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Kultur Buchmesse sucht neue Geschäftsmodelle
Nachrichten Kultur Buchmesse sucht neue Geschäftsmodelle
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12:05 05.10.2012
Ein vom Börsenverein des Deutschen Buchhandels vorgestellter TrekStore E-Book-Reader steht auf der Buchmesse in Frankfurt am Main in einem Regal. Quelle: dpa
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Frankfurt/Main

Vom „Urknall“ sprechen die PR-Strategen der Frankfurter Buchmesse derzeit gerne. Das klingt nach neuen Welten. Doch der digitale Umbruch erschüttert derzeit die Branche bis in die Grundfesten. Gängige Geschäftsmodelle gelten plötzlich nicht mehr - und der deutsche Buchmarkt schrumpft in diesem Jahr weiter. Die weltweite Leitmesse ist dagegen optimistisch. Mit rund 7300 Ausstellern aus mehr als 100 Ländern will die Schau vom 10. bis 14. Oktober ans Vorjahresniveau anknüpfen. Schließlich sieht sie sich nicht als Hüterin des gedruckten Buchs, sondern als „Startrampe“ für die weltweiten Veränderungen. Es geht dabei einfach um Inhalte - egal ob im Buch oder im Netz, im Film oder als Computerspiel.

In der globalisierten Lesewelt gibt es neue magische Wörter wie Crowdfunding - Schwarmfinanzierung. Der Autor lässt sich sein Projekt von seinen Lesern oder Nutzern im Internet finanzieren. Oder Fanfiction: Fans spinnen unter Verwendung bekannter Figuren und Schauplätze ihre eigenen Geschichten im Netz weiter. Bei „Harry Potter“ haben das Hunderttausende im Netz gemacht.

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Auch die Sex-Trilogie „Shades of Grey“ ist in Anlehnung an die Vampir-Saga „Twilight“ von Stephenie Meyer entstanden. Ihren Sado-Maso-Megaseller hatte die britische Autorin E.L. James, die eigentlich Erika Leonhard heißt, ursprünglich für eine Fan-Seite im Internet konzipiert.

James ist ein gutes Beispiel für den Wandel des Buchmarkts im Internet-Zeitalter. Für den Erfolg ihrer Unterwerfungsfantasien lässt sich die Britin auf der Buchmesse von ihrem deutschen Verlag feiern. Damit soll zugleich der Verkauf des letzten Teils der Trilogie, der am 24. Oktober in den deutschen Handel kommt, angekurbelt werden. Arnold Schwarzenegger wiederum rührt zum Auftakt der Messe die Werbetrommel für seine Autobiografie, die weltweit eine Woche vorher am 4. Oktober erscheint. Auch viele deutsche Promis - von der Politik bis zum Fernsehen - stellen ihre Werke vor.

Es gibt aber auch ganz große Namen der klassischen Erzählkunst in Frankfurt: Literaturnobelpreisträgerin Herta Müller, Altmeister Martin Walser oder der große amerikanische Romancier Richard Ford stellen ihre neuen Bücher vor. Weitere bekannte Autoren sind Martin Suter, Präzisionsdenker Rolf Dobelli, Donna Leon, Cees Nooteboom oder der US-Kinderbuchautor Jeff Kinney. Mit Jussi Adler-Olsen, Hakan Nesser, Martin Walker, Ingrid Noll und Nele Neuhaus ist praktisch die komplette Krimi-Bestsellergarde vertreten. Auch der Berliner Bezirksbürgermeister Heinz Buschkowsky, der mit seinem umstrittenen Integrationsbuch „Neukölln ist überall“ einen Bestseller gelandet hat, wird erwartet.

Insgesamt fast 1000 Schriftsteller reisen an. 3000 Veranstaltungen und Lesungen gibt es auf der und rund um die Messe. Sie wird trotz des digitalen Hypes - trotz der starken Zuwachsraten ist der Anteil der E-Books immer noch gering - weiterhin von den klassischen Büchern geprägt. Erneut werden knapp 300 000 Besucher erwartet. An den letzten beiden Tagen hat wie immer das Lesepublikum Zugang.

Einen Schwerpunkt setzt die Messe dieses Jahr bei Kinder- und Jugendbüchern. Auch hier hat man den Markt im Auge: „Ein Brennglas auf innovative Entwicklungen“ nennt Buchmessen-Direktor Juergen Boos den Bereich. Nirgendwo seien gedruckte und digitale Medien enger verknüpft. Multimediale pädagogische Anwendungen werden für Heranwachsende immer wichtiger, genauso wie die Verknüpfung von Autor und Lesern oder das gemeinschaftliche Lesen in Internet-Foren - neudeutsch „social reading“ genannt.

Der Eurokrise kann sich auch die Messe nicht ganz entziehen. Aus den Krisenländern Italien und Spanien und auch aus Osteuropa sind viele Verleger unter Gemeinschaftsstände geflüchtet, die von den Regierungen bezahlt werden. Die Lücken in den Hallen konnten nach Angaben der Messe jedoch zum Beispiel durch Technologieanbieter geschlossen werden. Erstmals seien auch Sony oder Nintendo mit größeren eigenen Ständen dabei, auf denen sie ihre Buchprodukte vorstellten.

Neben der wachsenden Präsenz der aufstrebenden Industriestaaten China, Indien und Brasilien sind die USA und Großbritannien unvermindert stark vertreten. Sie stellen in Frankfurt traditionell hinter Deutschland die stärksten Ausstellerkontingente. Mit Neuseeland kommt der Ehrengast dieses Jahr ebenfalls aus der angelsächsischen Welt. Das Land, für uns immer noch weitgehend ein weißer Fleck in der literarischen Landschaft, schickt knapp 70 Schriftsteller und 100 Künstler zur Buchmesse.

dpa

05.10.2012
Ronald Meyer-Arlt 05.10.2012