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Kultur Carpenter verzaubert Kuppelsaal
Nachrichten Kultur Carpenter verzaubert Kuppelsaal
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10:14 22.02.2012
Von Rainer Wagner
Cameron Carpenter an seinem Arbeitsgerät: der Orgel. Quelle: Joos
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Hannover

Der amerikanische Organist Cameron Carpenter ist Showman und ernst zu nehmender Musiker. Aber welche Rolle (und welche Stücke) er jeweils spielt, das ist nicht vorhersehbar.

Vielleicht war deshalb der Andrang zu diesem Pro-Musica-Sonderkonzert doch überschaubar. Wer sich Glamour erhofft hatte, wurde mit seriösem Spiel überrascht (und vielleicht auch enttäuscht?). Wer sich ein Hochamt an der Orgel erwartet hatte, bekam zwar reichlich bachsche Musik, aber sehr eigenwillig interpretierte.

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Eigentlich wollte Carpenter schon im November in Hannover auftreten, damals wurde sein Instrument, mit dem er auf Reisen geht, beim Transport beschädigt. Jetzt aber stand der Spieltisch auf der ansonsten leeren Bühne des Kuppelsaals; statt der Orgelpfeifen arbeiteten von der Empore aus die Lautsprecher und die Elektronik und lieferten einen erstaunlich natürlichen Klang. Es gab übrigens in den frühen Jahren dieses Vielzwecksaales hier auch eine Konzertorgel, aber das ist lange her und wird wohl Geschichte bleiben, auch wenn einige hannoversche Musikfreunde von einer Rekonstruktion träumen. Cameron Carpenter hat ihnen keine Argumente geliefert: Es geht auch so.

Carpenter tritt gerne auch als Showstar auf, im Glitzergewand oder mit Cowboystiefeln. An diesem Abend gab er sich ganz als Diener seiner Sache, als Arbeitskluft nur Hemd, Hose (samt Hosenträgern) – und an den Füßen Lackschuhe, die auch einem Wolfgang Amadeus gefallen hätten.

Man bekam das gut mit, weil ein Videofilmer Bilder auf eine Leinwand über der Orgel projizierte. Was den Solisten aber bald störte, danach gab es Filmaufnahmen aus der Ferne und von der Seite.

Mit fleißiger Fußarbeit begann das Konzert. Carpenter baute das Bassfundament nicht protzig auf, sondern setzte Klangbaustein auf Klangbaustein. Dass der Weg zu Bach führen würde, war schnell erkennbar, aber auch Kenner brauchten ein paar Höreindrücke mehr, um das Präludium aus Bachs 1. Solo-Suite zu erkennen. Carpenter zeigt sich gerne als Bearbeiter. Er sieht sich selbst ja als „Übersetzer“ und brachte noch mehr Bearbeitungen zu Gehör. Da war es folgerichtig, dass er den Abend mit einer Improvisation über die erste Bourée aus Bachs 3. Cello-Suite beendete: mal very kitschy, mal very funky.

Bach mal original, mal originell, in jedem Fall aber mit schimmernden Klangfarben, einer subtilen Registerwahl und selbstbewussten Temporückungen gab es mit der Fantasia und Fuge in g-Moll und Präludium und Fuge in b-Moll. Bach-Puristen dürfte dabei nach Teufelsaustreibung zumute gewesen sein.

Die „Erinnerung“ („Evocacion“) aus Isaac Albeniz’ „Iberia“ schwebte sphärisch durch den Kuppelsaal. Gut zu sehen, wie Carpenter die große Spannweite seiner Hand gerne dazu nutzt, spinnengleich zwei übereinanderliegende Manuale zu greifen.

Erstaunlich war, wie selten Carpenter auftrumpfte. Nur bei seiner Bearbeitung von Liszts „La Campanella“ ließ er schon mal die Jahrmarktsorgel losbrausen. Zuvor aber hatte er neben den passenden Glockenspielereien auch ein fiktives Marimbaphon mitwirken lassen. Und später imitierte er geistesgegenwärtig den Klingelton eines Zuhörerhandys.

Selbst bei Richard RodgersSlaughter On Tenth Avenue“, das vor drei Jahrzehnten eine zweite Karriere als Rocknummer gemacht hatte, verzichtete Carpenter darauf, den Rausschmeißer (zur Pause) bloß knallig wirken zu lassen.

Wie sehr ihm das Sangliche liegt, demonstrierte er bei seiner Version von Robert Schumanns Lied „Er, der Herrlichste von Allen“. Und bei Franz Liszts Fantasie und Fuge über den Choral „Ad Nos“ (aus Meyerbeers einst höchst erfolgreicher Oper „Der Prophet“) vergaß Carpenter auch über aparten Klangnuancen das Große und Ganze nicht.

Für den starken Beifall bedankte sich der Solist nicht mit Showmastergebärden, sondern mit demütiger Geste: vor dem Podium, direkt beim Publikum.

Eines durfte dann doch nicht fehlen: seine spektakuläre, fußflinke Version von Frédéric Chopins „Revolutions-Etüde“.

Es muss nicht eine Revolution sein, eine Evolution ist auch nicht schlecht. Carpenter jedenfalls macht neugierig auf weitere Register des Spiels. Derzeit lässt er sich sich eine neue, spektakuläre Reiseorgel maßschreinern. Wenn die fertig ist, dann geht die Show erst richtig los.

21.02.2012
Ronald Meyer-Arlt 21.02.2012