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Kultur Buchbinder spielt Beethoven
Nachrichten Kultur Buchbinder spielt Beethoven
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00:15 11.04.2013
Von Stefan Arndt
Konzentriert: Rudolf Buchbinder.
Konzentriert: Rudolf Buchbinder. Quelle: Tobias Kleinschmidt
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Hannover

Besonders beliebt ist sie ja nicht. Die 16. Klaviersonate von Ludwig van Beethoven steht immer ein wenig im Schatten der folgenden „Sturm“-Sonate. Beide Stücke tragen dieselbe Opuszahl (31) und wurden vom Komponisten selbst als wegweisend bezeichnet. Die Nachwelt aber wollte hartnäckig nur im zweiten Stück die neuen Welten hören, die Beethoven avanciert hatte, und tat und tut das erste als vergleichsweise konventionell ab.

Kein Wunder also, dass es ein Beethoven-Besessener wie Rudolf Buchbinder gar nicht abwarten kann, das Gegenteil zu beweisen. Beim Pro-Musica-Konzert im hannoverschen Funkhaus, dem dritten in dieser Saison, in dem sich der 66-jährige Pianist ganz Beethoven widmete, zog er die Sonate ungewollt vor. In seiner „Konzentration“, entschuldigte sich Buchbinder danach, habe er statt der angekündigten 24. Sonate soeben jene 16. gespielt, die eigentlich erst später am Abend erklingen sollte.

Besonderes Konzert ist gelungen

Konzentriert klang es tatsächlich, was der Pianist gleichsam aus Versehen spielte, und überaus ungewöhnlich: Vor allem im zweiten Satz gelang ihm jener Moment, der ein besonderes Konzert vom musikalischen Alltag unterscheidet. Buchbinder nimmt den Zusatz „grazioso“ der an sich langsamen Tempobezeichnung beim Wort und spielt den Satz in einem recht flüssigen Tempo. Leicht und schwebend tönt so der Dreivierteltakt wie eine Vorahnung auf die melancholischen Walzer, die erst Jahrzehnte später ins Licht der Musikgeschichte treten sollten.

Erstaunlich ist auch das Finale der unterschätzten Sonate: Nach mehreren großspurigen Schlussanläufen endet das Stück mit zwei leise hingetupften Akkorden. Bei Buchbinder klingt das wie gerade erfunden - ein musikalischer Witz, mit Anmut erzählt.

Räumliches Wirken wie bei einem 3-D-Bild

Großer Ernst spricht dagegen aus Beethovens „Hammerklavier-Sonate“, die zu den rätselhaftesten und technisch anspruchsvollsten Klavierwerken überhaupt gehört. Buchbinder geht alle Schwierigkeiten furchtlos an, auch wenn er zuvor in den ansonsten schön unprätentiös gespielten Sonaten Nr. 6 und 16 nicht immer für höchste Klarheit und Brillanz gesorgt hatte. Hier aber - auf dem Gipfel der Klavierliteratur - behält Buchbinder souverän den Überblick: im langsamen Satz, den er mit zarter, wohltuender Poesie ausstattet, und in der abschließenden dreistimmigen Fuge, die bei ihm so räumlich wirkt wie ein 3-D-Bild.

Eine Zugabe gibt es nach einem solchen Brocken natürlich nicht, auch wenn der Beifall im gut gefüllten Saal nicht abreißen will. Dafür gibt Buchbinder seine Blumen an eine Dame in der ersten Reihe weiter. Ein Gentleman ist dieser Besessene wohl auch.

11.04.2013
Stefan Arndt 08.04.2013