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Kultur „Bully“ spielt in „Zettl“ einen Neu-Berliner mit wenig Überzeugungen
Nachrichten Kultur „Bully“ spielt in „Zettl“ einen Neu-Berliner mit wenig Überzeugungen
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12:26 28.01.2012
„Das Leben schreibt die linkesten Kisten“: Michael „Bully“ Herbig alias Max Zettl. Quelle: dpa
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Berlin

Dass es jemals einen Bartträger als Bundeskanzler geben könnte, ist ziemlich unwahrscheinlich. Oder sollte das haarige Schicksal von Rudolf Scharping und Kurt Beck schon vergessen sein? Dass der Ministerpräsident von Mecklenburg-Vorpommern schwäbelt, wie ihm die Gosch gewachsen ist, hätte vielleicht noch durchgehen können in den wilden Jahren im neuen Osten, aber doch nicht mehr im modernen Deutschland! Und ein Vizekanzler, der ein übleres Fränkisch reden duud als wie der Loddar Matthäus – da ist die filmische Wirklichkeit doch schon arg weit weg von der Realität.

„Aufstehen, regieren“ – gut, genauso hat Horst Ehmke einst Willy Brandt angeschnauzt, als er an die Bettstatt des verkaterten Kanzlers hintreten und den Regierungschef zur Ordnung rufen musste. Aber dass der gute Willy drei Tage schockgefroren worden wäre, damit die Intriganten hinter seinem Rücken die Nachfolge ausbaldowern können, nein, das dann doch nicht. Irgendwann überschreitet selbst die Satire den Rubikon.

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Dabei hat sich Helmut Dietl der Berliner Wirklichkeit mit der Geduld eines Tierforschers angenähert. Der baut sich in der Wildnis einen Verschlag, und dann harrt er ewig lange aus und beobachtet die Viecher, die dort kreuchen und fleuchen. Drei Jahre hat sich der Kinoregisseur Dietl in eine Wohnung gegenüber vom Berliner Monbijouplatz eingemietet und die Hauptstadt als Menschenforscher durchstreift. Seine Beobachtungen galten dem Hauptstadtbewohner neuen Typs und dessen Revier Berlin-Mitte. Aber hat er ihn verstanden? Er hat jedenfalls einen Film über ihn gemacht, „Zettl“, eine Politsatire.

In einer hübschen Eingangssequenz landet da ein Helikopter vor einer Skyline, die verdächtig nach New York aussieht. Womit schon viel über das Lebensgefühl der Filmfiguren gesagt ist: Die Maßstäbe sind verloren gegangen. Hier vertrauen viele lieber auf die Fata Morgana als auf die Wirklichkeit.

Früher hat Dietl Filme über die Münchener gedreht. Die kennt er aus dem Effeff, besonders die Spezies der Schwabinger. Schließlich ist der 66-Jährige selbst  aus tiefstem Herzen Münchener. Aus Dietls (Selbst-)Beobachtungen entstanden über die Jahre viel beachtete Fernsehserien: „Münchner Geschichten“, „Monaco Franze – Der ewige Stenz“ oder „Kir Royal“. Genauso inszenierte er Kinofilme wie „Schtonk!“ und „Rossini“.

Deftige Gesellschaftssatiren waren das, bestückt mit leichtlebigen und lebensgierigen Figuren – die meisten von ihnen soziale Aufsteiger, die sich nach dem großen Coup sehnten. Beständig liefen sie Gefahr, ihre Würde zu verkaufen. Immerhin aber hatten sie noch eine Ahnung davon, was Würde ist. Und wenn’s mit dem Coup wieder mal nicht klappte, dann wussten sie wie der Monaco Franze: „Ein bisserl was geht immer.“

Seine gesellschaftlichen Feldforschungen hat Dietl auch deshalb von München nach Berlin verlegt, weil viele Münchener in die hippe Hauptstadt aufgebrochen sind. Es sind gar nicht mehr genug von der alten Busserl-Truppe in Bayern zurückgeblieben, über die er sich lustig machen könnte. Und so erzählt sein jüngstes Werk „Zettl“, das am kommenden Donnerstag im Kino startet, vom Chauffeur Max Zettl, der es in Berlin zum Chefredakteur eines Online-Magazins bringen will. Koste es, was es wolle.

Würde, Überzeugungen? Der Promi-Chauffeur Zettl, gespielt von Michael „Bully“ Herbig, hat von beidem nichts. Niemand in Berlin-Mitte leistet sich noch solchen Luxus, jedenfalls nicht in diesem Film. Ein aufgekratzter Haufen von Politikern, Lobbyisten, Kofferträgern, Speichelleckern geistert durch die „preußische Quadratmeile zwischen Friedrichstraße und Museumsinsel“ (Dietl) und beschäftigt sich vorzugsweise mit sich selbst.

„Unschlagbar charakterlos“ lautet der Untertitel des Films, dessen Drehbuch Dietl mit dem Schriftsteller Benjamin von Stuckrad-Barre („Soloalbum“) verfasst hat. Affären und Skandale lösen sich im Minutentakt ab. So muss das wohl sein im Internetzeitalter, in dem alle twittern und zwitschern, was das Zeug hält.

