in Hannover zu sehen sein wird. Das Kind sitzt nackt mit übereinandergeschlagenen Beinen da, im Haar eine weiße Schleife. Die Lolita-Augen sind mit dunklem Kajal umrandet, die Lippen prangen in aufreizendem Rot. Ein anderes Bild, „Fränzi mit Liebhaber“, das vielleicht Kompromittierendes enthielt, gilt als verschollen.

Besonders grell stellt das Hamburger Kunstmagazin „art“ in seiner aktuellen Ausgabe heraus, wie „scharf“ die Maler an „schwülen Sommertagen“ auf die Kinder gewesen sein sollen. Als Belege werden Briefe und Tagebucheinträge der Künstler herangezogen. So schrieb etwa Kirchner in seinem Davoser Tagebuch: „Wir stürzten uns auf die Natur in den Mädchen.“ Und dann zitiert „art“ weiter aus dem Tagebuch: „Heckel als geiler Sachse stürzte sich auf sie (Fränzi) und vögelte sie ab.“ Wenn das stimmte, hätte der Künstler ein acht- bis neunjähriges Mädchen „abgevögelt“. In Kirchners ­Tagebuch sei an dieser Stelle allerdings gar keine Rede von Fränzi, sagt Norbert Nobis, der die Ausstellung in Hannover einrichtet, konsterniert.

Aus dem Kontext gehe vielmehr hervor, dass von einem ganz anderen Mädchen, einem 16-jährigen früheren Modell, die Rede ist. Die Kenntnis der vollständigen Passage macht dennoch schockstarr: Kirchner bezichtigt darin seinen früheren Freund, den „schlauen Kerl“ Heckel, dieser habe ihm die 16-Jährige unter­jubeln wollen, um ihn mit Tripper anzustecken, einer Infektion, die das Mädchen wiederum Heckel verdankt haben soll.Ihm sei bewusst, dass die Maler „keine Engelchen waren“, sagt Nobis. Promiskuitive Sexualität habe in der Künstlerkolonie eine große Rolle gespielt.

Man werde sich den Fragen möglicher Übergriffe und etwaiger sexueller Nötigungen in der Ausstellung und im Katalog stellen. Kirchners Aufzeichnungen aber seien mit großer Vorsicht zu genießen. Realität, Phantasie, Konstruktion und Verleumdung seien darin unentwirrbar vermengt. In der Davoser Zeit, kurz bevor sich der Kriegstraumatisierte 1938 selbst tötete, sei Kirchner voller Hass und Groll gegen seine früheren Freunde und Kollegen gewesen.

Felix Krämer, der die Frankfurter Retrospektive kuratiert hat, betont im Ausstellungskatalog, wie kalkuliert die „Überbetonung des Sexuellen“ bei den Brücke-Künstlern gewesen sei. Tatsächlich erwartete das bürgerliche Publikum tolle Exzesse von den Malern – und war zugleich schockiert. Gerade Kirchner betrieb extreme Selbststilisierung. Er erfand sogar das Pseudonym Louis von Marsalle, um seine eigene Kunst in Kunstzeitschriften über den grünen Klee zu loben. Um als künstlerisch authentisch zu gelten, gaben die Expressionisten gern die testosterongesteuerten Instinktungeheuer.

In den etwas mehr als drei Monaten, die den hannoverschen Ausstellungsmachern noch zur Vorbereitung bleiben, werden sie angesichts der aktuellen Debatte einige Gewichte verschieben und noch genauer auf Momente achten, die mögliche Tabuüberschreitungen nahelegen könnten. „Das Erotische spielte gewiss eine große Rolle. Hinweise auf sexuellen Kindesmissbrauch aber haben wir bei der Sichtung des Materials bisher keine gefunden“, sagt Nobis.

Mit der Ausstellung verabschiedet sich der stellvertretende Direktor und langjährige Kurator der Grafiksammlung des Sprengel Museums in den Ruhestand. Zuvor möchte er gern noch „mit einigen Mythen aufräumen“, die durch die Sekundärliteratur geistern, sowie die Identität Marcellas lüften, über die, anders als über Franziska Fehrmann (Fränzi), bislang so gut wie gar nichts bekannt ist. Auch um neue Zuordnungen von Werken soll es gehen. „Viele Bilder, die mit ‚Fränzi‘ oder ‚Marcella‘ gekennzeichnet sind, stellen in Wahrheit ganz andere Mädchen dar.“ Die pornografischen Posen stammten durchwegs von älteren Modellen.

Bei aller Aktualität dieses Themas möchte sich Nobis nicht ganz vom ursprünglichen Interesse, dem Stilwandel, abbringen lassen. Die Maler liebten die jungen Mädchen für ihre natürliche Anmut, kindliche Verspieltheit und Schnelligkeit. Sie rannten, schossen mit Pfeil und Bogen und trieben mit ihrer überschüssigen Energie die Künstler an, schneller, summarischer, abstrakter zu zeichnen. Als Kirchner Mitte der zwanziger Jahre die inzwischen verheiratete Fränzi wiedersah, machte diese auf ihn einen unglücklichen Eindruck. Kirchner notierte: „Ihre Jugenderinnerungen an Moritzburg sind auch ihr das Liebste im Leben.“

Ronald Meyer-Arlt 14.05.2010