Menü
Hannoversche Allgemeine | Ihre Zeitung aus Hannover
Anmelden
Kultur Festival zeigt Filme von Spike Lee und Lars von Trier
Nachrichten Kultur Festival zeigt Filme von Spike Lee und Lars von Trier
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
02:16 18.05.2018
Mit kämpferischer Pose: Spike Lee zwischen den Schauspielern John David Washington und Adam Driver (rechts) in Cannes.  Quelle: dpa
Cannes

 Lars von Trier hat es wieder mal geschafft: Ein ganzer Schwung Zuschauer verließ die Cannes-Premiere seines Films „The House That Jack Built“ vorzeitig, manche davon in aufgelöstem Zustand. Und dabei war der Däne noch mit minutenlangen Standing Ovations begrüßt worden! Es ist aber auch nicht leicht zu ertragen, wenn auf der Leinwand einer Frau die Brüste abgeschnitten werden oder eine Familie vom Hochsitz aus nach Waidmannsart erlegt wird - erst der kleine Bruder, dann der größere, dann die Mama. Bei dieser Reihenfolge flüchtet niemand in den Wald.

Wieder mal mit Hitler

 Der mehr als zweieinhalbstündige Affront heißt „The House That Jack Built“. Es handelt sich im Wortsinn um ein Haus aus Leichen, gebaut in einer Kühlkammer. Mit einer Serienkiller-Exegese ist von Trier zum Festival zurückgekehrt, von Reue keine Spur. Vor sieben Jahren hatte Cannes den Regisseur zur Persona non grata erklärt, nachdem dieser von seiner Sympathie für Hitler schwadroniert hatte. Nun hat Cannes-Chef Thierry Frémaux ihm Amnestie erteilt. Er wusste, was er tat.

 Auf einen öffentlichen Auftritt verzichtet von Trier dieses Mal sicherheitshalber, auf Hitler nicht ganz: Kurz taucht der „Führer“ im Film auf, ebenso sind dokumentarische Bilder aus Konzentrationslagern zu erhaschen. Dazu gibt’s eine Eloge auf die Künste des NS-Baumeisters Albert Speer und eine weitere auf Stuka-Flugzeuge. Ebenso sind kulturhistorische Abhandlungen über gotische Kirchen oder die Pianomusik von Glenn Gould im Angebot.

Exorzismus in eigener Sache?

 Der Serienkiller Jack (Matt Dillon) hält das Töten für eine Kunst und sich selbst für einen Künstler - dabei ist er nur ein von Zwangsneurosen Getriebener und kein Genießer wie Berufskollege Hannibal Lecter, der Mörder aus „Das Schweigen der Lämmer“. Das Morden befreit Jack von seinen inneren Qualen. Nun erzählt er einem gewissen Verge (Bruno Ganz) von fünf seiner mehr als 60 Morde und nölt nebenbei, dass Männer immer als Täter gälten. Das Finale führt Jack immerhin ganz opernhaft in die Hölle.

 Mord respektive Kunst als Selbsttherapie? Als Exorzismus in eigener Sache? Als Egotrip? Dieses Lieblingsthema verfolgt Lars von Trier. Wir sollten uns vielleicht gar nicht so sehr über diesen aus dem Ruder gelaufenen Höllenausflug aufregen. Das würde nur ein teuflisches Lachen auf von Triers Gesicht zaubern. Seien wir froh, dass der Däne sich für eine Laufbahn als Filmemacher entschieden hat. Es hätte schlimmer kommen können.

 Gegen von Triers Blutrausch wirkt Spike Lees „BlacKkKlansman“ harmlos. Dabei hat es diese wahre Geschichte in sich. Als der US-Regisseur das erste Mal davon hörte, fragte er zweifelnd zurück: „Stimmt das wirklich?“ Es ist ja auch schwer zu glauben, was da vor knapp 40 Jahren in Colorado geschehen war: Ein schwarzer Polizist hatte den rassistischen Ku-Klux-Klan (KKK) unterwandert.

