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Kultur „Leibniz war eben auch ein Praktiker“
Nachrichten Kultur „Leibniz war eben auch ein Praktiker“
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07:48 10.07.2013
Von Daniel Alexander Schacht
Leibniz’ militärische Visionen, unter anderem zur Fortbewegung im Wasser oder in der Luft. Quelle: Leibniz Bibliothek Hannover
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Gottfried Wilhelm Leibniz wird als Philosoph und Schöpfer von Garten- und Wasserkunst gerühmt – und jetzt fördert Ihre Forschung zutage, dass er auch sehr umfassend Militärforschung betrieben hat. Ist er ein Vordenker des militärisch-industriellen Komplexes?
Jedenfalls werfen diese Erkenntnisse ein neues Licht auf Leibniz. Er war nicht nur Philosoph. Er hat sich auch für Technik, für angewandte Wissenschaft interessiert, für deren militärischen, aber auch zivilen Nutzen. Er war eben auch Erfinder und Techniker, und er war, das zeigt vor allem seine europaweite Korrespondenz über solche Fragen, auch ein exzellenter Netzwerker.

Sie beleuchten auch Seiten seiner Forschung, die zivilen oder militärischen Nutzen haben kann, also sozusagen Dual-Use-Felder – Ballistik, Medizin, Logistik …
Tatsächlich hat sich der praxisorientierte Forscher Leibniz mit einem riesigen Komplex von Fragen beschäftigt. Das zeigt das riesige Konvolut an Schriften, die dazu in der Gottfried Wilhelm Leibniz Bibliothek in Hannover vorliegen und größtenteils noch nicht ediert sind. Er war eben Universalgelehrter, noch dazu getrieben von der Fortschritts- und Technikeuphorie des Barockzeitalters. So hat er mit dem kongenialen Denis Papin über den Bau eines U-Boots korrespondiert.

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Ein U-Boot? In der Leine?
Leibniz hat sich, auch wegen der königlichen Verbindungen zwischen Hannover und Großbritannien, stark mit Seekriegsführung beschäftigt – bis hin zu Flottenaufkommen, Seegefechten, Seemanövern. Da war ein militärischer Einsatz eines U-Bootes gar nicht so weit entfernt. Er hat aber auch Architekturentwürfe zum Festungsbau und Techniken zur Festungserstürmung vorgelegt. So lautet die Überschrift eines Notizzettels aus Leibniz‘ Feder: „Eine Mauer hinauff zu lauffen“. Er hat über Schießpulver, über die Fluglinie von Geschossen nachgedacht, ja, sogar Vorstudien zum Maschinengewehr betrieben. Beschrieben wird von ihm eine „Flinte, so wenig kostet und doch offt ohne neue ladung los zu schiessen“. Oder da lautet ein Titel einer anderen handschriftlichen Notiz: „Wie aus einem Stück so offt nach einander zu schiessen, dass allezeit zwey Kugeln in der lufft“. Aber er hat auch Gedanken zur besseren medizinischen Versorgung von Soldaten durch mobile Lazarette formuliert, zum Einsatz von Schießpulver als Antriebstechnik von Fahrzeugen. Und Leibniz hat etwa auch Strategien zur Vermeidung von Gefechten vorgeschlagen.

Er hat sich aber auch Gedanken um Erziehung im Dienste des Krieges gemacht …
Tja, da ging es um die Ausbildung von Offizieren und Generalen durch Kriegsspiele mit Miniaturmodellen und Spielzeugsoldaten. Nachgestellt werden sollten auf diese Weise historische Schlachten oder fiktive zukünftige Schlachten, um auf spielerische Weise Schlachtenaufmärsche oder Festungseinnahmen zu üben.

Teile dieser Dokumente waren Anfang des vergangenen Jahrhunderts schon veröffentlicht. Wie wurden sie aufgenommen?
Na, in den militaristischen Phasen der deutschen Geschichte wurden sie als vorbildlich gelobt. Ein Aufsatz von 1936 trägt beispielsweise den Titel „Soldatische Erziehung und Arbeitsdienst. Zwei Forderungen Leibnizens“. Aber auch in der DDR wurde er gelobt, dort indes als früher Kritiker „feudaler Raubkriege“. Aus heutiger Sicht ist es frappierend, mit welch lockerer Selbstverständlichkeit Leibniz da jeweils zur Selbstlegitimation herangezogen wurde.

