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Kultur „Ich bin sozusagen leer gebumst“
Nachrichten Kultur „Ich bin sozusagen leer gebumst“
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19:42 21.08.2013
Frau mit vielen Talenten: Charlotte Roche arbeitete bereits als Moderatorin, Produzentin, Schauspielerin, Hörspielsprecherin und Autorin. Quelle: dpa

Frau Roche, wie war es denn, die Verfilmung Ihres eigenen Romans im Kino zu sehen?
Sehr, sehr aufregend. Ich habe vier Jahre auf den Film gewartet und immer versucht zu unterdrücken, dass ich nervös war, mir Sorgen machte, weil ich weiß, wie man Filme auch versauen kann. Das wurde immer schlimmer, bis ich reinging. Aber schon nach drei, vier Minuten, als diese Animation mit den Bakterien lief, die aussieht, wie ein ultra, fetter internationaler Film, wie ein Trip, da dachte ich, dass die wirklich den Vogel abgeschossen haben. 

Gibt es eine Szene, die Sie so richtig geekelt hat?
Gleich am Anfang, bei der Toilettenszene, kriege ich schon die Krise. Da läuft Carla mit nackten Füßen durch dieses dreckige Wasser, wo Jägermeisterflaschen rumliegen, Tiere rumlaufen. Man riecht förmlich, wie dieses Wasser stinkt. 

Haben Sie eigentlich schon damals beim Schreiben gedacht: Viel Spaß, wenn das jemand verfilmen will?
Beim Schreiben nicht. Da habe ich mir nur manchmal ins Fäustchen gelacht und gedacht, wenn das veröffentlicht wird, kann ich nie wieder einkaufen gehen. Ich habe mir den Film auch viel, viel ekelhafter vorgestellt. Als filmschaffender Laie habe ich mir nur vorstellen können, man verfilmt das ganze Buch. Das wäre allerdings wohl unerträglich geworden.

Als das Buch erschien, dachten alle: Wir kennen „Feuchtgebiete“, also kennen wir auch die Roche. Ist da was dran?
Ganz viel von dem, was passiert ist, konnte ich nicht ahnen. Zum Beispiel, dass ich nach acht Monaten einen Nervenzusammenbruch bekommen würde, weil ich ununterbrochen mit fremden Menschen über psychische Probleme und Analverkehr sprechen musste. Ich habe mich wirklich gefühlt wie eine Prostituierte, über die die Journalisten zehnmal am Tag drüber rutschen. Abends geht man dann nach Hause und hat keine Kraft mehr. 

Seit dem Roman „Feuchtgebiete“ haftet vielen Gesprächen mit Ihnen etwas Schlüpfriges an – ein bisschen gilt das ja nun auch für dieses. Stört Sie das eigentlich?
Das stimmt. Früher habe ich tatsächlich sehr gerne schlüpfrige Witze gemacht. Oder auch richtige Obszönitäten erzählt. Ich war bekannt dafür, immer die größte Fresse zu haben. Seit „Feuchtgebiete“ ist mein Pulver jedoch verschossen. Ich habe privat keinen Bock mehr darauf, Zoten zu reißen. Ich bin sozusagen leer gebumst. 

Sie sagen, Sie seien eher schambehaftet, und das Schreiben sei so eine Art Therapie für Sie gewesen. Fühlen Sie sich denn inzwischen geheilt oder zumindest auf dem Weg der Besserung?
Es hilft auf jeden Fall sehr. Denn ich breche keine Tabus, um Leute zu provozieren. Wenn überhaupt, dann breche ich ein Tabu, weil ich mich mit diesen Tabus isoliert fühle. Ich denke immer, ich wäre der erste Mensch, der dieses oder jenes mit seinem Körper hat. Ich traue mich zwar nicht, mit meiner Freundin drüber zu sprechen, aber ich traue mich, das in ein Buch zu schreiben. Ein Tabu isoliert mich und macht mich einsam und sprachlos. 

Kaum ein Roman der vergangenen Jahren trug den Stempel „unverfilmbar“ so groß und deutlich wie Charlotte Roches „Feuchtgebiete“. Regisseur David Wnendt hat die Herausforderung angenommen und bringt das Buch nun ins Kino.

Würden Sie sich denn tatsächlich einen freieren Umgang mit unseren Köpern wünschen?
Ich wünsche mir, dass wir offener über Sachen sprechen könnten. Ein Punkt allerdings würde mir doch Sorgen bereiten: Man stelle sich vor, wir wären alle ultrafrei, und wir würden uns dadurch trauen, einfach in jede Ecke zu kacken. Das fände ich nicht gut. Ein bisschen Verklemmtheit ist schon deshalb gut, weil wir dann mehr zu lachen haben. Man verliert viel Freude, wenn man total befreit ist. 

Nach „Feuchtgebiete“ und „Schoßgebete“ schreiben Sie gerade an Ihrem dritten Roman. Wird der wieder so persönlich?
Ja, ich kann gar nicht anders schreiben. Ich brauche immer was Echtes. Es gibt Autoren, die können sich alles komplett ausdenken. Aber ich brauche echte Leute. Manchmal mache ich aus einer Person, die ich kenne, vier Leute im Roman. Aber die Basis muss echt sein. 

Kennen Sie das Gefühl, sich nackt zu fühlen?
Ja. Aber ich kann nicht so tun, als wäre ich ein Opfer und ihr hättet mich alle ausgezogen. Ich habe es ja selbst gemacht. Ich war es, die sich ausgezogen hat.

Interview: Nora Lysk

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