 Für den oft so verbiesterten Kämpfer gegen Rassismus ist diese Story eine Chance, endlich mal wieder locker zu lassen - und das Ergebnis eine Komödie, die sich an den Dumpfbacken in Colorado Springs gebührlich weidet, aber die Rechten von heute meint. Der Schoß ist fruchtbar noch: Lee zieht Parallelen bis zu den Extremisten-Aufmärschen von Charlottesville im Vorjahr und lässt auch Präsident Donald Trump zu Wort kommen, der sich nicht von ihnen distanzieren mochte  – und zu dem Spike Lee in Cannes umso deutlicher auf Distanz geht: „Wir haben einen Typen im Weißen Haus, ich werde nicht seinen Namen sagen, der diesen Moment nicht nur für Amerikaner, sondern für die ganze Welt verspottet hat.“

 Zunächst aber weiß Lee („Malcolm X“) seinen Zorn zu bremsen - nach einem furiosen Intro mit Alec Baldwin als rechtem Hassprediger. Detective Ron Stallworth (John David Washington, Sohn von Denzel) stößt auf eine Zeitungsanzeige, in der der Ku-Klux-Klan um neue Mitgleder wirbt. Stallworth ruft mal eben zurück, benutzt möglichst oft das Wort „Nigger“ und wird mit offenen Armen aufgenommen. Bei den KKK-Treffen kann er sich selbstredend nicht blicken lassen - und so schickt er seinen weißen Kollegen Flip Zimmerman (Adam Driver) vor.

Mit Agitprop-Grundierung

 Lee hat alle Sympathien auf seiner Seite bei diesem Bodydouble-Spiel, macht es sich aber zu einfach, wenn er die KKK-Truppe wie Karikaturen ihrer selbst aussehen lässt. Irgendwann nimmt er seinen eigentlichen Gegner ins Visier und baut aktuell anmutende Zitate wie „America First“ ein oder lässt ein prophetisches KKK-Mitglied die Eroberung des Weißen Hauses durch die Rechten ankündigen. Als Held Stallworth die Hohlköpfe schließlich zur Strecke gebracht, ein Attentat vereitelt und seine holde Aktivistenfreundin gerettet hat, blendet Lee in die Gegenwart: Wir sehen, wie der Todesfahrer von Charlottesville in die Menschen rast. Die junge Frau Heather Heyer starb dabei im August 2017. Ihr ist der Film gewidmet.

 Ob diese Komödie mit Agitprop-Grundierung die Jury überzeugt? Der US-Regisseur fühlte sich schon einmal um eine Goldene Palme betrogen, die 1989 nicht an seine Tragikomödie „Do the Right Thing“ ging, sondern an Steven Soderberghs „Sex, Lügen und Video“. Lars von Trier kann ihm die Palme keinesfalls wegschnappen: Serienkiller Jack begeht seine Morde in Cannes außer Konkurrenz.

Zitat: 

Wir haben einen Typen im Weißen Haus, ich werde nicht seinen Namen sagen, der diesen Moment nicht nur für Amerikaner, sondern für die ganze Welt verspottet hat.“

Zitierter: Spike Lee

Funktion Regisseur, über Donald Trump

Von Stefan Stosch

Kommentare 0 Nutzungsbedingungen
Die Debatte geht am Morgen weiter
Die Kommentarfunktion ist zwischen 23:00 und 06:00 Uhr nicht aktiv – denn wir wollen eine gute Moderation der Beiträge gewährleisten.
Die HAZ freut sich am Morgen über Ihre konstruktiven Beiträge zum Thema!

Familie ist was Wunderbares – auch für Superhelden. „Deadpool 2“ (Kinostart am 17. Mai) lehrt den Haudrauf mit den Samuraischwertern Vaterpflichten und Gemeinschaftsgeist.

15.05.2018

Der Schauspieler plaudert und liest im Leibniz-Theater aus seiner Autobiographie „Matula, hau mich raus!“ - leicht chaotisch, aber immer charmant.

18.05.2018
Kultur Tod von Margot Kidder - Abschied von Supermans Lois Lane

An der Seite von Christopher Reeve spielte sie sich als Lois Lane durch zahlreiche Superman-Filme, nun ist Schauspielerin Margot Kidder tot. Sie starb im Alter von 69 Jahren.

15.05.2018