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Kultur Auftritt: Leibniz
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00:15 28.10.2015
Von Stefan Arndt
Zumindest auf der Bühne ist der Universalgelehrte Gottfried Wilhelm Leibniz nicht totzukriegen. Quelle: Jauk
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Hannover

Das Gute daran, wenn das Leben kaum etwas zählt: Der Tod taugt auch nichts. Darum kommt in „Candide“, Leonard Bernsteins „Comic-Operetta“ nach dem Roman von Voltaire, auch niemand dauerhaft um. Es wird erstochen, erhängt und verunglückt – und ein paar Minuten später finden sich die vermeintlichen Opfer schon wieder quicklebendig an irgendeinem der exotischen Schauplätze dieses schillernden Stücks. Darum passt es nicht schlecht, wenn die Staatsoper Hannover damit nun den Veranstaltungsreigen anlässlich des 300. Todesjahres von Gottfried Wilhelm Leibniz eröffnet, der 2016 zum Leibniz-Jahr adeln soll.

Zumindest auf der Bühne ist der Universalgelehrte nicht totzukriegen. Als Doktor Pangloss hat ihm sein philosophischer Gegenspieler Voltaire in „Candide“ ein spöttisches Denkmal gesetzt: Mit allen nur denkbaren Katastrophen wird Leibniz’ Lehrsatz von unserer Welt als der besten aller möglichen Welten ad absurdum geführt. Pangloss ist hier Hauslehrer des einfältigen Titelhelden Candide, der auch die härtesten Schicksalsschläge (fast) bis zum Schluss für gute Nachrichten hält.

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Die Staatsoper Hannover eröffnet mit Leonard Bernsteins "Candide" den Veranstaltungsreigen anlässlich des 300. Todesjahres von Gottfried Wilhelm Leibniz.

Der Dirigent und Komponist Leonard Bernstein hat diese spitzzüngige Vorlage 1956 in eine Musik gesetzt, die sich beharrlich allen Gattungszuordnungen entzieht: Sein Stück ist eine immer wieder überraschende Mischung aus Musical, Operette und Oper.

Hannovers scheidender Generalmusikdirektorin Karen Kamensek ist dieses übersprudelnde Musikamalgam allerdings schon lange vertraut: „Candide“ war das erste Musiktheaterstück, mit dem die junge Kapellmeisterin am Anfang ihres Studiums betraut wurde. Für ihre letzte Spielzeit hat sie sich nun das Stück gewünscht – und damit nicht nur den Musikfreunden der Stadt ein schönes Abschiedgeschenk gemacht. „Hit it, Karen!“, ruft ihr ein Sänger vor einem Einsatz einmal zu. Tatsächlich hat die Dirigentin mit dieser Produktion einen Volltreffer gelandet.

Das mit erkennbar viel Spaß und Schwung aufspielende Orchester sitzt in Gruppen verteilt mitten auf der Bühne, die Mathias Fischer-Dieskau (der Sohn des großen Liedsängers) als Reminiszenz an Broadway-Aufführungen gestaltet hat. Stege neben und zwischen den Musikern eröffnen den Akteuren schmale Räume, die wie Showtreppen genutzt werden können. Nur ganz hinten gibt es eine kleine Spielfläche, auf der der Bühnenbildner seinen großen Theaterzauber entfaltet: Ein paar Seile genügen, um mithilfe der Videoprojektionen an der Rückwand blitzschnell Häuser, Schiffe und Paläste lebendig werden zu lassen.

Fischer-Dieskau gehört zum Erfolgsteam um den Regisseur Matthias Davids, das in Hannover seit Jahren dafür sorgt, dass das Publikum sich auch bei vermeintlich leichter Muse nie unter Niveau amüsieren muss. Mit ihrer Version der haarsträubenden, rasanten Handlung von„Candide“ hat das Regieteam nun ein Meisterstück abgelegt. Weder die grell überzeichneten Kostüme (Susanne Hubrich) noch die Klamaukeinlagen der Schauspieler Daniel Drewes und Jan
Viethen bringen je Bernsteins feingliederiges Gefüge aus Karikatur und Ernst durcheinander. Wenn die Musik den Saal plötzlich mit großem Gefühl flutet, ist auch die Szene mit Pathos zur Stelle.

Vor allem aber nutzt der Regisseur jede Gelegenheit, im Stück die Gegenwart anklingen zu lassen: Ohne auf oberflächliche Aktualisierung zurückzugreifen lässt er dem Text immer wieder den Raum, seine erstaunliche Zeitgenossenschaft entfalten: Man kann kaum glauben, dass das, was hier von Lebensentwürfen und religiösen Verwerfungen erzählt wird, schon 300 Jahre alt sein soll.

Große Flexibilität legen auch die mikrofonverstärkten Sänger an den Tag: Frank Schneiders wirkt als Voltaire-Erzähler und Leibniz-Double so überzeugend, als sei er nie etwas anders als Schauspieler gewesen. Erst wenn er singt, wird man erinnert, dass er vor allem ein wunderbarer Bariton ist. Szenisch etwas weniger gefordert ist Sung-Keun Park, der dem Titelhelden vor allem stimmlich Glanz und Wärme verleiht. Und Sopranistin Ania Vergy bewältigt auch mit schauderhaft tantenhafter Frisur die extremen vokalen Ansprüche, die die Arie „Glitter and be Gay“ zum Hit und Bravourstück von „Candide“ machen, und bringt als verzogene Kunigunde auch sämtliche Temperamentsausbrüche ihrer Figur glaubhaft über die Rampe: Großer Jubel im auch von auffällig vielen jüngeren Besuchern gefüllten Saal.

Wieder am 28. Oktober sowie am 7., 15., und 17. November. Kartentelefon: (05 11) 99 99 11 11.

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