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Kultur Calvinismus: Die Tyrannei der Tugend
Nachrichten Kultur Calvinismus: Die Tyrannei der Tugend
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Von Simon Benne
Sozialfürsorge als Bürgerstolz: Alexander Sanders’ Gemälde „Die Vorsteher des Emder Gasthauses“ aus dem Jahr 1659.
Sozialfürsorge als Bürgerstolz: Alexander Sanders’ Gemälde „Die Vorsteher des Emder Gasthauses“ aus dem Jahr 1659. Quelle: DHM
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Zwei Stunden, ehe der verurteilte Ketzer Michel Servet den Scheiterhaufen bestieg, trat noch einmal der Mann an ihn heran, der für seine Verhaftung gesorgt hatte. „Ich hasse dich nicht“, sagte Johannes Calvin an jenem Oktobertag des Jahres 1555 in Genf zu dem Arzt, dessen Verbrechen darin bestand, dass er die herrschenden Ansichten zu Trinität und Kindstaufe nicht teilte. Calvin versicherte ihm, dass es nicht seine Absicht gewesen sei, ihn zu hart zu bestrafen. Die Verwünschungen Servets, schrieb Calvin später großmütig, hätten ihm nur so viel ausgemacht „wie ein Hund, der bellend auf einem Misthaufen steht“.

Der Reformator Johannes Calvin, der vor 500 Jahren, am 10. Juli 1509, im französischen Noyon geboren wurde, hat es seinen Kritikern immer leicht gemacht. Der Religionskritiker Karlheinz Deschner kreidete ihm in seiner „Kriminalgeschichte des Christentums“ die religiöse Legitimation Dutzender Hinrichtungen an. Als evangelischer Glaubensflüchtling war der junge Gelehrte nach Genf gekommen. Dort hatten die Bürger sich gerade von ihrem Landesherrn losgesagt und den alten Bischof verjagt, es herrschten chaotische Zustände – und der sittenstrenge Calvin schuf Ordnung.

Die Wirtshäuser mussten zeitweise schließen, tanzen durfte man nur noch auf Hochzeiten, Glücksspiel wurde verboten. Wer lasterhaft lebte, konnte vom Abendmahl ausgeschlossen werden. „Calvin forderte Toleranz, auf die er in Frankreich angewiesen war, in Genf aber wappnete er sich selbst mit Intoleranz“, urteilte Voltaire. Der Publizist Hans Conrad Zander nannte Calvin einen „protestantischen Ayatollah“, der Genf zum Gottesstaat machte. Der Historiker Volker Reinhardt sprach von einer „Tyrannei der Tugend“.

Eine große Ausstellung im Deutschen Historischen Museum Berlin zeigt Calvin jetzt hingegen in einem überraschend milden Licht. Die Schau im Pei-Bau ist die größte, die es zum Thema Calvinismus bislang gab; auf 1000 Quadratmetern sind Leihgaben aus ganz Europa vereint. Zu sehen sind Bücher und Urkunden, Rüstungen und Waffen, Kelche und Kanzeln aus Calvins Zeit.

Die Fülle der Exponate lässt vergessen, dass der vergleichsweise wenig sinnenfrohe Calvinismus sich ungleich schwerer visualisieren lässt als etwa der Katholizismus der Barockzeit. Getreu dem alttestamentarischen Bilderverbot lehnten die Anhänger Calvins Heiligendarstellungen ab. Die Ausstellung zeigt steinerne Fragmente aus einer Utrechter Kirche, teils geköpfte Heiligenfiguren, zerschmettert und verscharrt um 1570, ausgegraben um 1900. Und dennoch ist gerade jener Raum der prachtvollste, der sich dem Bildersturm widmet.

Reformierte Bürger lösten die Kirchen als Mäzene der Künstler ab; besonders in den Niederlanden entstanden so, paradoxerweise befördert durch das Bilderverbot, neue Genres. Gemälde zeigten nun Stillleben oder Straßen- und Familienszenen – und sie halfen, Moral und Tugend zu mehren: Das Saufgelage im Gemälde „Dreikönigsfest“ von einem Maler aus dem Umkreis Pieter Brueghels zeigt Zecher mit animalisch verzerrten Fratzen. Ja, so ungefähr musste es bei den zügellosen Papisten zugehen!

In den schlichten Kirchen der Reformierten hingegen waren oft Tafeln mit Bibelversen die einzige Zierde. Die Ausstellung zeigt eine einfache, würdige Holzkanzel einer ungarischen Gemeinde aus Utrecht. Eine um 1700 entstandene Zehn-Gebote-Tafel aus Celle ist auf Französisch verfasst. Solche Exponate illustrieren, dass Calvinisten oft Glaubensflüchtlinge waren. Hugenotten lebten als Minderheit im Exil – ein Schicksal, das sie in der heutigen Migrationsgesellschaft seltsam modern erschienen lässt.

Der Soziologe Max Weber sah eine religiös motivierte Arbeitsethik der Calvinisten als Wurzel des modernen Kapitalismus an, doch bei deren wirtschaftlichem Erfolg spielten wohl auch so handfeste Dinge wie der soziale Aufstiegswille der Vertriebenen eine Rolle.

Nicht die in Deutschland viel zahlreicheren Lutheraner, sondern die Reformierten sorgten dafür, dass der Protestantismus kein rein deutsch-skandinavisches Phänomen blieb. Mitte des 16. Jahrhunderts verbreitete sich Calvins Spielart der Reformation von Schottland bis Ungarn in ganz Europa. Flüchtlingsgemeinden wurden über nationale Grenzen hinweg unterstützt.

Genf sandte Prediger nach Frankreich, Calvin schickte Briefe nach London oder Ferrara. Die Reformation hatte dabei oft eine politische Seite: In Ungarn bekannten sich Adelige zum Calvinismus – aus Opposition zum katholischen Habsburgerreich. In den Niederlanden, es war damals spanisch-katholische Provinz, hatte der Calvinismus besonders viele Sympathisanten. Der Kampf gegen das spanische Joch und den römischen Glauben verschmolzen hier. 1581 erklärten sich die sieben nördlichen Provinzen der Niederlande zur Republik.

Ausgerechnet den angeblichen Ayatollah Calvin entdeckt die Ausstellung an dieser Stelle gewissermaßen als Geburtshelfer der Demokratie neu. Denn die Gemeinden der Calvinisten legten nicht nur großen Wert auf Sozialfürsorge – sie waren auch autonom, kein Papst und kein Landesherr konnte sie drangsalieren. Versammlungen und Wahlen hatten in ihnen einen festen Platz, Geistliches und Weltliches verschmolzen. Und so stand gerade die vermeintliche Theokratie Calvins oft Pate für eine republikanische Ordnung.

„Calvinismus“ ist im Deutschen Historischen Museum Berlin bis zum 19. Juli zu sehen. Infos: (030) 20 30 47 50.