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Kultur Safranski über Langeweile, Sorge und Terror
Nachrichten Kultur Safranski über Langeweile, Sorge und Terror
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08:13 19.11.2015
Von Ronald Meyer-Arlt
Rüdiger Safranski stellt sein Buch "Die Zeit" vor.  Quelle: Tim Schaarschmidt
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Hannover

Das sei „ein nicht ganz gewöhnlicher Abend“ sagte Moderator Stephan Lohr zu Beginn der Veranstaltung des Literaturhauses Hannover, in der der Schriftsteller Rüdiger Safranski sein Buch „Die Zeit“ vorstellen sollte.

Da wusste Lohr noch nicht, dass das Länderspiel im Stadion abgesagt wurde – wie auch zwei andere Kulturveranstaltungen, die an diesem Abend in Hannover stattfinden sollten. Zuschauer im hannoverschen Sparkassenforum (in das die Literaturhaus-Veranstaltung wegen des großen Besucherandrangs umgezogen war) mussten Stephan Lohr und Rüdiger Safranski erst darauf aufmerksam machen, dass draußen in der Stadt eine Art Ausnahmezustand herrschte.

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Ein nachdenkliches Gespräch über die Zeit ist eine merkwürdige Sache, wenn draußen die Zeit aus den Fugen zu sein scheint und man versucht ist, zwischendurch immer wieder auf den HAZ-Live-Ticker im Smartphone zu schauen, um den aktuellen Stand der Ereignisse zu erfahren.

"Zeit kann nicht leer sein"

Aber die Blicke aufs Display werden seltener, denn Safranski liest sehr spannend – obgleich es anfangs um das Gegenteil von Spannung geht. Er beginnt mit der Langeweile – eine besondere Zeiterfahrung, zu der nur Menschen, nicht aber Tiere in der Lage seien. In der Langeweile würden wir Zeit ganz besonders erfahren, die Analyse der Langeweile sei überhaupt der Königsweg zum Verständnis von Zeiterfahrung.

Und um unsere Erfahrung von Zeit geht es Safranski, nicht so sehr um die physikalische Dimension von Zeit. Von der Langweile und der Erfahrung der Monotonie („Genau genommen kann Zeit gar nicht leer sein, schließlich gibt es keine Zeit ohne Ereignisse“) kommt er auf das Anfangen und schließlich auf die Sorge. „Die Sorge ist das diensthabende Organ unseres Zeitempfindens“, sagt Safranski und: „Die Sorgen wachsen mit der Vorsorge.“

"Innerlich brennen wir lichterloh"

Von der Sorge und dem Risiko ist es nur ein kleiner Schritt zum Terrorismus. Mit der Besonnenheit eines in vielen Debatten gestählten Philosophen versucht Safranski, die Besorgtheit des Publikums angesichts der jüngsten Terrornachrichten zu relativieren. „Wir sind in hohem Maße vergesslich“, sagt er und erinnert an das, was vorige Generationen in den beiden Weltkriegen ausgehalten haben. Und wenn wir angesichts der aktuellen Terroranschläge von Krieg sprechen würden, dann seien die Maßstäbe verloren gegangen.

Die „hysterische Situation“, in der wir uns befinden, hat Safranski zufolge auch mit den Möglichkeiten der Telekommunikation zu tun: Wir sind mit allem verbunden, was auf dem Globus geschieht, und erfahren das meiste in Echtzeit. „Menschheitsgeschichtlich hat es diese Gleichzeitigkeit nie gegeben“, sagt Safranski, früher lebte jeder „unter der Glocke seiner Eigenzeit“. Weil es immer lange dauerte, bis einen die Nachrichten aus anderen Teilen der Welt erreichten, sei jeder von „einem Ozean der Vergangenheit“ umgeben gewesen.

Uns dagegen umgebe jetzt „die Nährflüssigkeit globaler Information“. Diese „ungeheure Pseudonähe“ stehe in einem dramatischen Missverhältnisse zu unseren Handlungsmöglichkeiten. Dies wiederum könne zu einer „unterschwelligen Panik“ führen. Safranskis Gegenwartsanalyse: „Obgleich wir uns in einer wahnsinnig komfortablen Situation befinden, brennen wir innerlich lichterloh.“

"Buchlust" beginnt am Sonnabend

Zum Schluss der Veranstaltung informierte Literaturhaus-Chefin Kathrin Dittmer die Besucher darüber, welche ­U-Bahn-Stationen gerade gesperrt waren. Eine „unterschwellige Panik“ war zwar nicht direkt zu spüren, aber die meisten Gäste machten sich doch recht eilig auf den Heimweg.

Am Sonnabend, 21. November, und Sonntag, 22. November, findet im Literaturhaus Hannover jeweils von 10 bis 18 Uhr die „Buchlust“ statt, bei der 24 unabhängige Verlage ihre Werke und Autoren vorstellen.     

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