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Kultur Charles Gounods „Faust" an der Staatsoper Hannover
Nachrichten Kultur Charles Gounods „Faust" an der Staatsoper Hannover
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19:36 06.05.2012
Von Rainer Wagner
Foto: Philipp Heo als Faust vor dem von Dan Ratiu einstudierten Chor.
Philipp Heo als Faust vor dem von Dan Ratiu einstudierten Chor. Quelle: Landsberg
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Hannover

Wenn es um den Doktor Faustus geht, verstehen die Deutschen keinen Spaß. Dann müssen dicke Bretter gebohrt werden, alles andere wäre Tändelei. Oder gar „welscher Tand“. So wurde Charles Gounods „Faust“-Oper diesseits des Rheins gerne eingestuft, auch wenn die Uraufführung der Erstfassung 1859 in Paris vielen Parisern „zu deutsch“ erschien.

Jedenfalls hat man hierzulande das Werk kurz nach der deutschen Erstaufführung 1861 in Darmstadt in „Margarete“ umbenannt. Unter diesem Namen kam die Oper bis vor wenigen Jahrenaller Orten auf die Bühne, doch für die konzertante Aufführung in der hannoverschen Staatsoper durfte der Verführer Faust wieder alles auf seine Kappe nehmen. Dass dennoch das Gretchen, das hier Marguérite heißt, im Zentrum steht, dafür sorgt Nicole Chevalier, die in Hannover als Violetta Valérie in Verdis „La Traviata“ für ausverkaufte Vorstellungen sorgt. Als Gretchen hat sie für Koketterie und für Verzweiflung stets die rechten Töne. Natürlich geht ihr auch die gleißende „Juwelen-Arie“ glänzend von den Lippen, hat sie für dasunschuldsreine, aber latent bedrohliche Chanson vom „Roi de Thulé“ doppelbödige Naivität zu bieten.

Margarete steht in dieser Männerwelt allein auf weiter Flur, wenn man einmal überhört, dass ihr Verehrer Siébel von einer Mezzosopranistin gesungen wird (was Monika Walerowicz formidabel macht). Gretchens kupplerische Freundin Martha Schwerdtlein ist hiernämlich gestrichen, was die Moderatorin des Abends, Katja Leclerc, immerhin eingesteht. Dennoch hätte man sich im Programmheft doch ein paar Sätze zum Thema „Wo ist der 5. Akt geblieben?“ gewünscht. Auch Opernfreunde, die sich nicht übermäßig intensiv mit musikdramaturgischen Fragen auseinandersetzen wollen, wissen gerne, wo sie sich befinden: nämlich in der textkritischen Edition des Musikwissenschaftlers FritzOeser, der 1972 eine vieraktige Version vorgelegt hat, die dann gerne nachgespielt wurde.

Auf das Quartett Martha-Margarete-Faust-Mephisto muss man hier also verzichten, aber alles Wichtige ist da. Vor allem Spielfreude des Niedersächsischen Staatsorchesters, das seinem 1. Kapellmeister Ivan Repušic´ reaktionssicher und klangvoll folgt. Repušic´ ist der rechte Mann für diesen Fall: Er dirigiert mit Schmackes, denn zimperlich darf man bei dieser effektsicheren Oper nicht sein. Dennoch gerät nichts grobschlächtig - und dass der von Dan Ratiu gewohnt kompetent einstudierte Chor manchmal doch etwas zu laut tönt, hängt damit zusammen, dass in konzertanten Aufführungen der Chor meist so frontal ins Publikum singt, wie er es als beschäftigter Musiktheaterakteur selten könnte. Dann herrscht eben Forte an der Himmelspforte, auch wenn am Ende die verklärenden Klänge geheimnisstark aus dem obersten Rang erklingen.

Dirigent Repušic´ hat ein Händchen für diese Art von Opern, kein Wunder, dass er längst auch in Berliner Opernhäusern Erfolg hat. Die Ouvertüre baut jedenfalls Stimmung und Spannung auf, ehe sich das Thema von Valentins Cavantine breitmachen darf. Als Marguérites ehrpusseliger Bruder Valentin ist kurzfristig Oleksandr Prytolyuk eingesprungen, der den Soldaten auch stimmlich als Haudegen skizziert. Dass Valentins Abschiedslied vom Komponisten als „Invocation“ (also als Beschwörung eines Geistwesens) definiert wurde, ist kurios, denn für die magischen Tricks in dieser Geschichte ist doch Méphistophélès zuständig. Der wird hier natürlich von Shavleg Armasi gesungen, denn keiner im Ensemble der hiesigen Staatsoper kann so teuflisch lachen wie dieser Bassist. Dem macht es sichtlich und hörbar Spaß, nicht nur vokal die Abgründe des Lebens auszumalen. Das Rondo vom Goldenen Kalb ist die Shownummer, die es sein soll, denn immerhin will sich Mephisto mit dieser Erzählung als der Zampano des Abends installieren.

Faust ist davon entsprechend beeindruckt. Philipp Heo singt ihn strahlstark, höhensicher und selbstbewusst, schließlich ist dieser Faust kein grüblerischer Philosoph, sondern ein Wissenschaftler, dem (fast) zu spät eingefallen ist, dass er in seinem Labor das Leben vergessen hat. Doch bei seinem Versuch, das „Weh und Ach“ der Frauen „aus einem Punkte zu kurieren“, scheitert er als emotionaler Quacksalber.

Da muss dann doch ein höheres Wesen eingreifen. Das Finale der Oper ist ganz großes Gefühlskino: ein bisschen Auferstehungssinfonie und ein bisschen Rummelplatz und in jedem Fall ganz schön sentimental - und Nicole Chevalier zieht zielsicher alle Register der Emotionen. Das geht nur ganz oder gar nicht.

In Hannover geht es ganz - und zwar sehr gut. Entsprechender Jubel. Die folgenden Aufführungen hätten allerdings ein paar Besucher mehr verdient.

Wieder am 10. und 20. Mai und im Juni. Kartentel.: (0511) 99991111.

06.05.2012
05.05.2012