Immerhin hat er auch vorgeschlagen, willenlose Kampfsklaven zur Eroberung der Weltherrschaft einzusetzen.
Tatsächlich hat er 1671/72 über eine „Militia Nova Invicta“, also eine neue und unbesiegbare Miliz, räsoniert, mit deren Hilfe man Ägypten kontrollieren, amerikanische Kolonien etablieren oder sogar die gesamte Erde unterwerfen könnte. Da schlägt er, adressiert an Ludwig XIV., vor, eine Insel von der Größe Madagaskars einzunehmen, die Einwohner zu vertreiben und dort junge Männer aus Afrika, Arabien, Amerika oder Neu-Guinea als Sklaven zu halten. „Pulchrum concilium semibestiarium“, nennt er die, also eine „schöne Versammlung von Halbbestien“. Jene sollten dann von Europäern zu furcht- und willenlosen, leidensfähigen Kampfmaschinen ausgebildet werden.

Sind das Jugendsünden des erst 25-Jährigen, zu denen Leibniz später auf Distanz gegangen ist?
Leibniz hat noch 30 Jahre später Ideen zum Kriegseinsatz der karibischen Bukanier als Elitetruppen formuliert. Er war eben auch ein Kind seiner Zeit, fasziniert von den Vorzeichen der Globalisierung, die er hellwach wahrnahm. Begeistert hat er sich beispielsweise über die Weitsprungtechniken der Guanchen auf den Kanaren geäußert. Kritiker haben ihm Rassismus und Eurozentrismus vorgehalten. Es geht nicht darum, ihn zu entlasten, dem frühen Heißsporn den späteren Gelehrten gegenüberzustellen. Aber es kann auch nicht darum gehen, den späteren Imperialismus und Kolonialismus des 19. Jahrhunderts auf Leibniz zurückzuprojizieren. Ich halte es für absurd, da mit heutigen Begriffen normativ zu werten. Statt das Leibnizsche Denken derart vordergründig zu aktualisieren, sollte man ihm analytisch begegnen und es historisieren, es in den Kontext seiner Zeit einordnen. Eine Verurteilung ist da ebenso fehl am Platze wie eine Verklärung.

Ihre Einsichten über den Kriegsforscher haben Sie bei einem Workshop zu Leibniz als praxisorientiertem Denker vorgetragen. Wie war das Echo aus dem Kollegenkreis?
Es gab sehr anregende Diskussionen – und eine starke Neigung zum Werten. Dabei trifft der Vorwurf des Eurozentrismus Leibniz nur bedingt. Er hatte beispielsweise ein großes Wissen über und auch großen Respekt für Asien und speziell für die chinesische Kultur. Bei anderen Zeitgenossen ging der Blick nur in den Westen, da war Leibniz wirklich weiter als viele andere.

Wie ist es denn überhaupt um den Ethiker Leibniz bestellt? Sieht er ethische Grenzen für Forscher? Oder heiligt für ihn in der Wissenschaft der Zweck jedes Mittel?
Gerade in der Forschung sind Grenzen für Leibniz, der von einem prinzipiell grenzenlosen Fortschritt der Menschheit ausging, gewiss schwer zu akzeptieren. Aber für ihn heiligte der Zweck nicht schlicht die Mittel. Seine Faszination für Militärtechnik und Kriegswesen führte ihn keineswegs zur Befürwortung von jeder Form von Gewalt. Waffengewalt war für ihn das letzte Mittel im Konfliktfall. Und der rechtfertigte nicht den Einsatz inhumaner Kriegstechniken. So lehnte er ausdrücklich den Einsatz von Giftkampfstoffen ab. Er forderte sogar, sie im Interesse der gesamten Menschheit zu ächten – ein Gedanke, mit dem er schon ein Element des später von Kant formulierten Kriegsvölkerrechts vorwegnimmt, also zu Vorformen des späteren Menschenrechtskanons zählt.

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