Koalitionen – nicht nur politische – werden nach Bedarf gewechselt. Medienjunkies überprüfen verzückt, wie oft ihre Artikel im Internet angeklickt werden und ob das E-Mail-Fach überläuft. In den TV-Talkshowrunden einer gewissen Jacky Timmendorf kennen sich alle so gut aus wie in ihrem eigenen Wohnzimmer. Man stellt sich sogar zum Familienbild auf.

Zwischen diesen aufgedrehten Politwahnsinnigen irrt ein Tattergreis von Bundeskanzler verloren herum, der vor lauter Erschöpfung gar nicht mehr zum Regieren kommt und bald das Zeitliche segnet. Nach seinem Tod wird der alte Mann (eine undankbare Rolle für Götz George) erst einmal in einer Klinik auf Eis gelegt, damit die Parteistrategen Zeit gewinnen, einen Nachfolger auszutentern. Harald Schmidt als schwäbelnder MP von Mecklenburg-Vorpommern greift sich versuchsweise schon mal ans Gemächt, um zu überprüfen, ob er das Zeug für den Kanzlerjob hätte.

Die Münchener Filmemacher stellen sich den Alltag in Berlin-Mitte ziemlich überdreht vor, und so stellen sie ihn auch dar. Aber an manchen Tagen haben die Insassen des Regierungsviertels ja tatsächlich den Eindruck, dass die Normalen der Problemfall sind. Sie fallen auf im Politikbetrieb. Oder wie die Hauptfigur Max Zettl es in einem Moment der Erkenntnis ausdrückt: „Das Leben schreibt die linkesten Kisten.“

Nein, das gemeine Mitglied der Bundespressekonferenz, das Tag für Tag seinen Bauchladen mit fünfzig Zeilen à vierzig Anschlägen beliefert, kommt nicht im Porsche vorgefahren, teilt sich nur in den seltensten Fällen die Geliebte mit dem Bundeskanzler und verkehrt nicht im Hotel de Rome. Aber Figuren wie bei Dietl auf der Leinwand gibt’s zuhauf: Guttenberg, Brüderle, die sind an guten Tagen besser als das ganze Dietl-Personal, und Sahra und Oskar, das ist mehr Ach-du-lieber-Gott als jede schräge Liebesbeziehung im Film.

Und doch: Im Echtheitstest kommt der Grundirrtum von „Zettl“ zum Vorschein. Die Filmemacher haben offenbar wirklich geglaubt, den Münchener Schmäh des Baby Schimmerlos auf Berlin übertragen zu können. Wer „in echt“ auch nur den Versuch unternehmen wollte, diesen liebenswert-verlogenen Umgangston der bayerischen Voralpenprovinz in der Hauptstadt auszuprobieren, würde dort nur „uff die Fresse“ kriegen, weil „entschuldjen kannsta späta“. Schon die Kellner im Film sind falsch, weil es Bedienungspersonal in Berlin überhaupt nicht gibt. Entweder man hat den Typ „Ich bediene hier nur, weil ich gerade keine Serie drehe“ vor sich oder den Typ „Na, wat willste, nur kieken oder wat trinken?“.

Die einzige Filmfigur, die den Berliner Härtetest bestehen würde, ist ein lakonischer Drucker von Visitenkarten. Nur den Namen Max Zettl auf der Visitenkarte, „sonst nüscht, un ooch noch in Jold, da kenn ick nur een, der det ooch hat: den Schaales von Waales“. Der Mann ist keine Kunstfigur, der hat Stil von der Sorte, wie er zu Berlin passt. Und Witz.

Dietls Komödie ist gespickt mit scharfzüngigen Dialogen, das Tempo ist hoch. Deshalb merkt man gar nicht, dass „Zettl“ viel böser sein will, als er wirklich ist. Dietl hat sein Werk als „Notwehr“ gegen die herrschenden Verhältnisse bezeichnet, doch von Wut oder Zorn ist wenig zu spüren. Die Kälte und Härte, die womöglich tatsächlich in der neuen Berliner Republik herrscht, hat der Regisseur mit Albernheiten abgefedert.

Hier amüsiert sich ein aus München zugereister Regisseur über hyperaktive Wesen von einem fremden Stern. Mit deren Riten und Gebräuchen weiß er wenig anzufangen. Dietl ist nicht wirklich zynisch, eher verwundert darüber, dass solche Lebensformen überhaupt möglich sind. Und sehnt sich, es ist spürbar, nach dem München, das es nicht mehr gibt.

„Die Wirklichkeit ist viel düsterer als der Film. Wenn ich alles erzählt hätte, was ich wirklich weiß, das würde kein Mensch glauben“, hat der Regisseur gesagt. Ach, hätte er doch in die dunklen Ecken hineingeleuchtet und reinen Tisch gemacht. So bleibt „Zettl“ eher vorder- als hintergründig. Dass der Politikbetrieb in Berlin und anderswo nicht allein von hehren Idealen bestimmt wird, haben wir schon vorher geahnt.

Stefan Stosch 
und Reinhard Urschel

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